Die Christel von der Post

Ich habe wieder einmal Ansichtskarten an Freunde in Old Europe verschickt. Man sieht darauf einen Thai, der vor einem Krokodil kniet, mit einer Hand den weitgeöffneten Rachen des Monsters hält und sich tief in dessen Schlund beugt. Wohl eine Mutprobe. Darunter habe ich folgende Legende geschrieben: Dieser Mann sucht seine Ehefrau und weiß noch nicht, dass er Witwer ist. Capito?* Wer den Witz nicht verstanden hat, sollte jetzt nicht mehr weiterlesen, den FARANG zur Seite legen und sich in anspruchslosere Lektüre vertiefen.

Keiner will das Krokodil

Aber eigentlich geht es gar nicht um das Bild auf der Karte, sondern wie sie und ich zum Postamt gelangten und wie es da so weiterging. Jedenfalls: Es ist jetzt vier Wochen her und keiner der Adressaten hat sich gemeldet. Wo kein Empfänger, da kein Krokodil, würden die Juristen sagen, oder die Karten sind von irgendeiner obskuren Zensurstelle einbehalten worden. Vielleicht hat der Briefträger sie auch einfach seinen Kindern geschenkt, damit sie zehn Sekunden vom iPhone aufbli­cken und nun auch wissen, was eine Postkarte ist und womit der Vater sich so herumschlägt. Später werden sie in der Schule sagen: „Vater ist Krokodilpostkartenverträger.“ Die Schulkameraden können dann gleich vier Begriffe googeln: Krokodil, Post, Karte und Verträger.

Aber von vorne: Man hatte mir gesagt, das Postamt sei im Supermarkt, also machte ich mich auf die Suche und schlenderte ein bisschen herum, in der Hoffnung, dann schon irgendwann davor zu stehen.

Urbi ed orbi für alle

Das ist ein Luxus, den ich mir als Rentner leiste: Ja nicht zielorientiert lospreschen, jede unnötige Hast vermeiden, schlendern und flanieren ist das Gebot der Stunde. Hin und wieder winke ich dem freundlich lächelnden Personal beim Vorübergehen hinter den Tresen der Verkaufsstände zu. Ich habe das vom Papst gelernt und es zeigt die gewünschte Wirkung. Urbi ed orbi für alle. Ein Mil­lennial würde sagen: Voll entschleunigt der Opa! Genau.

Wenn ich mich richtig erinnere, waren Postämter früher immer irgendwie gekennzeichnet, oder? Gut, in Thailand heutzutage vermutlich auch nicht mehr mit Posthorn auf gelbem Grund, aber doch mit einem Schild oder wenigstens einem Schriftzug: POST. Da war aber nichts. Auf allen drei Etagen in der riesigen Halle war alles zu finden, außer einem Postbüro oder etwas, das danach aussah. Ich musste mich durchfragen und stand endlich vor einem Tresen, hinter welchem ein verwaister Stuhl stand. An der Wand dahinter hingen drei graue Overalls an Metallbügeln, aber die konnten beim besten Willen nicht als Personal durchgehen, vielleicht waren es Postroboter, die auf ihren Einsatz warteten.

Ich wartete auch.

Nach einer (gefühlten) halben Stunde öffnete sich die Türe auf der Rückseite und eine füllige, untersetzte Person schlurfte zum Stuhl, zog ihn ein Stück weg, setzte sich und rückte einen Schreibblock zurecht, der keine Armlänge vor mir auf dem Tresen lag. Ich war neidisch auf den Schreibblock, weil er ihre ganze Aufmerksamkeit für sich beanspruchen durfte.

Ich muss mich bemerkbar machen, sagte ich mir, sonst macht sie das „Postamt“ zu und geht nach Hause. Sie sah in dieser Hinsicht schon ziemlich aufgeräumt aus. Ich legte also die Karten auf den Tresen und grüßte: „Sawadee krap.“ Als Antwort drückte sie noch eine Weile mit gesenktem Blick am Block herum, hob dann leicht den Kopf an,  aber nur bis das Krokodil auf der Ansichtskarte in ihr Gesichtsfeld geriet und hielt dann inne. Ihr Blick verweilte da ein bisschen länger wie mir schien, aber es war ja meine erste Begegnung mit ihr, vielleicht schaut sie Ansichtskarten, wo gar nichts zu sehen ist, noch länger an. Aber das ist Ansichtssache.

Ein Kunde? Bitte nicht schon wieder!

Sie drückte seufzend ein paar Briefmarken darauf und warf sie mit einer energischen Geste, die ich ihr nie zugetraut hätte, in eine Box hinter den Stuhl. Dann wechselte sie meinen Geldschein, schob die Münzen auf den Tresen und auf Wiedersehen. Nein, das sagte sie natürlich nicht, wer will schon einen Kunden wiedersehen, der Ansichten von Krokodilen verschickt. Womöglich bringt er sonst noch ein Echtes vorbei und will es akkurat verpackt verschickt haben. Wo klebe ich da die Briefmarken hin?

Ich hatte es geschafft, mitten im Land des Lächelns keines Blickes gewürdigt und wortlos abgefertigt zu werden. Von einer jungen Dame.

Ich muss mal wieder in den Spiegel schauen, ich verdiene auch als Rentner so viel Aufmerksamkeit wie eine thailändische Riesenechse.

*PS: Da ich einen Shitstorm von #MeToo befürchte, reiche ich folgende Corrigenda nach: Es war natürlich eine ThaiFRAU, die vor dem Krokodil kniete und sich tief in seinen Rachen beugte, nach ihrem Mann suchte und noch nicht wusste, dass sie Witwe war.


​Über den Autor

Khun Resjek lebt mit seiner thailändischen Frau und Tochter in Hua Hin. Seine Kolumne „Thailand Mon Amour“ illustriert auf humorvolle Weise den Alltag im „Land des Lächelns“ aus der Sicht eines Farang und weist mit Augenzwinkern auf das Spannungsfeld der kulturellen Unterschiede und Ansichten hin, die sich im Familienalltag ergeben. Ein Clash der Kulturen der heiteren Art, witzig und prägnant auf den Punkt gebracht.

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Roger Houriet 23.11.20 07:26
Vielen Dank
Vielen Dank für die unterhaltsamen Beiträge. Weiter so freue mich schon auf den nächsten.
Marcel Edouard Petter 22.11.20 14:22
Unterhaltsam geschrieben, ja.
Es gibt verschiedene Postämter in Hua Hin, zum Beispiel das Hua Hin Beach Postoffice, direkt gegenüber der Polizeistation.
Ich lebe jetzt bereits seit 17 Jahren in Thailand und ich habe in dieser Zeit nur gute Erfahrungen gemacht mit der thailändischen Post. Ich wurde stets freundlich bedient und Briefe und Pakete nach Europa sowie von Europa zu mir sind zuverlässig angekommen - Krokodile habe ich allerdings nie verschickt!
Peter Brechbühl 22.11.20 13:28
Bravo
Einmal mehr sehr unterhaltsam geschrieben.
Besten Dank, bitte weiter so :-)