EU wirbt für neues Afrika-Image

Siemens erhöht Investitionen

Foto: epa/Florian Wieser
Foto: epa/Florian Wieser

WIEN (dpa) - In 30 Jahren wird Nigeria 400 Millionen Einwohner haben - mehr als die USA. Die Zahl der Afrikaner wird sich bis 2050 auf 2,5 Milliarden verdoppeln. Die EU will schon im eigenen Interesse den Menschen vor Ort bessere wirtschaftliche Perspektiven bieten.

Afrika bedeutet in den Augen vieler Europäer immer noch Armut, Krankheit und Migration. Das soll sich ändern. Unter dem Eindruck der rasant wachsenden afrikanischen Bevölkerung will die EU mit den 54 Staaten des Kontinents Beziehungen auf Augenhöhe pflegen und dort die Wirtschaft ankurbeln. «Die Zukunft Afrikas ist auch unsere Zukunft», sagte EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker am Dienstag beim EU-Afrika-Forum in Wien.

Es sei nicht mehr angemessen, von einem Geber-Nehmer-Verhältnis zu reden oder die Beziehung auf den Aspekt der Migration zu reduzieren. Vor Spitzenpolitikern aus Europa und Afrika sowie Vertretern von 800 Unternehmen sprach Juncker von einer «Schicksalsgemeinschaft». Er forderte mehr Investitionen europäischer Unternehmen.

Da passte es bestens ins Bild, dass Siemens-Chef Joe Kaeser bei dem Treffen zusätzliche Investitionen des Konzerns in Höhe von 500 Millionen Euro in Afrika ankündigte. Sie sollen unter anderem der Infrastruktur und dem Ausbildungssektor zugute kommen. Mehrere afrikanische Länder unterzeichneten ein Kreditabkommen mit der Europäischen Investitionsbank (EIB) über 500 Millionen Euro. Davon sollen 350 Millionen Euro für die Renovierung der U-Bahn von Kairo genutzt werden.

Eine Weltbank-Vertreterin unterstrich zudem, dass in den nächsten Jahren 25 Milliarden US-Dollar (22 Milliarden Euro) in den Auf- und Ausbau der digitalen Infrastruktur in Afrika fließen sollen. Aktuell hat dort nur etwa ein Fünftel der 1,2 Milliarden Menschen Zugang zum Netz.

Wie sehr das Image des Kontinents zumindest im Fall einzelner Länder schon jetzt trügen kann, betonte die Präsidentin Äthiopiens, Zewde Sahle-Work. Das ostafrikanische Land - einst von Hungerkatastrophen gebeutelt - verzeichne ein rasantes Wirtschaftswachstums und fördere die Ausbildung von Ingenieuren. Der Staat werde bald den Telekommunikationsmarkt liberalisieren, versprach sie. Von 105 Millionen Einwohner hätten 62 Millionen Mobilfunkverträge. Trotz allen Fortschritts gehört Äthiopien einem UN-Index zufolge jedoch nach wie vor zu den 20 ärmsten Ländern der Welt.

Die Aufgeschlossenheit Europas für veränderte Beziehungen zum Nachbarkontinent hat auch mit den Bevölkerungsprognosen zu tun. 2050 wird jeder vierte der dann zehn Milliarden Menschen in Afrika leben. Allein Nigeria wird laut UN-Prognosen 400 Millionen Einwohnern haben - mehr als die USA. Nicht von ungefähr forderte der gastgebende österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz, Afrika künftig als Kontinent der Chancen mit einem großen Markt und sehr dynamischem Wachstum anzusehen.

Auf der Konferenz blieb oft unausgesprochen, welches realpolitische Kalkül dahintersteckt: Kommt der Wohlstand nicht nach Afrika, könnten viele Afrikaner ihr Heil in Europa suchen. Darüber hinaus herrscht die Sorge, dass Länder wie Mali, der Niger oder Teile Nigerias und Somalias instabil werden könnten - und damit ideale Rückzugsgebiete für islamistische Terroristen.

Aktuell ist für Afrika die EU - die Heimat der früheren Kolonialherren - nur noch der drittgrößte Handelspartner, vor allem wegen des rasanten Anstiegs von Chinas Handelsbeziehungen mit dem afrikanischen Kontinent. Peking steht der EU-Kommission zufolge inzwischen an erster Stelle der Handelspartner, gefolgt von Japan und der EU. Und China macht den Ländern Afrikas keine Vorhaltungen in Sachen Menschenrechte. Nötige Reformen seien Sache der einzelnen Staaten, betonte Juncker nun.

Der Kommissionsvorsitzende der Afrikanischen Union (AU), Moussa Faki Mahamat, warnte davor, Afrika als strategischen Zankapfel zu behandeln. Der Kontinent sei kein «leeres Terrain, auf dem sich Amerikaner, Chinesen und Europäer miteinander schlagen» und «um Ressourcen streiten, auch wenn das in der Vergangenheit so war». Afrika gehöre den Afrikanern, betonte er.

Die EU hat 2017 Waren im Wert von rund 150 Milliarden Euro nach Afrika exportiert, die Importe beliefen sich auf rund 130 Milliarden Euro. Tatsächlich repräsentierten etwa im Jahr 2016 aber nur rund sechs Staaten etwa 70 Prozent des gesamten Handelsvolumens: Südafrika, Algerien, Marokko, Ägypten, Tunesien und Nigeria.

Die ungleiche Verteilung von Chancen und Risiken auf dem afrikanischen Kontinent ist evident. Aktuell gehen Unternehmen in der Regel nur in die wenigen bereits gut funktionierenden Staaten mit solidem Rechtssystem wie Südafrika oder Ghana. Auch die rasch wachsenden Staaten wie Äthiopien oder Ruanda können profitieren. Die vielen von Konflikten heimgesuchten oder von Krankheiten wie Malaria geplagten Staaten Afrikas hingegen bleiben außen vor.

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Leserkommentare

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Norbert Kurt Leupi 20.12.18 23:22
Wieder eine Lachnummer...
des "durstigen EU-Präsidenten Juncker " ! Bei dieser hochkarätig besetzten EU-Afrika -Konferenz musste der Hofnarr Jean-Claude Juncker wieder einmal wegen " Gleichgewichtsstörungen " von zwei Mitarbeitern gestützt werden ! Man munkelt, dass , wenn er ein Glas Wasser bestellt , GIN im Glas ist ! " Einfach vorbildlich , dieser ALKI-EU-Kommissions-Präsident " ?
Johann Riedlberger 20.12.18 13:59
Mahamat hat ein wahres Wort gesprochen:
"Afrika gehört den Afrikandern" man sollte wie selbstverständlich hinzufügen, dass Europa den Europäern gehört!