Dunkle Wolken über weißen Klippen

Wie der Brexit Dover bedroht

Foto: epa/Neil Hall
Foto: epa/Neil Hall

DOVER (dpa) - Die britischen Parlamentarier debattieren von Mittwoch an im Unterhaus wieder über das Brexit-Abkommen. Sollten sie bei einer Abstimmung wenige Tage später den Deal ablehnen, droht ihrem Land ein Chaos. Besonders hart dürfte es die Hafenstadt Dover treffen.

Während sich die Abgeordneten in London unvermindert über das Brexit-Abkommen zanken, braut sich über der Hafenstadt Dover ein unheilvolles Szenario wie ein schweres Gewitter zusammen.

Es sieht so aus: Etwa 10.000 Lastwagen bleiben in Staus hinter den berühmten weißen Klippen stecken oder müssen lange auf stillgelegten Autobahnabschnitten ausharren. Die Luft wird durch das Verkehrschaos immer schlechter. Behörden bleiben zeitweise geschlossen, da die Mitarbeiter ihre Büros nicht erreichen können. Der Abfall stapelt sich in den Straßen, denn für viele Müllwagen gibt es kein Durchkommen. Kinder erreichen ihre Schulen nicht, frische Lebensmittel vergammeln noch während des Transports in Lkw-Kolonnen.

Die düsteren Vorhersagen stammen nicht aus einem Endzeit-Film, sondern aus einer Studie des Rats der Grafschaft Kent. Realität könnten sie werden, falls Großbritannien am 29. März ohne Abkommen aus der EU ausscheiden sollte. Angesichts der verfahrenen Situation im Parlament scheint das immer realistischer. Von Mittwoch an werden die Abgeordneten wieder über den Brexit debattieren. In der dritten Januarwoche sollen sie dann über den Austrittsvertrag abstimmen, den Premierministerin Theresa May mit Brüssel ausgehandelt hat.

Der keine 40 Kilometer breite Ärmelkanal zwischen Dover und Calais bietet mit seinen Fähren und dem nahe gelegenen Eurotunnel die wichtigste Verbindung zwischen Großbritannien und dem Festland - vor allem für Waren, die sehr schnell ans Ziel müssen. Bei einem «No Deal» wären jedoch von einem Tag auf den anderen Zollkontrollen nötig. Die Region würde sich zu einem Nadelöhr entwickeln - und Prognosen zufolge bis zu sechs Monate bleiben.

Egal, wen man in Dover befragt: Die Leute sind frustriert. «Wir wissen einfach nicht, wie es weitergeht», schimpft eine Mitarbeiterin im Fremdenverkehrsamt. «Die Politiker sagen uns ja nichts.» Die Geschäftsführerin eines Drogeriemarkts macht sich zwar keine Sorgen um ihr Warensortiment, aber um ihren Bruder: «Er ist Elektriker und weiß nicht, wie sein Geschäft hier in Dover nach dem Brexit weiterlaufen soll. Wenn die Leute in unsicheren Zeiten keine Häuser mehr bauen, dann hat er auch keine Arbeit mehr.»

Die britischen Behörden seien kaum darauf vorbereitet, das drohende Chaos in Dover zu verhindern, warnte der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Eric Schweitzer. «Just-in-Time-Produktions- und Lieferketten stehen auf dem Spiel.»

Schiffe transportierten 2017 mehr als 2,6 Millionen Lastwagen über die Meeresenge - vollgepackt etwa mit Autoteilen und Medikamenten. Im Nachbarort Folkestone verkehren außerdem Züge durch den Eurotunnel; sie transportieren viele Lkw mit Fracht und Container huckepack unter dem Meeresboden auf die andere Seite des Ärmelkanals.

