Die zwei Welten im Mordfall von Koh Tao

Blick in den Saal 6 des Schwurgerichtes: Dolmetscherin Liz Luxen (Mitte) mit dem Vater und Bruder der ermordeten Hanna Witheridge in der ersten Bankreihe. Die Richter und Angeklagten kommen wenig später dazu.
Blick in den Saal 6 des Schwurgerichtes: Dolmetscherin Liz Luxen (Mitte) mit dem Vater und Bruder der ermordeten Hanna Witheridge in der ersten Bankreihe. Die Richter und Angeklagten kommen wenig später dazu.

KOH SAMUI/KOH TAO: Versteckte Drohungen von einzelnen Polizeibeamten gegen die Verteidigung, sprachliche Missverständnisse bei der Bewertung wichtiger Verfahrensdetails, schmerzhaft überforderte Angehörige der Mordopfer – die gerichtliche Aufarbeitung des Doppelmordes auf Koh Tao zeigt, wie weit Thailands Rechtsverständnis von europäischer Erwartungshaltung entfernt ist.

Drei Tage lang, fast 25 Verhandlungsstunden auf harten Holzbänken, verfolgten die Angehörigen der auf Koh Tao erschlagenen Rucksacktouristen Hannah Witheridge (23) und David Miller (24) die Aufarbeitung eines Mordfalles, der weltweite Erschütterung hervorgerufen und ihr eigenes Leben zerstört hat. Verloren saßen sie in der ersten Reihe vor dem Arbeitstisch der Staatsanwälte. Ohne die pausenlos übersetzenden Dolmetscher wären die britischen Prozessbeobachter nicht in der Lage gewesen, auch nur einen Hauch davon zu empfangen, wie thailändische Gerichte ein solches Verbrechen aufarbeiten und ahnden.

Die Eltern von David Miller und sein jüngerer Bruder waren gekommen. Für die geschundene und erschlagene Hannah Witheridge kauerten der Vater und der ältere Bruder im Saal 6 des Provinzgerichts Koh Samui. Drei lange Tage verfolgten sie das Ringen von Staatsanwaltschaft und Verteidigung um jeden Satz, um jedes Detail, um jede Wortformulierung für das wichtige Gerichtsprotokoll. Es waren Stunden, in denen ein grausames Verbrechen an einem weltbekannten Urlaubsort, dem Sairee Strand von Koh Tao, angefacht wurde wie ein beinahe schon erloschenes Feuer.

Vater Witheridge und sein erkennbar traumatisierter Sohn konnten die Schilderungen am dritten Tag des Verfahrens nicht mehr ertragen. Entsetzliche Fotos ihrer geliebten Hannah an einem Felsen des Sairee Beaches, die Beine gespreizt, das bildhübsche Gesicht mit einem schweren spitzen Gegenstand zertrümmert, Fotos, die auch tausendfach in Internetforen kursieren wie ein wiederkehrender Alptraum, weil Hobbyfotografen durch den Fundort der Leichen getrampelt sind, bevor die Ermittler kamen.

Die Verteidigung mit ihren sieben Juristen, darunter die Spitzenanwälte Nakhon Chomphuchat und der brillant attackierende Veerasadki Chotivanich, zog Register, wie sie zuvor selten vor einem thailändischen Gericht gezogen worden sind. Zwei arme burmesische Teufel, an deren Schuld fast nur die Polizeiermittler und die Staatsanwaltschaft glauben, erhielten Rechtsbeistand von allererster Güte. Kein prominenter, reicher thailändischer Angeklagter hätte besser vertreten werden können als diese beiden Gastarbeiter aus dem zerrütteten Land Myanmar.

Symptomatische Reaktionen der Vertreter thailändischer Staatsgewalt mit ihren mürrisch-feindseelig wirkenden Polizeibeamten blieben nicht aus. Am Abend des zweiten Verhandlungstages, nach einem weiteren aggressiven Kreuzverhör durch die Verteidiger, gingen Polizisten aus Koh Phangan, Koh Tao und Samui die Nerven durch. Wütend attackierten sie das Juristenteam um Nakhon Chomphuchat und den britischen Berater Andy Hall. Die Vorwürfe gipfelten in „Beihilfe zum Mord“ und in „Vertuschung einer schweren Straftat durch bösartige burmesische Schuldige“. Die Wut und die Angst, einen sicher geglaubten Prozess verlieren zu können, scheuerten die Nerven blank.

