Dorf im Granathagel

Ukrainische Offensive kommt nur langsam voran

Augebrannte Autos stehen vor einem schwer beschädigtem Wohnblock in der Frontstadt Orichiw. Foto: Oliver Weiken/dpa
Augebrannte Autos stehen vor einem schwer beschädigtem Wohnblock in der Frontstadt Orichiw. Foto: Oliver Weiken/dpa

ORICHIW: Wie lange bleibt der Ukraine noch für entscheidende Durchbrüche gegen die russischen Panzersperren? Und welche Rolle spielen weitreichende Lenkflugkörper wie Taurus? Ein Ortsbesuch im Frontgebiet.

Die Großoffensive der ukrainischen Armee gegen die russischen Angreifer kommt trotz der westlichen Waffenhilfe nur langsam voran. Die Gefechte gegen die eingegrabenen und mit Panzersperren geschützten russischen Verbände sind blutig und mühsam - so wie vor der kleinen Frontstadt Orichiw südlich von Saporischschja. Dort wollen ukrainische Soldaten die Angreifer aus dem Landkorridor zur Halbinsel Krim drängen. Alle paar Minuten schlagen russische Granaten zwischen ausgebombten Häusern, eingestürzten Dächern und den von Granatsplittern und Brandspuren übersäten Wänden ein. Rauchsäulen steigen in den Himmel über dem Trümmerfeld.

Ein von den USA bereitgestellter Schützenpanzer «Bradley» fährt im Zentrum der einst von etwa 14.000 Menschen bewohnten Kommune auf rasselnden Ketten vorbei. Die Soldaten sind auf dem Weg zu der nun hinter der nächsten Ortschaft liegenden Front. Die Mannschaft stoppt kurz und will reden. «Die Kämpfe sind intensiv, sehr intensiv», sagte der Fahrer. Und noch dies: Er habe seine Ausbildung auf einem Truppenübungsplatz in Deutschland bekommen. Er streckt den Daumen hoch. Gegenüber liegen nach ukrainischen Angaben drei russische Regimenter, darunter Luftlandetruppen, die auch schon zurückgeschlagen wurden.

Zivilisten sind zwischen den Ruinen in Orichiw kaum noch auszumachen. Grün überlackierte Pritschenwagen und Panzerfahrzeuge rasen über Schlaglöcher hinweg und vorbei an Soldaten, die die Ruinen als Deckung nutzen. Ein einzelner Mann fährt Fahrrad. Nur Dina, eine ältere Frau, läuft mit gebeugtem Rücken und in Begleitung eines aggressiv bellenden Schäferhundmischlings zwischen den Ruinen. «Ich lebe alleine», sagt sie und bittet um ein Medikament. Sie sei 60 Jahre alt, sagt sie. Dina wirkt schwer gezeichnet.

Das Land südlich von Orichiw gehört zu den Gebieten, in denen russische Soldaten zurückgedrängt werden, ohne dass die Front zusammengebrochen ist. Und doch bescheinigte Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg der Ukraine Fortschritte bei der Gegenoffensive. Die Soldaten kämen zwar langsamer voran als erhofft, machten aber Geländegewinne von 100 Metern pro Tag. «Und wir dürfen den Anfang nicht vergessen: Zu Beginn war die russische Armee die zweitstärkste der Welt. Nun ist sie die zweitstärkste in der Ukraine», sagte er.

Der Fortschritt lässt sich auch nicht nur in Metern und Dörfern zählen. Der Ukraine sind in den vergangenen Tagen bemerkenswerte Präzisionsangriffe deutlich hinter der Front gelungen. Die ukrainische Armee setzt dabei auch auf die systematische Zerstörung russischer Landungsboote. Dies wohl nicht, um eine eventuelle Landungsoperation zu verhindern, sondern vielmehr um die Versorgung der Halbinsel Krim aus Russland zu erschweren, falls den Ukrainern eine Zerstörung der Krim-Brücke über die Meerenge von Kertsch gelingt.

