Die Macht der Sprache

Ich lernte diese Macht vor einigen Jahren kennen, als ich bei unserem Bäcker einen Negerkuss bestellte. Die Antwort war klar und eindeutig: „So etwas führen wir hier nicht.“ Ich sah die Verkäuferin spöttisch an: „Da, unter dem Tresen-Glas liegen sie doch.“ – „Ach so, Sie meinen die Schokoküsse.“

Was? Wieso? Seit meinen frühesten Jahren habe ich Negerküsse verspeist, zusammen mit meinen Freunden bei Kindergeburtstagen. Und jetzt? Es gibt sie noch, aber sie haben einen neuen Namen bekommen. Ich denke an Ernst Neger, den singenden Dachdecker aus Mainz, der das berühmte Fastnachts-lied „Heile, heile Gänsche…“ geschrieben hat. Jetzt verlangen selbst ernannte Sprach-Saubermänner, dass die Firma Neger, die schon seit Generationen besteht, sich umbenennen soll. Ich frage mich, ob diese Leute noch bei Sinnen sind. Auch die Mohren-Apotheke in Mainz, eine der ältesten in der Stadt, wurde aufgefordert ihren Namen zu ändern. Was soll dieser Unsinn?

Ich bestelle mir im Restaurant ein Zigeunerschnitzel. „Sorry, wir haben nur Jäger- oder Puszta- Schnitzel.“ – „Aber auf der Karte steht doch Zigeunerschnitzel.“ – „Anweisung vom Chef“. Ach so. Dann darf ich wohl auch nicht mehr das Lied singen, das wir in der Schule lernten: „Lustig ist das Zigeunerleben…“ Sagen Sie, was Sie wollen. Ich will auch in Zukunft meinen Negerkuss vernaschen und mein Zigeunerschnitzel verzehren, ohne dabei auch nur im Geringsten an eine Art von Verachtung oder Unterdrückung von dunkelhäutigen Menschen oder Sintis und Romas zu denken. Vielleicht dürfen wir in Zukunft auch die letzten Indianer nicht mehr bei ihrem Namen nennen, denn sie sind die Ureinwohner von Amerika und nicht von Indien.

Die Sprache ist eine Macht. Wer sie beherrscht hat Macht. Als Sprache und Macht zueinander kamen, da war klar, wer die Herrschaft ausübte. Bis auf den heutigen Tag ist deutlich was Sprache ausmacht. Sie ist eindeutig maskulin und bezeugt damit die Macht des männlichen Geschlechts. Kürzlich kam mir ein Fall zu Ohren, der sich unglaublich anhört: Eine Frau beharrte darauf, von ihrer Bank als Kundin bezeichnet zu werden. Das Begehren wurde abgelehnt. Sie ist immer noch ein Kunde. Und wenn sie ein Geschäft betreibt, dann ist sie ein Inhaber und keine Inhaberin. Dagegen wurde in Deutschland vergeblich geklagt. Wir lächeln oft hochmütig, wenn wir auf der Straße ein türkisches Ehepaar sehen, der Mann zwei Schritte vor ihr. Auch bei uns sind Frauen irgendwo hinter den Männern angesiedelt. Überall in der Wirtschaft ist es unübersehbar. Das Quotengesetz hat nur wenige Veränderungen gebracht. Männer regieren die Welt, obwohl sie schon so unendlich viel Elend angerichtet haben. Es wird Zeit, das zu ändern. In den wenigen Fällen, wo sie das Sagen hatten, konnten sie beweisen, dass sie in der Lage waren, besser zu reagieren als ihre männlichen Vorgänger. Früher waren Frauen Mütter, mit den drei „K“ versehen: Kinder, Küche, Kirche. Da hat sich inzwischen einiges geändert. Heute führen Frauen große Konzerne und beweisen damit, dass sie Männern ebenbürtig sind. Irgendwann in dunkler Vergangenheit soll es mal ein Matriarchat gegeben haben, die Herrschaft der Frauen, aber das klingt heute wie eine Mär. Die Welt ist männlich, und in vielen Ländern werden Frauen heute noch total unterdrückt. Sie aus dieser Notlage zu befreien ist schwer. Alle NGOs, die es versuchten, sind bisher gescheitert und an ihre Grenzen gestoßen. Ich frage mich, ob es die Gene sind, die den Männern ihre Vorherrschaft sichern? Oder gehen sie zu oft in die „Muggi-Buden“? Gerade habe ich gelesen, dass vier von zehn Frauen von ihren Männern geschlagen werden. Für mich unvorstellbar – im Jahr 2018 in Deutschland! Warum erfährt man davon so wenig in der Öffentlichkeit? Wahrscheinlich schämen sich diese schikanierten Frauen. Wenn sie ein blaues Auge haben, hilft Schminke und eine Sonnenbrille, haben sie blaue Flecken davongetragen, dann sind sie gegen ein Bord gestoßen, gestolpert, hingefallen oder von der Treppe gestürzt. Jeder Arzt kennt diese Ausreden. Ich weiß, es gibt überall Bestrebungen dieses Unrecht zu beenden, sowohl in der Sprache als auch in der Tat. Beides ist in Bewegung, und beides wird zum Ausgleich führen, eines Tages…

