Essen

Essen dient im Isaan nicht nur der Nahrungsaufnahme sondern ist "sanuk". Gegessen wird allgemein im Familienkreis, aber auch in den vielen Garküchen am Strassenrand. Unentbehrlicher Bestandteil jeder Isaan-Mahlzeit, so wie bei uns Kartoffeln oder Brot, ist Klebereis, der meist ohne Gabel und Löffel mit den Fingern gegessen wird. Nicht umsonst bedeutet das Thai-Wort für essen "gin kao" was wörtlich übersetzt heisst "Reis zu sich nehmen". Eine Mahlzeit ohne Reis wird nicht als wirkliche, den Hunger sättigende Mahlzeit angesehen. Daneben wird viel Grünzeug gegessen, nicht nur Gemüse, sondern überwiegend Kräuter und Blätter, die in der Natur wachsen. Das sind vor allem Wasserpflanzen, aber auch verschiedene Baumblätter. Das Grünzeug hat meist einen bitteren oder sauren Geschmack und ist kaum etwas für den Farang-Gaumen. Die Isaan-Küche ist scharf, vielleicht nicht ganz so scharf wie die Indische Küche, aber doch so, dass es uns Europäern bei den hier typischen Curry-gerichten die Tränen in die Augen treibt. Thailand ist ein tropisches Land, und Chili war zu der Zeit, als man noch keine Kühlschränke kannte, ein notwendiges Mittel, um Speisen vor zu schnellem Verderb zu bewahren. Grundlage der meisten Gerichte ist ein zu Beginn des Kochens in einem kleinen Mörser zubereitetes Gemisch aus Knoblauch, Currypaste, kleinen roten Paprikaschoten und verschiedenen Kräutern. Die im Mörser zusammengestampfte Paste kommt dann zuerst mit etwas Öl in die über einer offenen Flamme stehende Pfanne, den Wog. Anschliessend werden dann die Zutaten, Fleisch, Fisch, Nudeln usw. der Reihe nach zugegeben und geschmort. Ein typisches Isaan-Gericht ist "Som-Tam", das jeder Farang kennen lernen wird, der eine Zeit lang mit einem Mädchen aus dem Nordosten Thailands zusammen ist. Dieses Isaan-Nationalgericht ist ein Mischgemüse, bestehend aus klein gehackten grünen Papayas, Zwiebeln, Tomaten, Zitrone, Pfeffer, Salz und Chilischoten. Zur Geschmacksaufbesserung wird dem Ganzen eine ordentliche Portion fermentierter Fisch oder Krabben beigegeben. Es ist vor allem die letztere Zutat, die dem Ganzen den typischen Geruch, man kann auch sagen Gestank, gibt, der den Farang allgemein vom Verzehr abschrecken wird. Überall auf den Strassen und an den Stränden von Pattaya und Phuket sieht man Frauen mit den nötigen Zutaten in Körben an einer Tragestange über der Schulter umherwandern und hört das klopfende Geräusch, mit dem sie am Boden hockend die grünen Papayas, die ja die Basis dieses Gemüses bilden, zerstampfen. Das Zeug wird deshalb von den Farang auch "papaya-pok-pok" genannt. Wenn sich ein Farang aber von seiner Isaan-Freundin, die keinen Tag ohne Som-Tam leben könnte, dazu verleiten lässt, einen Bissen von diesem scharfen Zeug zu probieren, sollte er sich vorher vergewissern, eine gefüllte Wasserflasche griffbereit zu haben, da ihm sonst nach ein paar Sekunden die Flammen aus dem Hals schlagen werden. Gegessen wird grundsätzlich im Familienkreis. Abends kommt die ganze Familie zur Hauptmahlzeit zusammen. Dabei gibt es nicht verschiedene Gänge, sondern viele Gerichte werden nebeneinander gegessen. Jeder von den Brüdern und Schwestern, die ringsumher wohnen, bringt in der Regel seinen Beitrag mit, und alles hockt sich im Kreis auf eine auf den Boden gelegte Matte. Ein grosser Topf mit gekochtem Reis und verschiedene Töpfe mit den Beilagen (Fleisch, Fisch, Huhn, Gemüse, Suppe) wird in die Mitte