Die Leidtragenden des längsten «Shutdowns» aller Zeiten

Foto: epa/Michael Reynolds
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WASHINGTON (dpa) - Not macht erfinderisch. Manche verkaufen Habseligkeiten oder bitten im Internet um Spenden, andere lassen Rechnungen unbezahlt, um Essen kaufen zu können. Der Rekord-«Shutdown» trifft Hunderttausende Amerikaner. Jetzt ist die erste Gehaltszahlung ausgefallen.

Für Clifton Buchanan wird es jetzt eng. Der Mann aus Texas hat zum Ende der Woche wegen des «Shutdowns» in den USA zum ersten Mal keinen Gehaltsscheck bekommen - wie Hunderttausende andere Amerikaner auch. Erspartes hat der 50-Jährige nicht, dafür aber eine Familie zu ernähren und ein Haus abzubezahlen. Buchanan ist Alleinverdiener, hat eine Frau und eine elfjährige Tochter. Er ist einer von rund 800.000 Bundesbediensteten, die seit kurz vor Weihnachten im unbezahlten Zwangsurlaub ausharren oder ohne Bezahlung weiterarbeiten müssen, weil ein politischer Streit Teile des Regierungsapparats in den USA lahmlegt.

Die vergangenen drei Wochen waren schon belastend für Buchanan. Aber durch die ausgefallene Gehaltszahlung ist er nun - wie viele andere auch - richtig in Schwierigkeiten. Seit Samstag ist es der längste «Shutdown» in der US-Geschichte - und ein Ende nicht in Sicht.

Buchanan arbeitet seit mehr als 20 Jahren für den Staat. Eigentlich ist er Gefängniskoch. Seit ein paar Jahren ist er abgestellt als Arbeitnehmervertreter für Gefängnismitarbeiter in Texas und Staaten nebenan. Seit drei Wochen ist er zwangsbeurlaubt, ohne Gehalt.

Buchanan ist ein großer, wuchtiger Mann mit Rauschebart und tiefer Stimme. Trotzdem wirkt er nun etwas hilflos. Er könne jetzt keine Rechnungen mehr bezahlen, sagt er. Und ab sofort auch nur noch das Nötigste kaufen: Essen, Sprit oder Schulsachen für seine Tochter. Der Zustand kratzt an seinem Stolz. «Ich habe immer meine Rechnungen bezahlt, ich war noch nie zu spät dran.» Nun ist das anders. Er habe Angst, sein Haus und sein Auto zu verlieren, wenn er die Kreditraten dafür nicht mehr zahlen könne, erzählt Buchanan.

Rücklagen hat er nicht. Bei einem einzelnen Einkommen für seine dreiköpfige Familie bleibe am Ende des Monats nichts übrig. «Ich habe kein Erspartes. Wir leben von Gehaltsscheck zu Gehaltsscheck.»

Das geht vielen Amerikanern so. Die US-Notenbank berichtete im vergangenen Jahr, 40 Prozent der Amerikaner könnten eine unerwartete Ausgabe in Höhe von 400 Dollar (knapp 350 Euro) nicht stemmen, ohne sich Geld zu leihen oder Besitz verkaufen zu müssen.

Und genau das tun nun einige in ihrer Not: Die ersten Bundesbediensteten durchstöbern ihr Zuhause und verhökern im Internet Habseligkeiten, um ein bisschen Geld reinzubekommen. Etliche haben Anzeigen auf der Plattform GoFundMe geschaltet, posten dort Bilder von ihrer Familie und erzählen von ihren finanziellen Schwierigkeiten - in der Hoffnung auf Spenden. Sie habe nie im Leben gedacht, dass sie mal auf der Plattform um Spenden bitten müsste, schreibt eine alleinerziehende Mutter aus Arizona dort. Aber wegen des «Shutdowns» wisse sie sich nicht anders zu helfen.

Manche halten auch schon nach anderen Jobs Ausschau - für den Fall, dass der «Shutdown» noch lange anhält. US-Präsident Donald Trump hat damit gedroht, der Zustand könne Monate oder sogar Jahre andauern. Damit wollte er Druck auf die Demokraten machen, mit denen er seit Wochen um Milliarden für eine Grenzmauer zu Mexiko streitet. Verängstigt hat er aber vor allem jene, die zu Hause sitzen und nicht wissen, wie sie die nächste Miete zahlen sollen.