Empfindliche Waren können bei zeitraubenden Kontrollen und Staus unbrauchbar werden. Daher platzen die Hallen in Großbritannien schon aus den Nähten. «So viel Lagerkapazitäten, wie gebraucht werden, gibt es gar nicht», sagte der Hauptgeschäftsführer der deutsch-britischen Industrie- und Handelskammer (IHK), Ulrich Hoppe, in London. «Gerade bei Frischprodukten wie Lebensmitteln ist das ein Thema.»

Etwa 90 Prozent der Arzneimittel, die nach Großbritannien importiert werden, kommen über Dover. Der britische Gesundheitsminister Matt Hancock rief Pharmaunternehmen und den staatlichen Gesundheitsdienst NHS (National Health System) dazu auf, Medikamente für sechs Wochen zu horten und Arzneien eventuell per Flugzeug ins Land zu bringen. Der BBC sagte er im Dezember, die britische Regierung sei inzwischen der größte Abnehmer von Kühlschränken weltweit.

Die über wohl Monate verstopften Straßen werden den Prognosen zufolge Auswirkungen auf viele Bereiche haben. So müsse der Zugang zu Schulen und Krankenhäusern ebenso sichergestellt werden wie der Transport von Toten zu Leichenhallen. Um die Situation auf den Straßen etwas zu entspannen, soll möglichst vielen Verwaltungsangestellten für drei bis sechs Monate das Arbeiten von Zuhause ermöglicht werden.

Ob solche Maßnahmen etwas nützen? Der Verband für Straßentransporte (RHA) spricht von «grässlichen No-Deal-Plänen» der Regierung und fürchtet eine Katastrophe: Die Pläne für Zollkontrollen seien so praxisfern, dass es acht Stunden dauern könnte, bis ein normaler Lkw aus Calais etwa mit Lebensmitteln in Dover freigegeben werden würde.

London schätzt, dass über die Route Calais-Dover bei einem Brexit ohne Abkommen nur 12 bis 25 Prozent der üblichen Kapazität zu schaffen sein werden. Die Lastwagen könnten sich schnell auf 50 Kilometer stauen. Paul Carter vom Grafschaftsrat fordert von der Regierung «mehr Informationen, wie sie mit uns künftig zusammenarbeiten will».

Doch das Vertrauen wird oft erschüttert. Wer zum Beispiel die Bedeutung des Ärmelkanals für den Handel nicht in vollem Ausmaß kannte, war ausgerechnet der ehemalige Brexit-Minister Dominic Raab. Er räumte das noch während seiner Amtszeit freimütig ein und sprach geläutert von einer «Hauptader des britischen Handels».

Hohn und Spott gab es auch für den Plan der Regierung, mit zusätzlichen Fähren die Lieferengpässe für Waren bei einem «No Deal» zu verringern: Der Sender BBC fand heraus, dass einer der Aufträge an eine Reederei gegangen war, die ihren Betrieb noch gar nicht aufgenommen hat. Verkehrsminister Chris Grayling verteidigte den Vertrag in Höhe von rund 15 Millionen Euro (13,8 Millionen Pfund) mit der «Firma ohne Schiffe» als Förderung eines Start-up-Unternehmens.

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Jürgen Franke 11.01.19 06:13
Dank an die Redaktion für den Beitrag
über den Brexit, der lediglich kurz erläutert, was auf die Briten zukommt, wenn das Ausgehandelte von den offensichtlich starrsinnigen Briten nicht akzeptiert wird. Vielen Briten wird dann erst klar, was sie mit ihrer Abstimmung vor zwei Jahren angerichtet haben. Dass die EU den zweitstärksten Partner verliert, wird auch oft übersehen.
Ingo Kerp 10.01.19 14:46
Die Verhandlungen zwischen GB und der EU sind abgeschlossen und in einem Papier festgelegt. Da scheint es eine brit. Eigenart zu sein, immer und immer wieder über das gleiche Thema zu reden, zu dem es nur ein JA oder NEIN geben kann. Andererseits, vielleicht führt das ewige Diskutieren doch irgendwann zur Annahme von Th. May's ausgehandeltem Deal, da alle Diskutanen müde geworden sind.