Es muss nicht immer Corona sein

Bei unserer letzten Begegnung in seinem Haus saß er wie üblich in einem Sessel auf der Veranda. Er thronte da mehr als dass er saß, die Ellbogen ruhten auf den ausladenden Armstützen des Polsters, die unvermeidliche Zigarette in der Hand, ein Glas Rotwein in der anderen. Er machte sich nicht die Mühe, zur Begrüßung aufzustehen, sondern nickte uns nur hoheitsvoll zu.

Der Anlass unseres Besuches war ja auch nicht gerade ein Grund, um Freudensprünge zu machen, denn er war mit der Miete in Verzug und meine Frau sollte ihn im Auftrag ihrer Firma sanft daran erinnern. Ein Auftrag wie geschaffen, um dem Familienausflug am Sonntagmorgen ein bisschen Würze zu verleihen.

Leser meiner Kolumne werden es erraten haben: Wir waren zu Besuch bei Felix, dem Original und notorischen Schwerenöter, von welchem hier hin und wieder die Rede war.

Der letzte Akt

Felix sah bleich und mitgenommen aus. Seine Freundin kochte zwar regelmäßig für ihn oder brachte ihm die Mahlzeiten ins Haus, aber wieso essen, wenn man die Kalorien trinken kann? Er musste unsere Gedanken erraten haben, denn er sprang urplötzlich auf, umfass-te mich mit beiden Armen und drückte mit aller Kraft, um zu beweisen, dass er noch voll im Saft (!) sei und sich die Sorge um ihn erübrige. Unsere Tochter blickte erschrocken auf, und da er mich nicht gleich wieder losließ, zwinkerte ich ihr zu. Hier war nicht mit Mord und Totschlag zu rechnen, es war bloß Shakespeare auf dürftigem Niveau: McBluff, letzter Akt, Auftritt des Clowns.

Es war dann auch wirklich der letzte Akt: Felix ist tot. Er starb im Spital, umsorgt von guten Geistern. Seine Familie bat mich, die Bestattung nach buddhistischem Ritus zu organisieren, gab mir eine Vollmacht für alles, aber den Marathon durch die Thai-Bürokratie blieb an meiner Frau Lin hängen, sonst hätte es bis zum jüngsten Tag gedauert und sich mit Felix’ Wiederauferstehung auch erübrigt.

Ich begleitete sie auf allen Behördengängen und sammelte Totenscheine wie andere Leute Briefmarken - Spital, Stadtverwaltung, Immigration, Tempel - alle wollten bescheinigen, dass Felix das irdische Jammertal wirklich verlassen hatte. Freunde mussten keine benachrichtigt werden, es gab keine. Mit einem Nachlass in klingender Münze war selbstredend auch nicht zu rechnen, wo andere Leute ein Bankkonto haben, war bei ihm ein schwarzes Loch. Zu Geld hatte Felix sowieso ein eher nonchalantes Verhältnis, wie folgende Anekdote zeigt:

Ein Bad für 10.000 Baht

Als er die Monatsrente von der Bank abgeholt hatte, steckte er sie einfach in seine Shorts und vergaß sie. Eine Weile später sprang er mit vollen Taschen in den Pool des Resorts, paddelte ein bisschen darin herum und ging wieder nach Hause. Der Bademeister tauchte nach den 1.000-Baht-Scheinen, brachte sie Felix und hängte sie an der Wäscheleine auf, während er seinen Rausch ausschlief. Ihm ist die Erfindung des „Wash-Line-Accounts“ zu verdanken. Der Name ist nicht geschützt und darf für ein entsprechendes Start-up verwendet werden.

Felix ruhte in der Leichenhalle des Spitals, bis die Zeit zur Überführung in den Stadttempel von Hua Hin gekommen war, wo er nach buddhistischem Ritual feierlich kremiert werden sollte. Ich wartete vor der Halle, bis zwei Männer mit einem Pick-up vorfuhren, darin verschwanden und kurz darauf einen Blechsarg herausschleppten.

Der ist doch viel zu groß für den Pickup, dachte ich, wie wollen die das Ding da unterbringen? Das war aber gar nicht die Absicht der Männer. Sie holten noch eine Tragbahre heraus, öffneten den Metallsarg und hoben eine weiß-blaue Plastikhülle heraus, die die Form eines menschlichen Körpers hatte.

Darin war Felix oder seine sterblichen Überreste.

Er passte zentimetergenau auf die überdachte Ladefläche des Pickups. Die beiden Männer setzten sich wieder in die Kabine und gaben mir per Handzeichen zu verstehen, dass ich auf der Ladefläche neben der Leiche Platz nehmen sollte.

Ich tat wie geheißen. Es war meine Jungfernfahrt in einem Leichenwagen. Das Schicksal erlaubte mir, schon mal für den Ernstfall zu üben. Eine solche Chance hat nicht jeder.

Während der Fahrt schien neues Leben in Felix zu kommen. Seine Gliedmaßen zuckten bei jeder Bewegung über die holperigen Straßen von Hua Hin, als würde er sich den Tod vom Leibe schütteln. Es hätte mich nicht gewundert, wenn er die Plastikplane abgestreift, ein bisschen irritiert die Umgebung geprüft und nach einem Bier und Zigaretten verlangt hätte. Aber welcher Lebenswille kann sich schon gegen vier Totenscheine durchsetzen? Auch wenn sie „Made in Thailand“ sind. Ich wurde aber auch nachdenklich, die Lektion war klar:

Probefahrt im Leichenwagen

Die Hinfälligkeit meiner Exis­tenz hätte mir nicht deutlicher vor Augen geführt werden können. Es gibt Menschen, die brauchen für diese Erkenntnis eine Probefahrt im Leichenwagen. Offenbar gehöre ich auch dazu und kann das jedermann wärmstens empfehlen, man fühlt sich anschließend lebendiger denn je.

Wäre das nicht auch eine Geschäftsidee? Eine Rundfahrt im Leichenwagen, Abfahrt zur Geisterstunde beim Hua Hin Spital zur Abdankungshalle im Tempel mit anschließendem Barbecue beim Krematorium. Ob die Teilnehmer sich probeweise einäschern lassen wollen, darf vor Ort entschieden werden, eine Urne wird gratis abgegeben.


​Über den Autor

Khun Resjek lebt mit seiner thailändischen Frau und Tochter in Hua Hin. Seine Kolumne „Thailand Mon Amour“ illustriert auf humorvolle Weise den Alltag im „Land des Lächelns“ aus der Sicht eines Farang und weist mit Augenzwinkern auf das Spannungsfeld der kulturellen Unterschiede und Ansichten hin, die sich im Familienalltag ergeben. Ein Clash der Kulturen der heiteren Art, witzig und prägnant auf den Punkt gebracht.

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Jörg LOHKAMP 25.10.20 17:01
Ein guter Bericht - humorvoll verpackt ...
und so passend verpackt zu meiner eigenen Situation - der ich gerade hier in Deutschland -
Tod + Einäscherung in der eigenen Familie mitgemacht habe. Der Bericht brachte mich daher durchaus zu schmunzeln, ich bin mir aber auch sicher das, in Thailand das ganze, viel günstiger, vonstatten geht als in Deutschland. Alles in allem sind sicher in Thailand für den toten Felix - bei dem ja beschriebener Weise, stets Ebbe in der Kasse herrschte - keine Kosten von umgerechnet mehr als 5500 EURO entstanden.

Besonders schön + makaber fand ich die Stelle wo zum - Mittransport mit der Leiche -
" eingeladen " wurde. Das stelle ich mir einmal HIER in Deutschland vor - eine recht lustige Vorstellung.