Djokovic hofft auf Fans im Wimbledon-Finale

Es geht um Geschichte 

Der serbische Spieler Novak Djokovic feiert nach seinem Sieg im Halbfinale der Herren gegen Denis Shapovalov . Foto: epa/Neil Hall
Der serbische Spieler Novak Djokovic feiert nach seinem Sieg im Halbfinale der Herren gegen Denis Shapovalov . Foto: epa/Neil Hall

LONDON: Für Novak Djokovic steht wieder einmal viel auf dem Spiel im Finale von Wimbledon. Mit dem Titelgewinn kann die Nummer eins der Tennis-Welt nicht nur einen Rekord einstellen. Gegner Matteo Berrettini möchte eine lange italienische Wartezeit beenden.

Zur Popularität von Roger Federer und Rafael Nadal fehlt Novak Djokovic noch etwas, zur Rekordmarke der beiden Granden kann der derzeit alles überragende Tennis-Primus schon an diesem Sonntag (15.00 Uhr/Sky) aufschließen. Und dafür hofft der 34-Jährige im Wimbledon-Endspiel gegen den Italiener Matteo Berrettini auch auf die Unterstützung von den 15.000 Fans auf dem Centre Court in London.

Während der 25-jährige Berrettini in sein erstes Finale bei einem Grand-Slam-Turnier geht, kann Djokovic in seinem 30. Endspiel bei einem der vier wichtigsten Turniere seinen 20. Titel holen - und damit genauso viele wie der im Viertelfinale ausgeschiedene Altmeister Federer und der in London fehlende Nadal.

«Das würde mir alles bedeuten. Darum bin ich hier», sagte der Weltranglisten-Erste am Freitagabend nach seinem hart erkämpften Halbfinalerfolg über den Kanadier Denis Shapovalov. Natürlich würden die Menschen auch gern einen Außenseiter gewinnen sehen. «Aber hoffentlich können die Leute auch die Bedeutung dieses Matches für mich anerkennen. Es steht Geschichte auf dem Spiel», sagte Djokovic.

Den Weltranglisten-Neunten Berrettini hat er in beiden bisherigen Vergleichen bezwungen, darunter vor vier Wochen im Viertelfinale auf Sand bei den French Open. Mit Siegen in grandiosen Partien gegen Paris-Rekordsieger Nadal und den Griechen Stefanos Tsitsipas machte Djokovic danach den zweiten French-Open-Titel perfekt und dachte sofort an seine nächste Aufgabe auf dem Rasen in Wimbledon.

«Bevor ich nach London gekommen bin, habe ich mir vorgestellt, dass ich mich in eine sehr gute Ausgangsposition bringe, um um eine weitere Grand-Slam-Trophäe zu kämpfen. Ich habe mich in eine sehr gute Position gebracht», sagte Djokovic. Und wäre der Klassiker im Vorjahr nicht wegen der Corona-Pandemie ausgefallen, hätte der 2018 und 2019 erfolgreiche Djokovic vielleicht schon längst den Grand-Slam-Rekord egalisiert oder sogar für sich allein.

Seine Disqualifikation bei den vorigen US Open, als er einen Ball wegschlug und versehentlich eine Linienrichterin traf, kostete ihn eine weitere Titelchance und erneut auch Sympathien. Die von ihm organisierte, misslungene Adria-Tour, bei der er sich sogar selbst mit dem Coronavirus infizierte, brachte Djokovic zuvor viel Kritik ein - obwohl er aus eigener Sicht eigentlich nur Gutes wollte.

In Wimbledon tritt der einstige Schützling von Boris Becker zurückhaltend auf und wehrt die Komplimente für seine fantastischen Statistiken fast ab. Shapovalov betonte, Djokovic werde nicht ausreichend gewürdigt. Der 22-Jährige berichtete nach dem für ihn sehr unglücklichen 6:7 (3:7), 5:7, 5:7, wie Djokovic ihn bei der Gratulation am Netz und auch noch in der Kabine getröstet habe. «Das bedeutet mir viel. Das muss er nicht machen.» Er würde sich freuen, wenn Djokovic sein Mentor wäre, erklärte der Weltranglisten-Zwölfte scherzend: «Das würde nämlich bedeuten, dass er aufhört zu spielen.»

Daran denkt Djokovic gar nicht. Eher daran, dass ihm ein sechster Wimbledonsieg die Chance erhält, erstmals seit dem Australier Rod Laver 1969 alle vier Grand-Slam-Turniere in einem Jahr zu gewinnen. Dazu strebt er Olympia-Gold in Tokio an. Den Golden Slam schaffte nur Steffi Graf 1988. Die heute 52-Jährige gewann 22 Grand-Slam-Titel, die Amerikanerin Serena Williams steht bei 23 und jagt mit bald 40 Jahren den Allzeitrekord der Australierin Margaret Court, die 24 hat. Vielleicht werden auch diese Zahlen interessant für Djokovic.

Berrettini will vor dem EM-Endspiel der Fußballer gegen England in Wembley Großes für Italien schaffen. Erstmals ist die Sportnation in einem Einzelendspiel in Wimbledon vertreten. Nicola Pietrangeli 1959 und 1960 in Paris sowie Adriano Panatta ebenfalls bei den French Open holten als einzige italienische Herren jemals einen Grand-Slam-Titel. Panattas Erfolg liegt schon 45 Jahre zurück. Den sympathischen Berrettini werden am Sonntag wohl nicht nur Italiener unterstützen.

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