gestellt, und jeder füllt sich zunächst eine ordentliche Portion Reis auf den Teller. Beim Essen kann jeder aus der Vielzahl der aufgetragenen Gerichte wählen. Man nimmt sich abwechselnd einen Löffel von den Beilagen, die einem schmecken und isst dies zusammen mit seinem Reis. Es ist nicht höflich, wenn man sich gleich zu Beginn mehrere Löffel von den Beilagen auf den Teller tut, damit man nicht so oft zugreifen muss. Die Reste kommen in den Schrank und werden am nächsten Morgen zum Frühstück serviert, mit Ausnahme des Reis, der morgens immer frisch gekocht wird. Die Mahlzeiten während des Tages sind immer die gleichen, d. h. es werden morgens, mittags und abends immer die gleichen Speisen serviert. Reis enthält vor allem Kohlenhydrat, aber kaum Kalcium. Milchprodukte sind praktisch unbekannt, die Kühe, die neben den das Bild des Isaan beherrschenden Wasserbüffeln gehalten werden, dienen nur als Schlachtvieh und werden nicht gemolken. Als Folge des Kalciummangels ist Osteoporose im Isaan bei älteren Leuten weit verbreitet, und man kann auf den Dörfern überall vor allem alte Frauen mit stark gekrümmten Rücken sehen. Um dem Kalciummangel abzuhelfen, bekommen Schulkinder im Rahmen eines Regierungsprogramms jetzt jeden Morgen einen Viertelliter sterili-sierte Milch zu trinken. Zum Essen getrunken wird Wasser. Entweder Wasser aus einem Brunnen oder Regenwasser, das in der Regenzeit in grossen Tonfässern gesammelt wird. An der Zahl und Grösse der hinter dem Haus stehenden Tonfässer kann man auf den Wohlstand der Familie schliessen. Bei jedem Haus ist an der Dachrinne statt eines Abfallrohrs ein grosser Schlauch angebracht, der das vom Dach herniederströmende Regenwasser abwechselnd in die Tonfässer leitet. Das Wasser hält sich in den Tonfässern erstaunlich gut. Gegen Ende der Trockenzeit ist das Wasser aber schon einige Monate alt, und wenn der Farang nicht einen ausgepichten Magen hat, ist es ratsam, sich an Trinkwasser in Flaschen zu halten, das es überall zu kaufen gibt. Natürlich trinken die Leute auch gerne Bier, aber es ist für die Dorfbewohner allgemein zu teuer und wird nur bei festlichen Anlässen serviert. Wenn Bier oder Reisschnaps getrunken wird, dann aber immer vor dem Essen, nicht beim Essen wie bei uns. Wenn ich abends vor dem Haus sitze und trinke eine Flasche Bier, dann gehört es zum guten Ton, das man einen vorbeikommenden Nachbarn einlädt, ein Glas mitzutrinken. Aber selbst von Leuten, die, wie ich weiss, einem guten Tropfen nicht abgeneigt sind, bekomme ich dann oft zur Antwort "vielen Dank, aber ich habe schon gegessen". Spezialitäten Im Isaan wird alles gegessen, was nicht schnell genug weglaufen oder wegfliegen kann. Geröstete Heuschrecken, Grillen, Wasserkäfer, Seidenwürmer und Ameiseneier sind seit jeher ein Leckerbissen im Isaan. Tiere und Insekten, vor denen wir Farang normalerweise Abscheu haben und sie nicht anfassen, geschweige denn in den Mund nehmen würden, gelten hier als Leckerbissen. Das gilt nicht nur für die Feldratten, sondern auf den Märkten und am Strassenrand bieten fliegende Händler all das, was wir normalerweise mit der Fliegenklatsche erschlagen oder mit der Spraydose erledigen, als Delikatesse an. In Öl frittierte Käfer, Heuschrecken und Larven werden hier genau so geknabbert wie bei uns Popkorn, Chips oder Erdnüsse. Besonders beliebt sind auch gekochte oder gebratene Seidenraupen. Wenn bei uns die Oma von den gekochten