Erstmals seit Jahrzehnten wieder Todesurteile vollstreckt

Die Flagge Myanmars weht auf Halbmast vor dem Gebäude der Myanmar Port Authority in Yangon. Foto: epa/Stringer
Die Flagge Myanmars weht auf Halbmast vor dem Gebäude der Myanmar Port Authority in Yangon. Foto: epa/Stringer

NAYPYIDAW: Die Generäle in Myanmar haben erstmals seit 1990 vier Menschen hinrichten lassen - offenbar ohne Vorwarnung für die Familien. Zwei der Männer waren im Land sehr prominent und kämpften seit Jahrzehnten für mehr Demokratie. Menschenrechtler sind schockiert.

Die Junta in Myanmar hat trotz internationaler Proteste erstmals seit Jahrzehnten wieder Todesurteile vollstreckt. Vier im Januar verurteilte Dissidenten seien hingerichtet worden, darunter der frühere Parlamentsabgeordnete und Hip-Hop-Künstler Phyo Zeya Thaw (41) und der prominente Demokratieaktivist Kyaw Min Yu (53), auch bekannt unter dem Namen Jimmy. Dies berichtete die staatliche Zeitung «Global New Light of Myanmar» am Montag. Sie seien für schuldig befunden worden, bei der Durchführung «unmenschlicher Terrorakte» geholfen zu haben.

Es handelt sich um die ersten vollzogenen Todesstrafen in dem südostasiatischen Krisenstaat seit 1990. «Die schockierende Geschwindigkeit, mit der die Todesurteile vollstreckt wurden, und die Gefühllosigkeit, mit der sie durchgeführt wurden, werden noch dadurch verschlimmert, dass die Familien - genau wie wir alle - im Nachhinein und nur durch die Medien vom Tod ihrer Angehörigen erfuhren», sagte Manny Maung von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch der Deutschen Presse-Agentur. Er forderte die Internationale Gemeinschaft auf, dringend Maßnahmen gegen die Militärregierung zu ergreifen.

Die Generäle hatten im Februar 2021 geputscht und die De-Facto-Regierungschefin Aung San Suu Kyi (77) entmachtet. Seither versinkt das frühere Birma in Chaos und Gewalt.

Eine den Familien nahestehende Quelle sagte, die Männer seien am Sonntagmorgen gehängt worden. Der UN-Sonderberichterstatter für die Menschenrechtslage in Myanmar, Tom Andrews, twitterte, er sei «erschüttert» von der Nachricht: «Die UN-Mitgliedstaaten müssen ihre Leben ehren, indem sie diese verderbte Tat zu einem Wendepunkt bei der Reaktion der Welt auf diese Krise machen.»

Die amtierende Asien-Direktorin von Human Rights Watch, Elaine Pearson, sprach von «einem Akt äußerster Grausamkeit». Die Junta ziele mit dieser Barbarei darauf ab, die Anti-Putsch-Protestbewegung zum Schweigen zu bringen. Die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union, die Vereinigten Staaten und andere Regierungen sollten die Junta umgehend wissen lassen, «dass die von ihr begangenen Gräueltaten Konsequenzen haben».

Phyo Zeya Thaw und Kyaw Min Yu durften ihre Familien vor wenigen Tagen noch einmal per Zoom-Schalte sehen, berichteten lokale Medien und den Familien nahe stehende Quellen. «Wir haben gehofft, die Urteile würden nicht vollstreckt, es ist einfach schrecklich», sagte eine Frau aus dem Umkreis der Familie von Kyaw Min Yu. «Die Familien dachten, sie seien noch eine Weile sicher.»

Der Aktivist hatte seit 1988 für mehr Demokratierechte gekämpft und bereits in der Vergangenheit mehr als 20 Jahre im Gefängnis gesessen. Der zunächst als Hip-Hop-Sänger bekannte Phyo Zeya Thaw war später in die Politik gegangen und zu einem engen Verbündeten Suu Kyis geworden. Gegen die Friedensnobelpreisträgerin laufen zahlreiche Verfahren wegen angeblicher Vergehen. Vor einem Monat wurde sie vom Hausarrest ins Gefängnis verlegt.

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Thomas Knopf 19.08.22 17:47
Suu Kyi
Tja.. es war nicht lange noch vorm Putsch als auch aus dem Westen auf diese Frau verbal "eingeprügelt" wurde, weil sie nicht genug macht gegen die Verfolgung der Rohingyas.
Jetzr sehen wir, das sie wohl wußte, was ging und, was nicht.
Jedes Engagement mehr, hätte wohl das Ganze (den Putsch) beschleunigt, sie als "Gegnerin" der Nation gebranntmarkt
Was sind (Menschen-) Rechte wert, wenn sie immer nur eingefordert werden, aber niemand sie "durchsetzen" kann?
Jenseits von viel blablabla sollten sich die ganzen Organisationen a la Greenpeace Actionen ausdenken.
Denn wir sehen jetzt einmal mehr ( nach Amerika !und China) , das auch Russland auf solch Rechte pfeift.
Die einzige Hoffnung (?), die uns bleibt :auch solche Figuren wie Teump /Putin/Ji Jinping müssen irgendwann gehen.... und bisher ist noch jedes Großreich "zerbrochen"..
Detlev Neufert 27.07.22 01:40
Widerstand leisten
China hält die verbrecherische Junta am Leben. Jeder Widerstand - vor allem ökonomisch - gegen China ist auch eine moralische Hilfe für die geschundenen Demokraten in Myanmar. Klar, ein Tröpflein auf den heissen Stein. Aber was außer großen Worten bleibt mir als Bürger Deutschlands sonst übrig?
Beat Sigrist 25.07.22 15:50
Viele westliche Länder
haben Milliarden von Dollars, Euro und Franken investiert in das frühere Burma, um wirtschaftlich wieder auf eigenen Beinen stehen zu können. Dank China und anderen Ländern mit einer Diktatur wurde das Militär an die Macht gebracht in diesem Land. Was dies jetzt gebracht hat, sieht man täglich in den News aus diesem Land. Diese neue Militärregierung dort ist eine Schande für ganz Asien, weil alle Staaten einfach dabei zugeschaut haben.Das Volk wurde im Stich gelassen und viele tausend Zivilisten wurden bereits auf offener Strasse abgeschlachtet.