Nicht jeder ist in höchster Not. Unter den Staatsbediensteten sind auch gut bezahlte Mitarbeiter aus Ministerien und Behörden. Es gehören aber eben auch viele Geringverdiener dazu, die kleinere Bürojobs haben oder im Gefängnis Dienst schieben. Die Bandbreite ist groß. Sie werden ihr Gehalt wohl nachträglich gezahlt bekommen, sobald der «Shutdown» endet. Aber wann, das ist völlig ungewiss.

Auch Freda McDonald ist nun in Schwierigkeiten. Die 56-Jährige arbeitet für die Katastrophenschutzbehörde FEMA, ist dort zuständig für Vertragsabschlüsse mit Subunternehmern. Eigentlich. Auch sie ist seit drei Wochen zwangsbeurlaubt, hockt zu Hause und hat ebenfalls keinen Gehaltsscheck bekommen.

McDonald verdient normalerweise gut, lebt allein, hat keine Familie zu versorgen. Aber sie hat eine schwere Erbkrankheit, lässt seit Jahren Operationen und Behandlungen über sich ergehen, kann nur mit Hilfe eines Rollators laufen. Sie muss viele Medikamente nehmen und ist Dauergast bei Ärzten. Das kostet. McDonald ist zwar krankenversichert, aber einen Teil der medizinischen Kosten muss sie selbst tragen. «In einem normalen Monat sind das 1.200 bis 1.500 Dollar», erzählt sie. Den ersten ausgefallenen Scheck könne sie noch verkraften. «Aber wenn der nächste Ende des Monats nicht kommt, dann kriege ich Panik.»

McDonald arbeitet in Washington. In der US-Hauptstadt gibt es besonders viele Bundesbedienstete. Die ersten Ladenbesitzer hier klagen schon über sinkende Einnahmen. Auch anderswo in der Stadt sind die Auswirkungen des «Shutdowns» spürbar: Museen sind geschlossen, der Zoo auch, selbst das Standesamt machte zeitweise dicht. In einigen Behörden in DC und anderswo im Land bleiben Anträge liegen.

Ein Viertel des Regierungsapparats - inklusive der untergeordneten Behörden - ist seit dem 22. Dezember lahmgelegt, weil Trump kein Budgetgesetz unterschreiben will, solange er kein Geld für eine Grenzmauer zu Mexiko bekommt. Die Demokraten im Kongress sperren sich aber gegen seine Forderung. Die Situation ist verfahren.

Bestimmte Dinge werden auch in «Shutdown»-Zeiten am Laufen gehalten. Viele Mitarbeiter aus sicherheitssensiblen Bereichen müssen ohne Bezahlung weiterarbeiten: etwa an Flughäfen, bei Bundespolizei oder Grenzschutz. Aber auch aus ihren Reihen kommen Klagen, dass der «Shutdown» allmählich Schaden anrichtet. Und der Frust nimmt zu. Laut Gewerkschaftern meldeten sich etwa bei der Flugsicherheitsbehörde in den vergangenen Wochen deutlich mehr Mitarbeiter krank als sonst. Das macht sich allmählich auch an ersten Flughäfen bemerkbar.

Trump behauptete mehrfach, viele der betroffenen Bundesbediensteten unterstützten seinen Kurs trotz aller Härten. Buchanan schüttelt den Kopf. «Ich nicht», sagt er. «Und ich kenne auch niemanden, der das tut.» Er macht Trump für die Lage verantwortlich, aber auch die Demokraten. Empfindet er Wut? «Ich bin jenseits von wütend», antwortet er. «Ich bin nur noch enttäuscht.» Buchanan fühlt sich, als sei er eine Geisel in einem politischen Kampf. «Ich habe mir selbst eine Nummer gegeben. Ich bin Geisel Nummer 585.075.»

