Die anfällige menschliche Fabrik

Was? Der Mensch eine Fabrik? Blödsinn! Ja, er braucht Input und Output. Alle Menschen müssen essen und trinken, ebenso wie sie die verdauten Reste ausscheiden müssen, und nebenbei produzieren sie den Nachwuchs. Zu begreifen, dass unser Körper im Grunde nichts anderes ist als eine anfällige Maschine ist, fällt vielen schwer.

Auch ich tat mich mit dieser Erkenntnis schwer. Kranken Menschen fällt es leichter, und oft bedauern sie, dass sie sich vorher mehr um den Zustand ihres Autos gekümmert hatten als um ihre Gesundheit. Aber dann kommt auch schon das Gegenargument: Der Mensch hat ein Hirn, die Fabrik höchs­tens einen Aufsichtsrat. Doch auch das Hirn braucht seine regelmäßige Nahrung um zu funktionieren. Das alles ist höchst kompliziert und hat überall auf der Welt zur Gründung von Mythen und Religionen geführt und zur Erfindung der ewigen Seele. Nein, wir wissen heute, dass wir keine Fabriken sind, obwohl wir gleichen Abnutzungserschei- nungen unterliegen. Mal versagt die Niere ihren Dienst, dann die Leber oder das Herz. In den Fabriken kommen in solchen Fällen die Fachleute, um diese Probleme zu beheben. Zu uns kommen die Ärzte – oder wir zu ihnen. Es ist noch gar nicht so lange her, da starben die Menschen im Durchschnitt etwa dreißig Jahre früher als heute. Die Medizin hat große Fortschritte gemacht, trotzdem sterben immer noch viele Menschen vorzeitig, und viele Krankheiten sind noch völlig unerforscht oder nicht beherrschbar. Die menschliche Fabrik (oder der menschliche Körper) braucht gesunde Ernährung, ausreichenden Schlaf und Bewegung. Ich bin weit davon entfernt, mich mit einem Auto zu vergleichen, obwohl es die gleichen Anforderungen stellt, wenn es funktionieren soll. Zum Glück ist es noch hirnlos. Aber ob wir es wollen oder nicht, die Wissenschaft macht vor nichts halt und wird die Menschheit noch mit Dingen überraschen, von denen heute keiner von uns etwas ahnt. Wenn ich zurückdenke an meine Großeltern und deren Lebensumstände, dann wird mir schnell klar, dass unsere Enkel ebenso ungläubig die Anfänge unseres modernen Lebens beäugen werden. Ja, wir haben unsere getragene Wäsche noch selbst gewaschen, aber schon bald werden unsere Textilien sich selbst reinigen, um nur eines der Probleme anzusprechen, mit denen Wissenschaftler sich heute beschäftigen. Erst die Einsicht, wie sehr wir in vielerlei Hinsicht einer Maschine oder einer Fabrik ähneln, führte mich zur Philosophie und zur Hinterfragung der Religion. Jeder ambitionierte Autofan kennt das Innenleben seines Autos besser als sein eigenes. Solange es funktioniert kümmert sich auch kaum einer darum. Erst wenn der menschliche Motor außer Takt gerät, beginnt der große Ärzte-Run. Plötzlich bekommt der Körper die Aufmerksamkeit, die ihm eigentlich schon immer gebührte: Ja, ich muss abnehmen, ja, ich muss mich mehr bewegen, ja, weniger Alkohol wäre sicher gesünder. Wenn die Medizin dann einigermaßen geholfen hat, vergessen wir all unsere guten Vorsätze schnell wieder. Aber keiner bleibt jung, jeder neue Tag verringert die Restlaufzeit. Die Fabrik kann man erneuern, neue, moderne Apparate einbauen, beim Menschen geht das nur in beschränktem Maße und nur für eine beschränkte Zeit. Ob wir es auch mal zum berühmten Oldtimer bringen ist ungewiss. Der wird von Jahr zu Jahr teurer, d.h., er bringt dem Besitzer beim Verkauf eine höhere Dividende. Der alte Mensch kostet! Es sei denn, er ist der reiche Erbonkel, dann wird er wohl viel Zuneigung durch seine Erben erfahren, die in der Hoffnung auf ein großes Erbe jeden seiner Wünsche erfüllen. Für die reiche Erbtante gilt das freilich genauso. Aber das klappt nicht immer, beispielsweise, wenn die Erben vorher sterben. Blöd gelaufen, heißt es dann. Noch schlimmer wird es, wenn die reichen Vorfahren ihr gesamtes Vermögen einem Kinderhilfswerk oder einem Tierheim per Testament vermacht haben. Zum Glück erfahren die natürlichen Erben erst davon, wenn alles schon zu spät ist. Was hätten sie sonst wohl unternommen? Wahrscheinlich das Schlimmste, was ein Hirn erdenken kann. Im Hirn entwi­ckeln sich nicht nur große Ideen, die das menschliche Leben befördern, hier entwickeln sich auch all die menschenverachtenden Ideen von Gier, Gewalt und Ausbeutung. Mit anderen Worten: Unser Hirn ist zu allem fähig. Kein Staat, kein Gesetz und kein Gebot kann es daran hindern, all die Schrecknisse zu begehen, die uns täglich in den Fernsehnachrichten vor Augen geführt werden. Ich denke in jedem Menschen ist das Gute und das Böse zu gleichen Teilen angelegt. Was sich schließlich durchsetzt, wird vielleicht von den Lebensumständen entschieden. Ich beglückwünsche alle Menschen, denen es gelungen ist, ohne all diese Probleme hier ein erfülltes und glückliches Leben zu führen.

Überzeugen Sie sich von unserem Online-Abo:
Die Druckausgabe als vollfarbiges PDF-Magazin weltweit herunterladen, alle Artikel vollständig lesen, im Archiv stöbern und tagesaktuelle Nachrichten per E-Mail erhalten.

Leserkommentare

Für unabhängige Themen senden Sie einen Leserbrief an die Redaktion. Allgem. Kommentardiskussion

Pflichtfelder

Es sind keine Kommentare zum Artikel vorhanden, bitte schreiben Sie doch den ersten Kommentar.