Drei Tote nach Granatbeschuss

Foto: epa/Hedayatullah Amid
Foto: epa/Hedayatullah Amid

KABUL (dpa) - Mehrere hochrangige afghanische Politiker sind zu einer Gedenkveranstaltung im Westen Kabuls versammelt, als Mörsergranaten einschlagen. Mindestens drei Menschen sterben. Den Anschlag reklamiert eine Gruppe, um die es zuletzt ruhiger geworden war.

Nach mehreren Wochen der Ruhe ist die afghanische Hauptstadt Kabul von einem Angriff auf eine Gedenkfeier mit hochrangigen Politikern erschüttert worden. Auf den Veranstaltungsort wurden am Freitagvormittag (Ortszeit) mehrere Mörsergranaten abgefeuert. Dabei seien mindestens drei Menschen getötet und 22 weitere verletzt worden, sagte der Sprecher des Gesundheitsministeriums, Wahidullah Majar.

Bei der Gedenkveranstaltung für einen ehemaligen prominenten Anführer der schiitischen Hasara-Minderheit im Westen Kabuls waren der afghanische Regierungsgeschäftsführer Abdullah Abdullah, mehrere Präsidentschaftskandidaten und der ehemalige Präsident Hamid Karsai anwesend. Fernsehbilder zeigten, wie die Politiker die Menschen nach Beginn des Beschusses zur Ruhe aufriefen. Die Besucher allerdings schrien und ergriffen die Flucht.

Der ehemalige Nationale Sicherheitsberater und jetzige Präsidentschaftskandidat Hanif Atmar blieb unverletzt, hieß es in einer Erklärung auf seiner Facebook-Seite. Acht seiner Leibwächter seien allerdings verletzt worden. Der Präsidentschaftskandidat Latif Pedram wurde ebenso verletzt und habe sich einer Operation unterziehen müssen. Allerdings sei sein Gesundheitszustand stabil, hieß es auf seiner Facebook-Seite.

Nach dem Angriff wurde Kritik an den Sicherheitskräften und dem Geheimdienst des Landes laut. Es wurde gefragt, wie es möglich sei, dass trotz massiver Sicherheitsvorkehrungen bei derart hochrangig besetzten Veranstaltungen trotzdem Angriffe gelingen könnten. «Die Fehler des Geheimdienstes und der Sicherheitskräfte sind nun endemisch», schrieb der bekannte Journalist Bilal Sarwari auf Twitter.

Das Gebiet im Schiitenviertel Dascht-e Bartschi sei nach dem Beschuss weitläufig abgesperrt worden, hieß es aus dem Innenministerium. Sicherheitskräfte hätten eine Person, die unter Verdacht stand, die Mörsergranaten abgefeuert zu haben, in einem Gebäude in der Nähe festgenommen.

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) reklamierte den Angriff über ihr Sprachrohr Amak für sich. IS-Kämpfer hätten einen «Schrein» angegriffen, hieß es in einer im Internet verbreiteten Mitteilung.

Anders als in vielen muslimischen Ländern gibt es in Afghanistan keine Geschichte blutiger Fehden zwischen Sunniten und Schiiten. Seit dem Auftauchen der sunnitischen IS-Terrormiliz 2015 aber sind Schiiten zunehmend Ziel brutaler Angriffe. Oft werden Betende während hoher Feiertage getötet.

Der IS hatte im Vorjahr regelmäßig Ziele in Kabul angegriffen. Diese Angriffe waren laut UN einer der Hauptgründe dafür, dass die zivilen Todesopfer des Afghanistan-Konflikts im Vorjahr einen neuen Höchststand seit Beginn der Aufzeichnungen 2009 erreichten. IS-Attentäter hatten in Kabul vor allem weiche - also wenig geschützte - Ziele angegriffen, etwa einen Wrestlingclub oder eine Lehranstalt, in der Jugendliche für die Universitätsaufnahmeprüfung vorbereitet werden.

Allerdings flaute die Anschlagswelle im Herbst ab. Sicherheitsbehörden hatten angegeben, mehrere Drahtzieher von IS-Anschlägen in Kabul verhaftet zu haben. Der letzte Anschlag, den der IS in Kabul reklamiert hatte, war ein Selbstmordattentat auf eine Demonstration Anfang November.

Laut dem Afghanistan-Experten Thomas Ruttig von der Denkfabrik Afghanistan Analysts Network ist der IS-Ableger in Afghanistan insgesamt geschwächt worden und bleibe auf wenige Gebiete im Osten des Landes beschränkt. Es sei unklar, ob die terroristischen Strukturen, die sich in Anschlägen vor allem in Kabul zeigten, mit denen im Osten überhaupt verbunden seien.

Ex-Präsident Hamid Karsai sagte nach dem Angriff, dieser sei das Werk von Elementen, die gegen den Frieden im Land seien. Afghanistan aber werde Frieden erreichen. Der Angriff erfolgte zu einer Zeit, in der die USA und hochrangige Vertreter der aufständischen Taliban versuchen, den mehr als 17 Jahre dauernden Konflikt in Afghanistan politisch zu lösen. Die mittlerweile sechste Gesprächsrunde im Golfemirat Katar hatte vergangenen Monat begonnen und dauert mittlerweile - zwei Tage wurde sie für Konsultationen unterbrochen - rund zehn Tage an.

Die beiden Seiten sprechen über den Abzug der US-Truppen aus Afghanistan und Garantien der Taliban, dass das Land kein sicherer Hafen für Terroristen wie etwa vom IS oder Al Kaida wird. Die USA fordern zudem einen Waffenstillstand und die Aufnahme von Gesprächen zwischen den Taliban und der Regierung in Kabul.

Am Sonntag hieß es vonseiten der Taliban, es gehe «Schritt für Schritt» voran. Man sei sehr sorgfältig und wachsam bei allen Fortschritten. Bisher gebe es noch keine Einigung auf ein Dokument oder über ein Abkommen.

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