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Leserkommentare

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Hansruedi Bütler 17.01.19 11:31
Informationsquellen
Lieber Jürgen, vor noch nicht allzulanger Zeit habe ich die "Kinder" beim Namen genannt. Die Kommentare wurden nicht freigeschaltet! Habe keine Lust mehr auf solche Aktionen, denn zeitverzögert kommt sowieso alles an den Tag. Du, wie andere haben die Möglichkeit sich in die freie Nachrichtenmedien der USA einzuschalten sowohl auch Life-Debatten anzusehen und mit den eigenen Ohren die Nachrichten aufzunehmen die von CNN, The NYT, The WP und anderen nicht oder total verzerrt gemeldet werden. Sehr interessant und aufschlussreich sind auch die Sendungen, wo sich US-Zuschauer direkt mit Kommentaren äußern können. Zugegebenerweise ist es oft etwas mühsam sich die entsprechenden Sendungen auszusuchen, da auch oft viel Bla, bla bla dabei ist. Man erfährt aber so, was die Menschen denken und welche Sorgen und Wünsche sie wirklich haben. Die gekaufte, westliche "NachrichtenGEMEINschaft" unterdrückt all diese Meldungen um die "Schlafschafe" bei guter Laune zu halten. Eine der noch ziemlich freien Sender ist z. B. Fox News der auch viele Life-Sendungen anbietet, aber interessanter sind die "ganz privaten" Sender. Viel Spaß beim Finden und Zuschauen.
Jürgen Franke 16.01.19 23:09
Lieber Hansruedi, es wäre schön, wenn
Du uns auch die Quellen Deiner Information nennen könntest, denn aus dem Redaktionsbericht konnte ich nichts entnehmen. Es ist jedenfalls zu hoffen, dass Trump endlich eine Lösung für die betroffenen Bürger findet.
Hansruedi Bütler 16.01.19 19:48
Laut den Meldungen geht es um Beides
Da das erste Schiff mit "Aussiedlern" nach Guantanamo zwecks Verbringung eines längeren Ferienaufenthaltes angekommen ist, herrscht in gewissen Kreisen Panik. Das Militärtribunal hat seine Arbeit aufgenommen und man munkelt, dass es erhabene "Feriengäste" geben würde, die die vergitterte "Feriensiedlung" nicht mehr lebend verlassen würden. Dies ist ein zusätzlicher Grund warum in den Staaten bald der Teufel los sein könnte und das Militär zusätzlich für Sicherheit und Ordnung sorgen muss.
Kurt Wurst 16.01.19 13:41
Welches
Etablissement meinen Sie, Herr Bütler? Geht`s da etwa um Ferkeleien oder um Geld? Oder etwa um Beides? ;)
Hansruedi Bütler 16.01.19 11:29
Der US Shutdown wird zum Showdown für Trumps
Widersacher. Jeder aufmerksame Leser hat zwischenzeitlich bemerkt, dass es nicht um die Finanzierung der Mauer geht, da das Geld schon lange bereit steht. Trump hat ja schon im 2017 gesagt, dass die Mexikaner die Mauer bezahlen würden, was indirekt ja auch stimmt. Fast 20 Milliarden US$ stehen aus beschlagnahmten, mexikanischen Drogengeldern bereit, weitere Summen kommen dazu. Update: Laut inneramerikanischen Quellen wurde das Volk vor einer härteren Gangart gewarnt, die etwas länger andauern könnte. Trump hat dies ja bereits im 2018 angekündigt. Der Währungsreset und der damit verbundene Konkurs des "alten US$" sei auf der Zielgeraden. Am 19.1. würden Einheiten der Armee spezielle Order erhalten. Persönlich vermute ich zwei Hauptachsen. 1. Die Aufrechterhaltung der Ordnung, wenn die FED fällt, was nicht ohne Widerstand des Etablissements geschehen wird. 2. Momentan hat Trump sehr schlechte Karten für die Verhandlungen mit den Chinesen. Um dies zu Vorteilen der USA umzulegen, muss er die Gewinnung von Coltan (Afrika) und die Produktion der Soya (Brasilien) bis nach der Verhandlungsvereinbarung unter die Kontrolle der USA bringen. Coltan ist das wichtigste Mineral zur Herstellung vom Metal Tantal. China ist in Afrika gut vertreten. Ohne Tantal gibts keine Handy, PCs, Mikroelektronik etc. mehr. Alle miniaturisierten Hochleistungs-Kondensatoren bestehen heute aus Tantal. Die Soya ist Chinas wichtigster Bestandteil der Schweinemast. Nur so wird die USA nicht sofort die Nr. 2!