Die neue Eiszeit

 Foto: Orlando Bellini / Fotolia.com
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Es ist nicht zu übersehen: In Deutschland, Österreich und der Schweiz wächst die Zahl der Angriffe auf Ausländer. Rechte Gruppierungen werden stärker in ganz Europa, in Frankreich ist sogar eine Regierungsbeteiligung des rechtsnationalen „Front National“ nach den nächsten Wahlen denkbar. Die wachsende Brutalität ist Symbol und Symptom für die rasch voranschreitende Entsolidarisierung unserer Gesellschaften. Was sind die wirklichen Gründe dieser traurigen Entwicklung?

Oberflächlich betrachtet ist eine wachsende Zahl von Bürgern mit der Arbeit der Volksparteien nicht mehr einverstanden. In Deutschland und anderswo stagnieren die Renten seit Jahrzehnten, für Infrastrukurprojekte oder beispielsweise Familienpolitik ist angeblich kein Geld da, während die Asylpolitik in den Augen dieser Menschen Millionen um Millionen verschlingt. Klar, dass Rechtspopulismus in diesem Umfeld auf fruchtbaren Boden stößt.

Die wahren Hintergründe sind allerdings wesentlich erschre­ckender! Letztendlich spiegeln die heutigen Ereignisse hauptsächlich wider, wie rasch sich der angelsächsische Kapitalismus gegenwärtig gegen die sozialen Marktwirtschaften durchsetzt. Bis vor ca. 15 Jahren waren Sparkassen und Genossenschaftsbanken tragende Säulen der Finanzierung des Mittelstandes. Heute fällt es dem Mittelstand deutlich schwerer auf diesem Weg an Kapital zu kommen, da Kapital aufgrund der niedrigen Zinsen direkt in die Märkte fließt, von den Finanzzentren gesammelt wird und in Form von Beteiligungen in die jeweiligen Länder zurückkehrt. Bei diesen Beteiligungen geht es ausschließlich um Renditemaximierung in möglichst kurzer Zeit. Standorte werden verlagert, Mitarbeiter gefeuert, wann und wo auch immer das schnelle Geld lockt. Die Zahl der Verlierer nimmt zu. Der bekannte Besteck- und Kaffeemaschinenhersteller WMF ist ein trauriges Beispiel von hunderten. Angst vor Altersarmut oder gar Exis­tenzängste der Betroffenen verlangen nach Sündenböcken und verstellen den Blick auf die wahren Ursachen.

Der geistige Abschied der Öffentlichkeit

Als Folge wird die Kluft zwischen reich und arm rasch größer. Ein Drittel der westlichen Gesellschaften, meinen Wissenschaftler, haben sich geis­tig bereits vollständig aus der öffentlichen Debatte verabschiedet. Die Gefahr, die damit für unsere Demokratien verbunden ist, wird unterschätzt. Von Jahr zu Jahr wird der private Sektor immer noch mächtiger, während gewählte Politiker zu Statisten verkommen. Glänzende Möglichkeiten für Unternehmer mit Ideen und Zugang zu Kapital, die sich richtig zu positionieren wissen, auf der einen Seite, düstere Aussichten für den normalen Arbeiter oder Angestellten, der real immer weniger verdient und um seine Zukunft fürchten muss.

Ein weiterer Grund des Übels dürfte in der Entpolitisierung unserer Gesellschaften sowie in der zunehmenden Denkfaulheit vieler Menschen zu suchen sein. Das Privatfernsehen wird von Jahr zu Jahr primitiver und gipfelt in sogenannten „Scripted Soaps“, bei denen große Unternehmen weitgehend von der Öffentlichkeit unbemerkt ganze Textpassagen kaufen, um die Meinung der Zuschauer vor dem Bildschirm zu manipulieren. Bildungsforscher kommen zu dem Ergebnis, dass es jungen Menschen zunehmend schwerer fällt, die großen Zusammenhänge zu erkennen.

Auch an den Universitäten ist die gegenwärtige Entwicklung ebenfalls mit Skepsis zu betrachten: Ist eine Verschulung der Studiengänge durch Bachelor und Master Abschlüsse wirklich besser als unsere eigenen Modelle oder eliminieren wir lediglich selbst unsere Stärken? Es scheint jedenfalls so, dass die neue Art des Lernens nicht gerade die Wahrnehmung der großen Zusammenhänge fördert.

Wenn nicht gewollt ist, dass diese Entwicklung eines Tages unsere Gesellschaften sprengt, muss es gelingen, den Trend zu immer größeren Machtkonzentrationen im privaten Sektor zu stoppen. Die wahren Ursachen der Probleme müssen auf den Tisch und adressiert werden. Weit verbreitetes asoziales Verhalten und kollektive Verblödung dürfen keine Tabu-Themen bleiben. Falls es nicht gelingt, ist es nicht schwer vorherzusagen, dass Gewalt und Rassismus weiter zunehmen werden.

Es bleibt nur zu hoffen, dass sich zukünftig Männer und Frauen finden werden, die stark genug sind, den Primat der Politik zurückzuerobern. Momentan sieht es allerdings nicht danach aus.

Über den Autor

Christian Rasp ist Rechtsanwalt und seit 1992 in Thailand, Hongkong und China tätig. Er leitet ein spezialisiertes Consulting-Haus, lebt und arbeitet in Hua Hin, Bangkok und Hongkong. Die Kolumne Nachgefragt“ beschäftigt sich vorwiegend mit aktuellen ökonomischen Fragestellungen, die es verdienen, etwas genauer unter die Lupe genommen zu werden.

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Jürgen Franke 25.08.15 11:07
Super Artikel
obwohl einige Kommentatoren die Schuldigen längst gefunden haben. Politik, die Linken, die Banken. usw. usw. Der Satz: "Es bleibt nur zu hoffen, dass sich zukünftig Männer und Frauen finden werden..." Das genau ist der springende Punkt. Und darauf wird es ankommen und nicht auf Schuldzuweisungen. Wichtig wäre auch eine Reform der Bildungspolitik.
Beat Born 24.08.15 08:27
Die Politik ist schuld an der Misere
Ich bin auch der Meinung, dass die Banken gierig sind und sehr viel falsch machen. Sie sind aber keinesfalls für die zerstörerische Masseneinwanderung/Überfremdung/Islamisierung von Westeuropa verantwortlich. Diese Schuld müssen die skrupellosen, zumeist linken Politiker auf sich nehmen. Es darf also nicht erstaunen, wenn das Volk diese Gefahr erkennt und zunehmend Gegensteuer gibt.
Rene Mayenzet 23.08.15 12:01
VolksZertreter
unsere Statisten als Volksvertreter sind zu Vasallen der Finanz geworden und es kümmert sie einen Sch... das Volk. Normalerweise gehören diese Figuren hinter Gitter, der Michel wäre schon lange dort gelandet.
Das Volk erwacht langsam, es kommt der Moment wo ich möchte dann nicht in deren Schuhe stehen möchte.