Erinnerungen

Wissen Sie noch, wie der Herr gestern Abend am Nebentisch aussah? - Ja, irgendwie südländisch, vielleicht italienisch, genaues weiß ich nicht mehr. Und die Dame neben ihm? – Die war etwas mollig, vollbusig und trug eine golddurchwirkte Bluse. – Und sonst? – Nichts.

Erinnerungen sind oft nichts anderes als verblasste Träume. Die Polizei weiß davon ein Lied zu singen, wenn sie einem Zeugen verschiedene, zufällig ausgewählte Leute gegenüberstellt, unter ihnen auch den Verdächtigten. Ja, der war es, hundertprozentig! – Nein, der hat ein hieb-und stichfestes Alibi. Nein, der neben ihm war es, da bin ich mir ganz sicher. Aber der war gestern Abend mit Freunden auf der Reeperbahn. Wie soll der denn zur gleichen Zeit in Lübeck einen Inder überfallen haben? – Unser Hirn spielt uns manchen Streich. Ich kenne mehr als einen Schriftsteller, der hat seine Biografie nach einjähriger Arbeit in den Müll geworfen, als er bemerkt hat, dass seine Erinnerungen mit der Realität nicht mehr im Einklang standen.

Vor kurzem las ich „Unruhestifter“, die Erinnerungen von Fritz J. Raddatz, brillant geschrieben, spannend und hochinterressant. Aber der hatte auch sein Leben lang Tagebücher geführt, Briefe aufbewahrt, Zeitungsausschnitte gesammelt. Er konnte aus dem Vollen schöpfen. Er war beim DDR-Verlag „Volk und Welt“ hoch angesehen und wurde gleichzeitig überwacht, kontrolliert und schließlich sogar eingesperrt. Nach seiner Flucht in die BRD kam er zunächst bei der Witwe von Kurt Tucholsky unter, dessen Lebenswerk er später herausgab, bevor er über Kindler und Rowohlt bei der ZEIT landete. Er kannte alle und jeden. Immer hoch gehandelt, immer gut bezahlt, immer Gift verspritzend.

Wenn ich anfange, mich zurückzuerinnern, dann wird es schon schnell schwammig. Ja, ich erinnere mich, dass meine Eltern unpolitisch waren, sogenannte Anti-Nazis. Meine Mutter weigerte sich – wir wohnten in der ersten Etage eines großen Mietshauses – die Fahne rauszuhängen mit der Begründung, sie könne das nicht. Das mussten dann die beiden alten Hausbesitzerinnen übernehmen. Mein Vater war eingezogen, hat es mit seiner Impertinenz nur bis zum Ober-Gefreiten gebracht. Darunter gab es ja auch nicht mehr viel. Ich war einer der ersten Kriegsdienstverweigerer in der BRD und bin für und wegen Willi Brandt in die SPD eingetreten, wobei die beiden Begriffe sozial und demokratisch für mich immer wichtig waren. Ich weiß nicht, warum ich bis heute nicht ausgetreten bin. Ist es Bequemlichkeit, Sturheit oder weil ich keine bessere Partei kenne? Spätestens als Brandt die Berufsverbote einführte, hätte ich reagieren müssen, hätte… Um zu begreifen, dass es auf Dauer keinen sozialistischen Staat geben kann, brauchte ich einige Zeit, denn diese Utopie benötigt mehr Staatssicherheitsleute als es Bewohner gibt. Klar, Nord-Korea existiert, Kuba, und es gab die DDR, eigentlich schon bei der Gründung zerfallen. Wie sollten denn die politischen Vorgaben und Pläne einer kleinen Führungsgruppe ein ganzes Volk in eine bestimmte Richtung zwingen? Daran glaubte ja nicht einmal Karl Marx.

Es ist schön, die Hoffnungen und Träume der Menschen auf eine ferne Zukunft ins Jenseits zu lenken: Christen dürfen auf die Auferstehung hoffen, Muslime an ein Leben im Paradies mit Jungfrauen und Wein, und bei Buddhisten geht es darum, ob sie im nächsten Leben weiter oben oder unten angesiedelt werden. Das hängt zum Teil auch von der Spendenfreudigkeit ab. Gab es da nicht mal bei uns den Ablasshandel? Wie auch immer: Ziele, die aufs Jenseits gerichtet sind, dürfen ohne Frage in den Bereich der Märchen verschoben werden. Der Mensch war von Anfang an auf Gemeinschaft angelegt, denn sonst hätte er nicht überleben können. Doch dabei spielte Unterdrückung nie eine Rolle. Als Jäger und Sammler war jeder auf die anderen angewiesen. Man teilte mit ihnen die Beute und hungerte mit ihnen, wenn es keine gab. Niemand wurde ausgeschlossen, weil er vielleicht mal anderer Meinung war, aber die Zusammengehörigkeit zum Stamm, zur Gruppe war die Garantie für das Überleben.

Wo bin ich jetzt gelandet? Beim Sozialismus unserer Vor-Vorfahren? Sie waren, anders als wir heute, aufeinander angewiesen und haben sich über die Jahrtausende doch zu Individuen entwickelt. Bis auf den heutigen Tag gibt es Länder, in denen der Einzelne nichts gilt, nur die Gruppe, die Gemeinschaft, die Partei. Möchten Sie in so einem Staat leben? Ja, einige wenige vielleicht. Aber ich gehöre zur Mehrheit derer, die ihr Hirn noch nicht abgegeben haben. Ich werde mit allen Kräften dagegen ankämpfen. Wir, die wir uns Demokraten nennen, haben eine andere Welt vor Augen. Eine Welt, in der jeder seine Träume und Fantasien ausleben kann, solange er andere nicht daran hindert, sich selbst zu verwirklichen. Obwohl ich täglich Menschen begegne, die anderen ihre menschenverachtenden Sätze an den Kopf werfen, an den Stammtischen in Thailand oder irgendwo in der Ferne, ich bleibe felsenfest davon überzeugt, dass am Ende diejenigen sich durchsetzen werden, die vom Humanismus geprägt sind, egal, ob von Goethe, Schiller oder von Hölderlin, von Beethoven, Bach oder Brahms, von mir aus auch von den Berg-und-Trachten-Jodel-Schnulzen aus Bayern („du-dödel du“!) Solange sie anständig leben, solange sie sich auch für andere einsetzen, die ihrer Hilfe bedürfen, solange bleibt dieser kleine gefährdete blaue Planet für mich Heimat. In dieser Heimat leben so viele hilfsbereite und gutmütige Menschen. Ich nenne sie Helden. Chapeau!

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