Ein Schulweg in Hua Hin

Von unserem Resort bis zum Schulhaus in Downtown Hua Hin sind es etwa zwölf Velominuten. Wenn ich das Haus mit der Tochter auf dem Träger verlasse, ist es noch gespenstig still im Ort: kein Lärm, kaum ein Licht in den Häusern und neben den Rasenflächen stehen drohend wie Geschosse die Rovers und Cruisers unserer Nachbarn.

Sie werden mir auf der Rückfahrt eine Stunde später freundlich zuwinken - auch Panzerfahrer sind keine Unmenschen. Nach etwa zwei Minuten erreichen wir den Ausgang von „Ghost City“. Hier steht ein kleines Wärterhäuschen, ähnlich jenen, die am Eingang zum Vatikan stehen und den Gardisten Schutz vor Regen und Kälte bieten. Ein Thai mittleren Alters steht davor, hält die Hand an den Hut, verbeugt sich und grüßt lachend: „Sawadee krap!“ Aber wenn er schlecht gelaunt ist, hört es sich an wie „Hau einfach ab.“

Kaskade von Kehllauten

Wir grüßen freundlich zurück und schwenken auf den „Mad Dog“ ein, einen leicht abfallenden Streckenabschnitt, der in die Stadt hinunterführt. Der Name ist hier Programm: Links und rechts jagen uns streunende Hunde nach und verfolgen das Rad wild kläffend, bis sie irgendwann erschöpft und gekränkt aufgeben, weil sie uns kein bisschen beeindruckt haben. Eher umgekehrt: Gleich bei der ersten Fahrt habe ich sie mit ausgesuchten Flüchen auf Schweizerdeutsch eingedeckt, folglich mit einer Kaskade von Kehllauten überschüttet, bis ihnen die Ohren wackelten und das Fell zu Berge stand. Sie haben umgehend den Schwanz eingezogen, womit die Rangordnung geklärt war. Nun tarnen sie die Hatz einfach als absichtsloses Morgenjogging. Auch Streuner haben ein Gesicht zu verlieren. Unser Mitleid erregt ein junger, brandschwarzer Köter, der nur noch drei Beine hat. Er hat vermutlich mal ein Rad mit einem Lastwagen verwechselt und hoppelt nun auf drei Beinen auf dem Asphalt herum. Bei der täglichen Alibijagd liegt er hoffnungslos zurück und kläfft abgeschlagen hinter den anderen nach. Ein Bild des Jammers.

Der „Mad Dog“ endet dort, wo sich die Straßen und die Bahntrasse kreuzen. Hier verdichtet sich der Frühverkehr, Kolonnen von Motorrädern bewegen sich wie ein röhrender Tatzelwurm durch dieses Nadelöhr. Wir sind die einzigen Veloexoten dazwischen, haben aber keine Mühe, uns einzufädeln und Teil einer Bewegung zu werden, die ihren eigenen Rhythmus hat und der man sich spielerisch anpasst.

Chaosfähigkeit auf dem Prüfstand

Hier beginnt die „Missed Bikers-Road“, eine gerade Strecke, die von kleinen, bara­ckenartigen Läden gesäumt wird, wie man sie in unseren Breiten an Herbst- und Weihnachtsmessen sieht. Einige sind um diese Zeit schon geöffnet, vor den meisten aber stehen mitten auf der Straße Lieferwagen, die man gefälligst umfahren soll. Es kommt zu Staus, nichts geht mehr, aber niemand verwirft die Hände oder schimpft durch das Fens­ter hinaus. Meine Chaosfähigkeit ist auf dem Prüfstand, für jene der Thais ist nichts zu befürchten, ihnen wurde diese Gabe in die Wiege gelegt.

Der Stau gibt mir Gelegenheit, eine einzigartige Sehenswürdigkeit zu bewundern: Die Abwasserschächte von Hua Hin. Sie sind mit rostigen Eisengittern notdürftig abgedeckt und haben an den Rändern tückische Vertiefungen, in welche mehr als ein Velorad bequem hineinpasst. Jetzt weiß ich auch, wieso außer uns keine Radler unterwegs sind: Sie sind durch das Gitter gefallen und in der Kanalisation weitergefahren, bis sie ins Meer gespült wurden.

