Die Schicksalsprüfung des Einsiedlers

Vor langer Zeit lebten einmal ein Mann und eine Frau. Ihr Beruf war es, bereits geschlachtete Tiere zu zerlegen und ihr Fleisch in handliche Stücke zu zerschneiden, die sie auf dem Markt feilhielten, damit ihre Kunden sich nach Geschmack und Bedürfnis davon etwas aussuchen konnten.

Weil sie alle Hände voll zu tun hatten, fehlte ihnen die Gelegenheit, in den Tempel zu gehen, Opfer zu bringen und Verdienste zu sammeln für das nächste Leben.

Eines Tages, als die beiden, Mann und Frau, gerade damit beschäftigt waren, ein Tier zu zerlegen, kam ein Einsiedler des Weges. Die Eheleute sahen sofort, dass dies ihre Gelegenheit war, und sie wollten sie nutzen. Also luden sie den frommen Mann ein, die Leitertreppe zum Hause heraufzukommen, um ein Almosen zu empfangen und ein Speiseopfer für seine Mittagsmahlzeit.

Der Einsiedler setzte sich auf den Boden und wartete. Da kam eine junge Frau dazu, die einen herrlich funkelnden Rubin in der Hand hielt. Diesen Stein wollte sie dem Fleischhauer in Verwahrung geben. Er sollte ihn bei seinem nächsten Gang zur Stadt mitnehmen und dem Schatzkanzler aushändigen.

Der Fleischer nahm den Stein, schaute ihn sich genau an und legte ihn dann an der mittleren Tragsäule des Hauses nieder. Er dachte, wenn er mit der Zubereitung der Mahlzeit für den Einsiedler fertig wäre, sei noch Zeit genug, den Stein sorgfältiger zu verwahren.

Mann und Frau zogen sich also ins Küchenhaus zurück, richteten die Speisen für den Einsiedler an und trugen sie dann die Leitertreppe zum Hause hoch, um sie dem Ehrwürdigen vorzulegen.

Während sie noch in der Küche zu tun hatten, war ihr zahmer Kranich zu dem Einsiedler heraufgekommen und war zur offenen Vorratskammer hingehüpft, um dort unter den Fleischresten etwas herauszupicken. Da hatte er den funkelnden Rubin neben dem Tragpfeiler liegen sehen. Er hatte den Stein für das Auge eines geschlachteten Tieres gehalten, ihn aufgepickt und heruntergeschluckt. Der Stein war ihm in den Kropf gerutscht.Als der Einsiedler seine Mahlzeit beendet hatte, erteilte er den Eheleuten seinen Segen. Der Mann dankte und schickte sich an, den ehrwürdigen Gast hinunter zu begleiten. Dabei streifte sein Blick die Stelle, wo er zuvor den Rubin hingelegt, dort drüben neben der Säule. Er ging hinüber und musste feststellen, dass der Rubin, den er dort hatte liegen lassen, inzwischen verschwunden war. Übrig war nur der Flicken, in dem die Frau ihn hergebracht.

Der Mann befragte den Einsiedler:

"Würdiger Lehrer, hast du den Rubin gesehen, den ich vorhin am Fuße des Holzpfeilers abgelegt?”

Der Einsiedler spürte den Zwiespalt, in dem er sich befand. Würde er seinem Gastgeber der Wahrheit gemäß berichten, dass der Kranich den Rubin verschluckt hatte, so wäre das des Tieres Ende: Der Mann würde ihn schlachten, um an den Stein zu kommen. Der Einsiedler musste lügen:

"Ich habe nicht darauf geachtet!”

Da war niemand , der gesagt hätte, er habe den Rubin eingesteckt. Der Mann suchte den ganzen Raum ab, wieder und wieder, aber der Stein blieb verschwunden. Zorn bemächtigte sich seiner und Wut auf den frommen Waldbewohner, der ihn bestohlen haben musste. Der Stein war fort. Er hatte ihn angenommen, also musste er ihn dem Schatzverwalter ersetzen! Das bedeutete, dass er eine gute Stange Geld dafür aufbringen müsste.

Es gab einen anderen Weg, nämlich dem Einsiedler so zuzusetzen, dass er sein Versteck preisgab. Der Mann hielt sich an seinen Gast und bedrohte ihn. Aber was er auch tat, der fromme Einsiedler blieb dabei: er schüttelte den Kopf und beteuerte, wo der Rubin sei, das wisse er nicht.