Ausländische Prozessbeobachter – und deren Dolmetscher – wurden im Gerichtssaal mehrfach und unmissverständlich auf ihre Höflichkeitspflicht gegenüber einem königlich thailändischen Gericht hingewiesen. Verschränkte Arme während der Verhandlung, übereinander geschlagene Beine, Journalisten mit Notizblock und Kugelschreiber, ein zu hoch gerutschter Rock einer Dolmetscherin: sofort sprang einer der unterrangigen Polizeibeamten im Gerichtssaal auf und wies die Übeltäter barsch zurecht. Das Wahren der sakral anmutenden Souveränität des Schwurgerichts zeigte auch, wie wichtig in Thailand die Etikette ist und wie Arbeitsmechanismen von Ermittlern und Juristen zweitrangig dahinter zu logieren scheinen.

Selten sind hohe Polizeiermittler und Sachverständige des Polizeilich Forensischen Institutes aus Bangkok so massiv durch den Verteidigungswolf gedreht worden, wie bei diesem Mordprozess von Koh Tao. Der Vorsitzende Richter, ein besonnener und akribisch arbeitender Intellektueller, ließ die Verteidigung großzügig gewähren. Es entstand ein Eindruck, als wäre dem Gericht die prozessuale Wahrheitsfindung wichtiger als den Beteiligten der Anklage.

Nach drei Verhandlungstagen von voraussichtlich 15 bleibt der Ausgang dieses spektakulären Verfahrens in Südthailand offen. Über Schuld oder Unschuld von Zaw Lin und Wai Phyo wird nur in der Öffentlichkeit laut und kontrovers diskutiert. Verteidigung und Staatsanwaltschaft halten sich bedeckt. Es ist noch ein zu weiter Weg zu gehen bis zur Urteilsverkündung im Herbst dieses Jahres.

 Der Kampf um das Leben zweier burmesischer Gastarbeiter, denen im Fall ihrer Verurteilung der Tod durch die Giftspritze droht, hat erst begonnen. Es ist ein Ringen um eine objektive Antwort und das Ringen für  das Durchsetzen einer Rechtsordnung, die diesen Namen verdient. Nicht allen gefällt das in einem Umfeld, in dem DNA-Analysen wie das Privileg der Polizeikaste gehandhabt werden und in dem die Ermittler gerne allein entscheiden würden, wer schuldig ist und wer nicht. 

Überzeugen Sie sich von unserem Online-Abo:
Die Druckausgabe als vollfarbiges PDF-Magazin weltweit herunterladen, alle Artikel vollständig lesen, im Archiv stöbern und tagesaktuelle Nachrichten per E-Mail erhalten.
Pflichtfelder
Peter Grob 13.07.15 00:33
Unglaublich
Es ist offensichtlich, dass vieles nicht stimmen kann bei diesem grausamen Fall. Obwohl ich sicher kein Experte bin wäre es logisch wenn man dieses Verbrechen innert ein paar Tagen hätte aufklären können. Nachweislich wurde Hannah zweimal Vergewaltigt und somit sollten eindeutige DNA Spuren vorhanden sein. Warum wurde das nicht vom FBI oder zumindest in England untersucht ? Wo sind diese DNA jetzt und warum sollte man diese nicht erneut auswerten können ? An dieser Geschichte ist etwas Faul und ich vermute, dass diese zwei Angeklagten unschuldig sind.
Marco Hintergruber 12.07.15 21:56
der beiden Angeklagten in den Koerper des Opfers. Hier wurde nicht nur Gitarre am Strand gespielt. Warum meine Einstellung abgebrochen wurde und ich nun auf zwei Seiten arbeiten darf, entschuldigung.. LG Narco
Marco Hintergruber 12.07.15 21:54
Interessant
Zu Beginn erst einmal einen Dank fuer den recht objektiven Bericht der Farang Red. Aber belassen wir es auf, und das emfinde ich als springenden Punkt: Wie kommen die DNS Spuren des Samens der beiden