Die Kandidaten im Rennen um das Amt des britischen Premiers

Foto: epa/Facundo Arrizabalaga
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LONDON (dpa) - Boris Johnson nähert sich seinem Ziel, britischer Premierminister zu werden. Kann ihm einer seiner Konkurrenten noch gefährlich werden?

Nach der dritten Wahlrunde im Rennen um die Nachfolge der britischen Premierministerin Theresa May sind nun nur noch vier Kandidaten im Rennen. Die 313 Abgeordneten der Tory-Fraktion werden an diesem Donnerstag in weiteren Abstimmungen das Feld der Bewerber auf zwei reduzieren. Danach darf die Parteibasis entscheiden. Wer läuft als Sieger ein?

Boris Johnson: Der Ex-Außenminister ist der haushohe Favorit. In der konservativen Fraktion war er lange wenig populär, doch inzwischen liegt er mit 143 von 313 Stimmen aus der dritten Wahlrunde weit vor seinen Widersachern. In der Gunst der Parteibasis, die bei einer Stichwahl über den nächsten Parteichef und Premierminister entscheiden soll, ist Johnson ohnehin der Spitzenreiter.

Ein Grund dafür könnte sein, dass ihm viele zutrauen, enttäuschte Brexit-Wähler wieder einzufangen, die sich von den Konservativen abgewendet haben. Er gilt als Gewinner, der sich sowohl gegen den Chef der Brexit-Partei, Nigel Farage, als auch gegen Labour-Chef Jeremy Corbyn bei einer Parlamentswahl durchsetzen könnte.

Johnson war der Frontmann der konservativen Brexit-Befürworter im Wahlkampf vor dem Referendum im Juni 2016. Trotzdem gilt er als pragmatisch, wenn es für ihn von Vorteil ist. Es dürfte nach Ansicht von Beobachtern aber schwierig für ihn werden, hinter seine vollmundigen Versprechungen zurückzufallen. Johnson will das Brexit-Abkommen mit der Europäischen Union nachverhandeln, was Brüssel aber ablehnt. Sollte das nicht gelingen, will er am 31. Oktober wohl ohne Deal ausscheiden - mit drastischen Folgen für die Wirtschaft.

Der einst auch unter liberalen Wählern populäre Ex-Bürgermeister von London ist für Wortwitz, aber auch Tollpatschigkeit bekannt. Seine Zeit als Außenminister ist in keiner guten Erinnerung. Johnson, der am Mittwoch 55 Jahre alt wurde, ist alles andere als ein geborener Diplomat. Die Liste seiner Fehltritte ist lang. Dabei ist nicht immer klar, ob er absichtlich Porzellan zerschlägt oder aus Ignoranz.

Unrühmliche Schlagzeilen machte Johnson etwa, als er bei einem Parteitag der britischen Konservativen über die ehemalige libysche IS-Hochburg Sirte als potenzielles Touristenparadies sprach. «Sie müssen nur die Leichen wegräumen», scherzte Johnson. Ähnlich groß war die Empörung, als er in einem buddhistischen Tempel in Myanmar während eines offiziellen Besuchs ein kolonialzeitliches Gedicht rezitierte, in dem eine Buddha-Statue als «Götze aus Matsch» bezeichnet wird.

Großen Schaden fügte ihm eine Äußerung über die Sorgen der Wirtschaft vor einem Brexit ohne Abkommen zu. Johnsons Kommentar dazu, so berichteten Medien unter Berufung auf Diplomatenkreise: «Fuck business» («Scheiß auf die Wirtschaft»).

Jeremy Hunt: Der amtierende Außenminister (54 Stimmen) hatte beim Brexit-Referendum vor drei Jahren gegen den EU-Austritt gestimmt, kurze Zeit später aber eine Wandlung zum Brexit-Befürworter vollzogen. Viele glauben, dass er sich damit schon in Position bringen wollte für die May-Nachfolge. Als Außenminister gelang es ihm, die europäischen Verbündeten mit ähnlich provokativen Äußerungen gegen sich aufzubringen wie sein Vorgänger Boris Johnson. Bei einer Parteitagsrede verglich er die EU mit der Sowjetunion. Vor allem aus den osteuropäischen Mitgliedsstaaten hagelte es wütende Reaktionen. Ein Patzer passierte ihm auch ausgerechnet bei seiner aus China stammenden Ehefrau: Er stellte sie öffentlich als Japanerin vor.

Insgesamt gilt Hunt, der auch Gesundheitsminister war, aber als moderat und möglicher Kompromisskandidat. Doch das ist auch seine größte Schwäche: Ähnliche Voraussetzungen hatte die gescheiterte Theresa May. Hunt wird daher als «Theresa in Hosen» verspottet.

Michael Gove: Der Umweltminister (51 Stimmen) gilt als bestens vernetzt, nicht nur im britischen Parlament, sondern auch bei den Mächtigen in der Welt der Medien. Als er nach einem gescheiterten Versuch, Premierminister zu werden, kurzzeitig auf den hinteren Bänken im Parlament Platz nehmen musste, verdingte er sich nebenberuflich als Journalist. Im Auftrag des Rupert-Murdoch-Blatts «Times» interviewte er den damals designierten US-Präsidenten Donald Trump - der sich später aber nicht mehr an ihn erinnern wollte.

Neben Johnson gehörte Gove zu den Gesichtern der Brexit-Kampagne. Trotzdem gilt er als moderat. Er schließt eine weitere Brexit-Verschiebung nicht aus. Gove ist zwar ein begnadeter Redner, aber er hat den Ruf, sein Fähnchen nach dem Wind zu hängen. Ärgerlich für ihn: Kurz vor den Abstimmungen für Mays Nachfolge musste er zugeben, dass er vor mehr als 20 Jahren Kokain bei verschiedenen Gelegenheiten konsumiert hatte - und wurde dafür von verschiedenen Seiten scharf kritisiert. Er selbst räumte einen großen Fehler ein.

SajidJavid: Auch der ehrgeizige Innenminister (38 Stimmen) wechselte erst nach dem Referendum über den EU-Austritt auf die Seite der Brexit-Anhänger. Als Sohn eines pakistanischstämmigen Busfahrers verkörpert er den Traum vom sozialen Aufstieg in einer weiterhin stark durch Klassendenken geprägten Gesellschaft. Erfahrungen in der Finanzwelt sammelte er in der Managementebene der Deutschen Bank.

In der Debatte um die Rückkehr einer in Großbritannien aufgewachsenen IS-Frau, die mit ihrem Neugeborenen in einem syrischen Flüchtlingslager feststeckte, zeigte er sich hart und entzog ihr die Staatsbürgerschaft. Als das Baby starb, wurde Javid scharf kritisiert.

Bei einem Staatsbesuch des US-Präsidenten war er als einziger der wichtigen Kabinettsmitglieder nicht zum Staatsbankett im Buckingham-Palast in London eingeladen. Grund könnte Spekulationen zufolge seine Kritik an Trump gewesen sein, als dieser Videos von britischen Rechtsextremen im Kurznachrichtendienst Twitter verbreitete. Muslimische Verbände witterten jedoch auch Diskriminierung wegen Javids Religionszugehörigkeit. Er selbst wies diese Interpretation jedoch zurück.

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