Seidenraupen die feinen Seidenfäden abspult, dann sitzen die Kinder daneben und streiten sich um die abgespulten Tierchen, die dann so vernascht werden. In manchen Gegenden, wo es ein reiches Angebot von fliegendem Käfergetier gibt, ist das Fangen und der Verkauf der Insekten für die hier wohnenden Leute ein regelrechter Broterwerb geworden. Heuschrecken und Käfer werden hier bei Nacht mit blauvioletten, fluoreszierenden Lampen angelockt, in Netzen gefangen, unter Zugabe von Salz und verschiedenen Kräutern geröstet und dann an Aufkäufer verkauft. Sie schmecken natürlich am besten täglich frisch gefangen und geröstet, man kann sie neuerdings aber sogar als Konserven im Supermarkt kaufen. Wenn auch die an der Strasse angebotenen frittierten Käfer für uns wie plattgetretene Kakerlaken aussehen, so sind sie doch für die Leute aus dem Isaan ein nahrhafter Leckerbissen. Tatsächlich enthalten die angebotenen Insekten zwei bis dreimal soviel Protein, bezogen aufs Körpergewicht, als Fleisch oder Fisch, haben aber weniger als den halben Fettgehalt der gebräuchlichen tierischen Produkte und sind ausserdem reich an für das Wohlbefinden wichtigen Spurenelementen wie z.B., Eisen und Phosphor. Wenn man es über sich brächte, das Krabbelzeug runterzuschlucken, wäre es also die ge-eignete Diät für den mit Übergewicht belasteten Farang. Mit dem Zufluss von Leuten aus dem Isaan, die in Bangkok und in den Touristenzentren Arbeit suchen, begannen auch hier die Strassenhändler geröstete Insekten zu verkaufen. Mit der zunehmenden Anwendung von Insektiziden treten aber Probleme und Gesundheitsgefahren auf. Die thailändische Regierung hat sogar vor dem Verzehr von Heuschrecken gewarnt. Bei dem starken Verbrauch von toxischen Insektenvertilgungsmitteln ist allerdings die Ausbeute in Thailand immer geringer geworden, so dass heute die meisten Tiere aus Kambod-scha importiert und dann oft mit der Zusicherung "garantiert frei von Insektiziden" angeboten werden. Eines abends sassen wir mit ein paar Nachbarn gemütlich bei einer Flasche Bier, als plötzlich der Strom ausfiel und das Licht ausging. Da so etwas öfter passiert, waren aber gleich ein paar Kerzen zur Hand und wurden angezündet. Am Tage hatte es etwas geregnet, so dass jetzt eine Menge Viehzeug in der Luft herumschwirrte. Es waren besonders mottenähnliche Insekten mit grossen Flügeln, die um die Kerzen herum tanzten und immer dann, wenn sie der Flamme zu nahe kamen, sich die Flügel ansengten und auf die Tischplatte fielen. Dort blieben sie aber nicht lange liegen, denn die um den Tisch herumsitzenden Kinder nahmen sie bei den Flügeln, hielten den Körper der Tiere einen Augenblick in die Kerzenflamme und verspeisten sie dann als Leckerbissen. Spannendes Buch über den Isaan Günther Ruffert Günther Ruffert kam vor über zwei Jahrzehnten als Bauingenieur erstmals nach Thailand. Vor sieben Jahren baute er sich im Isaan bei Surin ein Haus, in dem er mit seiner thailändischen Frau und Tochter lebt. Die Familie kauft bei Bauern nach der Ernte Reis auf und gibt ihn an Grosshändler weiter. Zudem hat der jetzt 75jährige auf 150 Rai mit dem Zuckerrohranbau begonnen. Da Anbau und Ernte arbeitsintensiv sind, ist zeitweise die Hälfte der Dorfbewohner bei Ruffert beschäftigt. Der Deutsche spricht inzwischen fliessend Thai und versucht, sich dem alltäglichen Tagesablauf in seinem Dorf anzupassen.

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