Schon im Vorjahr wurden drei Landungsschiffe im Hafen von Berdjansk zumindest beschädigt. Mit Attacken auf eines der Landungsschiffe im russischen Hafen von Noworossijsk im August und am 13. September im Trockendock von Sewastopol verringerte die Ukraine potenzielle Transportmöglichkeiten des Gegners weiter. Parallel dazu wurde die russische Flugabwehr vor allem im Westen der Halbinsel mit erfolgreichen Drohnen- und Raketenangriffen geschwächt. Teil der Operation war auch die Demontage russischer Radaranlagen durch ukrainische Spezialeinsatzkräfte auf Bohrinseln westlich der Krim.

Nun wartet die Ukraine auf die Freigabe von Boden-Boden-Raketen US-amerikanischer Produktion mit 300 Kilometer Reichweite und vor allem auf Taurus-Marschflugkörper aus Deutschland mit bis zu 500 Kilometer Reichweite. Stärkere Schläge gegen die Eisenbahn- und Straßenbrücken vom russischen Festland zur Krim kommen dann immer mehr in den Bereich des Möglichen. Die Verbindung aus Russland könnte womöglich weitgehend gekappt werden.

Denn in relativ sicherer Entfernung zur ukrainischen Artillerie kann Russland in der besetzten Südukraine, also auf dem Landweg zur Krim, bisher nur eine größere Straßenverbindung nutzen. Eine Störung der russischen Logistik zur Krim könnte dem schleppenden Vormarsch ukrainischer Truppen im Gebiet Saporischschja neue Dynamik verleihen.

Allerdings läuft auch die Zeit: US-Generalstabschef Mark Milley sagte vor einigen Tagen, den ukrainischen Streitkräften blieben für ihre Gegenoffensive wahrscheinlich noch 30 bis 45 Tage Zeit, bevor das Wetter die Kampfhandlungen erschweren könne. In etwa einem Monat kämen Kälte und Regen, dann werde es schlammig.

Auch politisch könnte es schwieriger werden. Mittelfristig und abhängig vom Ausgang der US-Wahl im kommenden Jahr könnte gar die westliche Militärhilfe auf den Prüfstand kommen. Und Deutschland drohen verschärfte Diskussionen, falls Linkspolitikerin Sahra Wagenknecht eine Partei gründet und größere Unterstützung bekommen sollte.

Ein erschwerendes Moment auf ukrainischer Seite ist aber auch die zunehmend hohe Zahl der Verluste. Aufschrecken ließ eine Äußerung des Wehrkreisersatzamtschefs im zentralukrainischen Gebiet Poltawa. «Beispielsweise von 100 Mann, die im Herbst vergangenen Jahres eingezogen wurden, sind 10 bis 20 übrig geblieben», sagte Witalij Bereschnyj bei einer Stadtratssitzung am vergangenen Freitag. Die übrigen seien entweder tot, verwundet oder anderweitig kampfunfähig. Der Mobilmachungsplan für die Großstadt Poltawa sei auch nur zu 13 Prozent erfüllt worden. Der frisch gebackene Verteidigungsminister Rustem Umjerow hatte kürzlich in seiner Vorstellungsrede den Bestand der Armee mit 800.000 Soldaten beziffert. Insgesamt sollen gut eine Million Ukrainer unter Waffen stehen.

Die Zeit der langen Schlangen vor den ukrainischen Rekrutierungsbüros ist vorbei. Die Mobilisierung neuer Soldaten erfolgt nun oft per Dienstbefehl. An einem Helfer-Stützpunkt in Saporischschja sitzen drei mobilisierte Männer. Sie sind keine Freiwilligen. Jewhen (39), mit langen Narben auf seinem verwundeten linken Arm, hat den Militäreinsatz erst mal hinter sich. «Wir haben eine Position gehalten. Eine Mörsergranate ist drei Meter vor mir explodiert. Ein Blitz, dann war alles vorbei. Nur Weste und Helm haben mich gerettet», sagt er. Jewhen war zuvor Bauarbeiter. Serhij (42) und Mykolaj (52) haben den Einsatz noch vor sich. Sie hören zu und schweigen. Ihnen scheint nicht wohl zu sein.

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