Johnson öffnet England und erntet Kritik

Die Masken fallen 

Der englische Premierminister Boris Johnson verlässt 10 Downing Street für die Prime Minister Questions im Parlament in London. Foto: epa/Vickie Flores
Der englische Premierminister Boris Johnson verlässt 10 Downing Street für die Prime Minister Questions im Parlament in London. Foto: epa/Vickie Flores

LONDON: Unbeirrbar steuert der britische Premier Johnson sein Land auf einen Corona-Öffnungskurs, auch die Maskenpflicht fällt weg. Das sorgt für einen Flickenteppich. Experten sind entsetzt.

Boris Johnson ist für sein unerschütterliches Selbstvertrauen bekannt, doch derzeit wirkt der britische Premierminister eher wie ein Bittsteller. Die Regierung erwarte und ermutige alle, doch bitte weiter Masken zu tragen, sagt Johnson. Er selbst werde bestimmt eine aufsetzen, wenn er an einem vollen Ort unterwegs sei. Doch trotz allen Bettelns: Wenn an diesem Montag fast alle Corona-Maßnahmen in England enden, stehe der größte britische Landesteil vor einem «Masken-Chaos», kritisieren Experten und Gewerkschaften. Denn dann gelten weder Abstandsregeln noch Maskenpflicht.

Johnson lässt die Masken fallen: In Zügen, Geschäften und Kinos sind Mund-Nasen-Bedeckungen, die eine überwältigende Mehrheit von Wissenschaftlern für ein besonders probates Mittel gegen das Coronavirus hält, nicht mehr vorgeschrieben. Veranstaltungsbetriebe sowie Transportunternehmen haben bereits angekündigt, im Einklang mit der Gesetzeslage fortan nicht mehr auf das Tragen zu bestehen. Ohne Masken, so ihr Kalkül, haben sie mehr Gäste und machen mehr Umsatz.

Kritik an seinen Plänen lässt Johnson nicht gelten. Allen sei klar, wie sie es künftig mit Masken halten sollen, sagt der Regierungschef - dabei klagen Geschäfte und Firmen über fehlende Leitlinien. Unternehmer seien «verständlicherweise verwirrt» über die Aussagen aus der Downing Street, sagt Roger Barker vom Führungskräfte-Verband Institute of Directors. «Masken wegwerfen oder weiter tragen? Die Anleitung der Regierung trägt wenig dazu bei, die Verwirrung zu zerstreuen.» Die Gewerkschaft TUC warnt vor einem «Rezept für Chaos und steigende Infektionen».

Johnsons Motto lautet hingegen Selbstverantwortung. Jeder Einzelne dürfe selbst entscheiden, wie er es denn mit den Masken halte. Es ist die Rückkehr zum liberalen Staat, der seinen Bürgern weitgehend freie Hand lässt und den viele Mitglieder von Johnsons Konservativer Partei seit Beginn der Corona-Pandemie herbeigesehnt haben. Der Premier gibt sich betont optimistisch. Das Schlimmste der Pandemie liege hinter dem Land, sagt Johnson. Zwar ist die Botschaft verbunden mit der Mahnung, die Rückkehr zur Normalität gelinge nur, wenn weiterhin Vorsicht gezeigt werde. Dennoch verwundert der Ton.

Denn am selben Tag meldet die Regierung fast 50.000 Neuinfektionen - es ist der höchste Tageswert seit einem halben Jahr. Die Zahl der Fälle ist in der vergangenen Woche im Vergleich zur Vorwoche um 43 Prozent gestiegen. Auch die Krankenhauseinweisungen nehmen wieder zu. Ihre Klinik habe die Corona-Intensivstation nach zwei Monaten wieder öffnen müssen, schreibt die Ärztin Caroline Bullen auf Twitter.

Kritiker werfen Johnson und seiner Regierung vor, kurz nach der Fußball-EM mit Zehntausenden Fans im Stadion sehenden Auges in eine Katastrophe zu steuern. Mehr als 1200 Experten, Mediziner und Wissenschaftler fordern in einem offenen Brief eine Verschiebung der Lockerungen. Vor allem junge Leute, die erst eine Impfdosis erhalten haben, und Menschen mit chronischen Krankheiten seien in Gefahr. Millionen könnten langfristig an Covid-19 erkranken.

Dass die Zahl der Neuinfektionen weiter klettern wird, bezweifelt die Regierung gar nicht. Ganz im Gegenteil: Gesundheitsminister Sajid Javid hält bis zu 100.000 neue Fälle täglich für absolut realistisch. Das wissenschaftliche Expertengremium Sage erwartet mindestens 1000 Krankenhauseinweisungen sowie 100 bis 200 Corona-Tote täglich. Doch Johnson sieht die Zeit für gekommen, das Land Richtung Normalität zu führen. «Wenn nicht jetzt, wann dann?», lautet die Regierungslinie. Mildes Wetter und die bevorstehenden Sommerferien seien bessere Rahmenbedingungen als die im Herbst erwartete Grippewelle.

Dennoch: Einig ist man sich in Großbritannien, wo Gesundheit Sache der Länder ist, keineswegs. Mit seinem Vorpreschen mache Johnson England zum Außenseiter, kritisiert Mark Drakeford, Regierungschef von Wales. Er lockert ebenso vorsichtiger wie auch seine schottische Kollegin Nicola Sturgeon. Zentraler Bestandteil: die Maskenpflicht. Wer im Zug nach Wales einreise, müsse bei Grenzübertritt eine Maske aufsetzen, betont Drakeford. Es droht ein Flickenteppich.

Selbst im Parlament ist die Konfusion groß. Er habe keine Befugnis, den Abgeordneten Masken vorzuschreiben, klagt Parlamentspräsident Lindsay Hoyle. Angestellte müssen hingegen weiter Maske tragen, das ist auch in Bussen und Bahnen in London weiterhin Vorschrift. Bürgermeister Sadiq Khan wird deshalb für seine Führungsstärke gelobt, während sein Vorgänger Johnson im Land nun auf Sicht fahre.

In Kraft lassen will die Regierung auch das Nachverfolgungsprogramm, das sie vor gut einem Jahr für Dutzende Milliarden Pfund aufbauen ließ. Dazu gehört auch eine Corona-Warnapp: In der vergangenen Woche forderte sie mehr als 520.000 Nutzer auf, sich wegen engen Kontakts mit einem positiv Getesteten selbst zu isolieren - fast 50 Prozent mehr als in der Vorwoche. Die Regierung zeigt sich besorgt. Doch nicht wegen der Vielzahl potenzieller Fälle. Man müsse sich Gedanken machen, wie die App «verhältnismäßiger» reagieren könne, meint Kabinettsmitglied Robert Jenrick. Auch viele Abgeordnete sollen die App bereits gelöscht haben, um nicht in Quarantäne zu müssen.

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Ling Uaan 16.07.21 15:40
Ein mutiger Feldversuch
da bin ich ja mal auf die Zahlen in ein paar Wochen gespannt.
Wir sollten uns das genau ansehen, denn spätestens Ende 9/21 soll es auch in D soweit sein lt. BM Spahn.
Thorsten Haase 16.07.21 15:30
Wahrheit bahnt sich ihren Weg
Vermutlich ergreift Johnson hier die Flucht nach vorne bevor die Wahrheit entgültig ans Licht kommt. Ob die Kritiker Lobbyisten der Pharma Lobby wie Jensi Ehemann sind wissen wir nicht ;)