„Memento mori“ der dekorativen Art

Hat man die „Missed Bikers-Road“ lebend überstanden, gehts mit Schwung in die „Smashed Snakes-Street“ hinein. Sie hat traurige Berühmtheit erlangt, weil dort Schlangen jeder Art überfahren werden. Nach einer Weile haben sich ihre Skelette tief im weichen Asphalt eingegraben und wirken mit ihren bizarren Verrenkungen wie ein „Memento mori“ der dekorativen Art. Sie wurden Opfer ihrer tödlichen Neugierde. Sie wollten herausfinden, wie es sich auf der anderen Straßenseite schlängelt, aber wenn sie je dort angekommen wären, wären sie wohl enttäuscht gewesen. Auf der anderen Straßenseite war halt nur die andere Straßenseite.

Nun beginnt der letzte Teil des Schulwegs. Wir sind mitten auf dem Grand Boulevard, sozusagen den Champs-Élysées der Stadt. Hier röhrt und knattert es vierspurig. Zu dritt, manchmal auch zu viert, sitzen die Thais auf den Motorrädern. Viele Kinder tragen Schuluniformen und klammern sich an ihre Mütter, Väter oder Großeltern. Alle donnern an uns vorbei. Mitten im Chaos steht ein Polizist, der mit einer Trillerpfeife unentwegt pfeift und wild mit den Armen herumfuchtelt. Niemand scheint sich davon betroffen zu fühlen. Er könnte auch Straßenmusiker sein, halt einfach mit einer Trillerpfeife, statt mit einer Mundharmonika. Hat ihm da gerade jemand einen Hunderterschein in die Tasche gesteckt?

Nach ein paar letzten Schwenkern durch zwei, drei Gassen, lassen wir das Rad gegenüber der Schule zurück. Es gilt jetzt noch das letzte Hindernis, zwei Verkehrsachsen, zu überwinden. Auf dem Asphalt ist ein Zebrastreifen angedeutet. Wer ihn auch immer vor Jahrzehnten hingepinselt hat - er gilt als Erfinder der Straßenkosmetik.

Irgendwann findet sich eine Lücke im Verkehr. Wie rennen zusammen mit anderen Eltern und Kindern los und erreichen den Schulhof. Geschafft.


​Über den Autor

Khun Resjek lebt mit seiner thailändischen Frau und Tochter in Hua Hin. Seine Kolumne „Thailand Mon Amour“ illustriert auf humorvolle Weise den Alltag im „Land des Lächelns“ aus der Sicht eines Farang und weist mit Augenzwinkern auf das Spannungsfeld der kulturellen Unterschiede und Ansichten hin, die sich im Familienalltag ergeben. Ein Clash der Kulturen der heiteren Art, witzig und prägnant auf den Punkt gebracht.

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Rene Meyer 23.07.19 11:46
Einfach
toll, wunderschön zu lesen! Aus diesen Zeilen lese ich schwer trübbare Lebensfreude. Hoffentlich dürfen sie dieses, von Ihnen akzeptierte "andere" Leben noch lange geniessen. Ich wünsche es Ihnen von Herzen. Herzliche Grüsse aus Hua Hin......vom ene Schwiizer.
Hans Peter Maier 21.07.19 13:15
Ja dem kann ich Herrn Frank nur Zustimmen, ich Lese ihr Berichte auch immer sehr gerne und dabei wundere ich mich über mich Selber, das auch ich das, schon 21 Jahre in Thailand so Mitmache.
Bruno Frank 20.07.19 20:38
Thailand Mon Amour
Hallo Kuhn Resjek Ich lebe ja nun auch schon 8 Jahre in Thailand und muss Ihnen ein grosses Kommpliment machen. Ihre Geschichten sind auf eine humorvolle Weise und trotzdem sehr Lebensnah geschrieben, super. Und nur wer auch zwischen Ihren Zeilen lesen kann merkt, was für ein Genie Sie eigentlich sind. Weiter so . . .