Die Betelnuss

Zahnarztkolumne 17. Teil

Betel macht fröhlich.
Betel macht fröhlich.

Wer schon einmal eine Reise durch dörfliche Gegenden in Asien gemacht hat, kennt den Anblick: Einheimische lächeln den Besucher fröhlich an und zeigen dabei meist für westliche Verhältnisse ziemlich desolate Zähne, die dunkelrot-schwarz verfärbt sind. Ebenso sind die Zunge, die Mundschleimhaut und die Lippen farblich verändert. Der Kiefer macht kleine Kaubewegungen, die Körper dieser Menschen sind äußerst hager.

Gelegentlich bringen Patienten ihre thailändische Familie mit in meine Praxis, und manchmal kann man diese Symptome bei seinen Schwiegereltern oder älteren Verwandten seiner Frau feststellen.

Betel wirkt wie Nikotin

Diese Leute kauen ein pflanzliches Produkt, vermischt mit Kalk. Die Interaktion der Bestandteile wirkt wie Nikotin und ist stark appetitzügelnd.

Betel wird seit mindestens 2.000 Jahren in Süd- und Südostasien sowie im südlichen Pazifik gekaut. Nach Nikotin und Alkohol ist Betel die dritthäufigste psychostimulierende Substanz mit Potential zur Suchtbildung. Weltweit gelten mehr als 600 Millionen Menschen als Betelkauer; das sind weit mehr als 10 Prozent der Weltbevölkerung. Im Gegensatz zu anderen suchtbildenden Substanzen sind für das Kauen von Betel mehrere natürliche Bestandteile notwendig, um die psychostimulierenden Effekte zu erzielen. So besteht Betel aus der Frucht der Nuss der Betelpalme, dem Blatt des Betelpfeffers und gelöschtem Kalk. Die drei Hauptbestandteile wirken zusammen und initiieren den Umwandlungsprozess des in der Betelnuss enthaltenen Alkaloids Arecolin in die nikotinähnlich und euphorisierend wirkende Nachfolgesubstanz ARECAIDIN.

Die Prävalenz des Betelkauens ist sehr verschieden. In Ländern wie Indien, Sri Lanka, Burma und Taiwan ist sie sehr hoch und nimmt teilweise sogar zu. In Thailand, Kambodscha oder Malaysia hat das Betelkauen in den letzten 50 Jahren ständig abgenommen.

Interessant ist auch, dass vorwiegend ältere Frauen Betel kauen. Auch von großer Wichtigkeit ist die sozio-kulturelle Bedeutung. So wurde Betel früher bei jeder Begrüßung von Gästen gereicht. Betelnüsse werden heute noch zu bestimmten Anlässen wie Geburt, Tod, Hochzeit oder religiösen Feierlichkeiten geopfert.

Von besonderer Bedeutung ist das Betelkauen für die Mundgesundheit: Die Abnutzung und Schwarzfärbung der Zähne ist eher ein ästhetisches Problem. Ein höheres Aufkommen von Karies oder Parodontose konnte nicht eindeutig nachgewiesen werden.

Betel ist krebserregend

Eine klassische Folge des Betelkauens ist die sog. "Submuköse Fibrose". Hierbei kommt es zu einer bindegewebigen, fibrösen Veränderung der Mundschleimhaut; Mundöffnung und Zungenbewegung sind teilweise stark eingeschränkt.

Die weitaus gefährlichere Wirkung der Betelnuss entsteht durch die in ihr enthaltenen Nitrosamine. Diese führen zum gefürchteten Mundhöhlenkrebs.

Der Mundhöhlenkrebs ist die siebthäufigste Krebsart in Südostasien und kommt bei Frauen deutlich häufiger vor, was ganz klar dem Betelkauen zugeschrieben wird.

Generell kann man sagen, dass das Betelkauen zunehmend an Bedeutung verliert. Gerade die westlichen Schönheitsideale, die in Ländern wie Thailand nur allzu gerne übernommen werden, lassen sich mit schwarzgefärbten Zähnen nur schwer in Einklang bringen. Andererseits ist zu beobachten, dass der Betelgenuss durch Migrationsbewegungen inzwischen auch nach Australien, Neuseeland, in die Vereinigten Staaten und Europa gelangt ist. Arecolin-haltige Fertigprodukte, wie sie vor allem in Indien als Pan Masala und Guthka produziert werden, sind heute in vielen Ländern der Welt in speziellen Geschäften mit Asiaprodukten erhältlich.

Zum Schluss noch eine kleine Anekdote aus meinem Freundeskreis:

Arecaidin hat nicht nur eine euphorisierende Wirkung, sondern bewirkt auch einen starken Speichelfluss, wobei der durch die Betelnuss rot gefärbte Speichel zu häufigem Ausspucken führt. Ein guter Freund hat in einigen lokalen Hotelanlagen bereits Probleme bekommen, weil er bei seinen Thailandurlauben gerne die Familie seiner Frau aus dem Issaan herholt und seine freundliche und im Allgemeinen sehr reinliche, aber leider exzessiv betelkauende Schwiegermutter in den Hotelzimmern und am Pool ihre unverkennbaren Spuren hinterlassen hat. Dies führte nicht nur zu Missstimmungen bei den anderen Hotelgästen, wenn diese wieder einmal am Pool in Schwiegermamas Hinterlassenschaften getreten waren, sondern auch beim Reinigungspersonal, das seine liebe Mühe hatte, diese wieder aus dem Teppichboden des Hotelzimmers zu schrubben. Die Problemlösung ergab sich in Form einer teuren Markenhandtasche, die mein Freund Jahre zuvor der betagten Dame anlässlich der Hochzeit mit ihrer Tochter geschenkt hatte und nun fortan von ihr als tragbarer Spucknapf zweckentfremdet wird. Jetzt sind wieder alle zufrieden, bis auf meinen Freund, der beschlossen hat, zukünftig seiner geliebten Schwiegermutter weniger teure Geschenke zu machen.

Der deutsche Zahnarzt und Implantologe Dr. Ramin Yachkaschi hat im Jahr 1990 sein Studium in Göttingen abgeschlossen und gründete nach seinem Dienst als Stabsarzt bei der Bundeswehr 1992 eine Praxis in München Bogenhausen. Anfang 2010 bestand er das thailändische „Dental Board Exam“ und praktiziert seither in seiner eigenen Praxis in Pattaya. Dr. Ramin schreibt diese Kolumne zwecks Aufklärung und Information; die beschriebenen Behandlungsmethoden stellen den aktuellen zahnmedizinischen Standard dar, der von Zahnarztpraxen weltweit angewendet wird. 

Der deutsche Zahnarzt und Implantologe Dr. Ramin Yachkaschi hat im Jahr 1990 sein Studium in Göttingen abgeschlossen und gründete nach seinem Dienst als Stabsarzt bei der Bundeswehr 1992 eine Praxis in München Bogenhausen. Anfang 2010 bestand er das thailändische „Dental Board Exam“ und praktiziert seither in seiner eigenen Praxis in Pattaya. Dr. Ramin schreibt diese Kolumne zwecks Aufklärung und Information; die beschriebenen Behandlungsmethoden stellen den aktuellen zahnmedizinischen Standard dar, der von Zahnarztpraxen weltweit angewendet wird. 

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