Der Mann ärgerte sich und wurde zugleich traurig. Was dazu hatte dienen sollen, Verdienste zu erwerben, wurde zur Versündigung. Er legte Hand an den Einsiedler und fesselte ihn an die Tragsäule. Hände und Füße schloss er ihm in Eisenketten. Auf diese Weise quälte er den Einsiedler, um ihn zum Sprechen zu bringen. Wo hatte er den Rubin verborgen, das sollte er endlich bekennen! Aber der Ehrwürdige erduldete lieber den Schmerz, als dass er den Mund aufgemacht hätte, das Versteck des Steines preiszugeben.

Die Frau musste mit ansehen, wie ihr Mann dem Einsiedler zusetzte. Sie flehte und jammerte, aber ihr Mann wollte nicht klein beigeben. Vielmehr wuchs sein Zorn, je mehr sie ihn bestürmte, von dem armen Alten abzulassen. Der Mann erkannte in seiner Frau des Diebes Helferin. Diese Frau war eine einzige Plage. Es war nicht auszuhalten mit ihr. Wütend packte er ein Holzscheit, das dort lag, und warf damit nach ihr. Das Holzscheit wirbelte durch die Luft und traf mit voller Wucht den Kranich, der auf den Dielen hin- und herstolzierte. Es brach ihm den Hals, und er sank tot in sich zusammen. Der Mann konnte es nicht fassen. Er hatte seinen geliebten Kranich erschlagen.

Nun hatten sich die Umstände für den Einsiedler entscheidend verändert. Er brauchte die Wahrheit nicht mehr zurückzuhalten. Er sprach:

"Verdienstvolle Gastgeber, der Rubin, der euch abhanden gekommen, den hat euer Kranich aufgepickt und verschluckt. Euch das gleich anfangs zu sagen, war meine Sache nicht. Denn ich habe Angst gehabt um das Tier, ihr würdet es töten, um an den Stein zu kommen. Jetzt aber ist der Kranich tot, und ich kann euch verraten, was geschah.”

Der Mann ergriff den Leichnam des Kranichs und schlitzte ihm mit seinem Fleischermesser den Hals auf. Da fand er den Rubin in des Vogels Kropf.

Es hatte sich erwiesen, dass der Einsiedler die Wahrheit gesagt. Der Mann beeilte sich, ihn loszubinden und von den eisernen Fesseln zu befreien. Er holte Salbe für des Ehrwürdigen Schürfwunden und bat ihn um Vergebung für seine Untat.

Stumm sah der Einsiedler die beiden Eheleute an. Sein Blick verriet Zuwendung und Mitgefühl. Er sprach:

"Ihr beiden Gläubigen! Was eben geschehen, ist nun vorüber. Es war die Frucht früherer Versündigung. Wir Menschen müssen für unsere Verfehlungen zahlen. Erst dann können wir wieder neuen Mut fassen. Was mich betrifft, ich hatte eine Vorahnung, dass der Augenblick gekommen war, an dem auch ich eine alte Schuld würde begleichen können. Ich habe mein Schicksal willig auf mich genommen und tapfer geschwiegen. Nun ist die Schuld gesühnt. – Ich muss weiterwandern. Euch aber danke ich dafür, dass eingetreten ist, was Phra Phrom, der Erbauer der Welt, mir bestimmt hatte.”

Der Einsiedler verliess nun das Haus der Eheleute und kehrte in seinen Gebirgswald zurück. Wenn ihn seine Glieder auch schmerzten, sein Herz war voll Freude, hatte er doch das Glück erfahren, für frühere Schuld zu büssen.• • •

Unsere Dorfgeschichten sind dem hübsch illustrierten Buch "Der Reiche und das Waisenkind" entnommen, herausgegeben von Christian Velder (Foto). Der deutsche Philologe mit Wohnsitz in Chiang Mai hat über viele Jahre thailändische Volkserzählungen übersetzt und gesammelt. Das Buch mit 120 Geschichten kostet 680 Baht. Velders Buch "Der Richter Hase und seine Gefährten" enthält reich illustrierte Volkserzählungen. Der kleine und zerbrechliche Hase gilt in Südostasien als ein Tier von Klugheit und List. Das Buch ist erhältlich im FARANG-Medienhaus.

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