Ich möchte meine Medikamente, wie schon seit Jahrzehnten, weiterhin gerne in der Mohren-Apotheke kaufen und weiterhin in meinem Stamm-Restaurant ein Jägerschnitzel verzehren. Und wenn dann – wie gestern – plötzlich aus dem Radio ein Lied von Alexandra ertönt „Zigeunerjunge, Zigeunerjunge, wo bist du, wo sind deine Wagen…“, dann bin ich mit mir und der Welt wieder versöhnt. Dann ist mir sogar der Kunde oder die Kundin so egal wie der Inhaber oder die Inhaberin.

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Leserkommentare

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Jürgen Franke 28.08.18 10:12
Ja, Herr Krüger, an Ihrem Beitrag ist deutlich
zu erkennen, dass auch Sie in die Jahre gekommen sind. Aber machen Sie sich nichts daraus, die Welt dreht sich, auch ohne unser zutun, weiter. Übrigens auch ohne, dass wir an der Macht der Sprache etwas ändern.
Detlev Timm 27.08.18 20:56
Es ist so...
Ich bin da absolut Ihrer Ansicht, aber wer rettet die Welt? Die Eigendynamik ist wohl nicht zu stoppen, es entwickeln sich solche Dinge und etablieren sich. Eine Änderung? Nur langfristig denkbar, wenn wir unsere Kinder darauf sensibilisieren und entsprechend erziehen. Aber "wir" sind in der Unterzahl. Das Gros der Menschen ist nicht interessiert, Ignoranz ist modern. Deutscher sein... Ich bin nicht stolz darauf, ich hab keinen Grund dafür, denn es ist nicht mein Verdienst sondern reiner Zufall dass ich hier geboren bin. Ich schäme mich manchmal eher für diese Eigenschaft, weil soviel Dinge hier einfach nicht so sind, wie mein Verständnis es gutheißen würde.
uli von Berlin 27.08.18 12:32
Sprache ändern, unmöglich
Danke, dass sie dieses Thema ansprechen. Wo darf ich unterschreiben. Ich bin voll auf ihrer Seite. Aber DIE werden sich (leider) durchsetzen. Gehen sie bitte Mal in D mit MotorradHelm auf dem Kopf in eine Bank. Den Helm müssen sie abnehmen. Die Verschleierung mit Burka oder Nikab, oder wie das heißt, ....... Soweit ist's in D schon gekommen. Ich war mal stolz Deutsch zu sein. Wenn ich jetzt in Thailand gefragt werde } where you come from { weiche ich aus. Es ist nicht Schade, es ist eine SchaNde, was in D abgeht. Meinen im Pass eingetra genen KünstlerNamen hatte ich früher gerne verwendet. uli von Berlin.