Deutschland und die Realität im Oktober 2018

 Foto: Orlando Bellini / Fotolia.com
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Anfang Oktober ist Wiesn-Zeit in München. Das größte Volksfest der Welt läuft wie gewohnt, bestes Wetter und das Bier fließt in Strömen. Wahrnehmung und Realität stimmen überein. Ein Rundum-Wohlfühlgefühl macht sich breit, solange man nicht den Fehler macht, die Zeitung aufzuschlagen oder Nachrichten zu schauen. Deutschland folgt bekanntlich gern den USA, so dass es kaum verwundert, wenn dort zwischenzeitlich Wahrheit (oder was tatsächlich geschah) fast keine Rolle mehr spielt.

Ende September fand vor dem US-Senat eine Anhörung von Brett Kavanaugh statt, der für einen Posten am Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten nominiert ist. Im Fernsehen sieht man eine Frau mit Tränen in den Augen, die überzeugt ist, dass Kavanaugh sie als Teenager auf einer Party vor 36 Jahren vergewaltigen wollte (!?). Die Süddeutsche Zeitung erkennt in einem Beitrag vom 29. September 2018 messerscharf: „In Wahrheit geht es Republikanern und Demokraten nicht um einen sexuellen Übergriff, der 36 Jahre zurückliegt. In Wahrheit geht es um die Macht am Supreme Court, dem wichtigsten Gericht im Land.“ In anderen Worten: Man spielt Theater, um politische Ziele zu erreichen (leider ist dies in erster Linie ein Schlag ins Gesicht aller Frauen, die tatsächlich vergewaltigt wurden). Eine Ausgabe später schreibt die Zeitung auf der Titelseite mit Blick auf Österreich: „Das Volk begehrt auf“. Es wird der Eindruck von Unzufriedenheit (der Österreicher) mit der Schwarz-Blauen Koalition erweckt. Hintergrund sind mehrere Volksbegehren, die nun zur Abstimmung stehen. In Wahrheit scheinen die Österreicher in allen Umfragen von OGM, Spectra, Unique Research oder Market mit ihrer Regierung zufrieden. Das Thema Flüchtlinge scheint erfolgreich eingefangen, die Menschen widmen ihr Augenmerk wieder Themen wie Gesundheitsfürsorge, steigende Lebenshaltungskos­ten, Arbeit und Bildung. Die Volkspartei ÖVP, geführt von Kanzler Kurz, konnte im letzten Jahr sogar zwei bis drei Prozentpunkte zulegen, während die sich vor allem rechten Themen widmende FPÖ leicht verlor. Insgesamt nur ein weiterer Beleg dafür, dass vernünftige Regierungsarbeit die beste Medizin gegen den rechten Rand darstellt.

Zurück in die Vergangenheit

In einem anderen Blatt ist von Carolin Emcke, immerhin ausgezeichnet mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, über den Brexit zu lesen: „Die britische Regierung, die das Votum für einen Brexit umzusetzen versucht, scheitert auch deshalb am Brexit, weil das Votum auf Lügen beruht. Wow, denkt sich der Leser, die weiß es aber genau! In Wahrheit sind diese die Realität nicht anerkennenden Einschätzungen über Entwicklungen in Nachbarländern (die Beispiele lassen sich von Polen über Ungarn fortsetzen) Wasser auf die Mühlen rechter Kräfte. Gerade mit Blick auf den Brexit wäre es viel schlauer, das Augenmerk der breiten Masse auf den wiederaufflammenden Nordirlandkonflikt zu richten, anstatt die Wahl der Briten als Betriebsunfall einzuordnen. Allein das Beispiel Nordirland zeigt, dass der Weg zurück in die Vergangenheit, sehr wahrscheinlich nicht der richtige ist.

In Deutschland selbst hat sich nicht viel getan im letzten Jahr. Die Regierung ist zerstritten und beschäftigt sich mit sich selbst. Einziger Lichtblick: Die jetzige sogenannte „Große Koalition“ verfügt zwischenzeitlich über keine einfache Mehrheit mehr, so dass ein Ende des Spuks zumindest absehbar ist. Die Volksparteien verlieren zu Recht, die rechten und linken Ränder werden stärker, vor allem Grüne und AfD profitieren als Parteien. Außenpolitisch muss sich allerdings niemand vor Deutschland fürchten, denn ein Land, das seinen (zivilen) Hauptstadtflughafen nicht zu eröffnen vermag, stellt sicherlich keine Bedrohung dar. Der Hauptstadtflughafen ist übrigens ein weiteres Beispiel für Realitätsverlust in Deutschland. Nachdem geplante Eröffnungen 2007, 2011, 2012 und 2013 aus unterschiedlichen Gründen verschoben werden mussten, wird nun der Oktober 2020 anvisiert (Ausgang offen). Anfang September 2018 hat die Flughafengesellschaft die Einstellung eines neuen Technik-Chefs bekanntgegeben, der den Ausbau des noch nicht eröffneten Flughafens bis 2040 vorantreiben soll (Masterplan BER 2040). Noch Fragen?

Über den Autor

​​Christian Rasp ist Rechtsanwalt und seit 1992 in Thailand, Hongkong und China tätig. Er leitet ein spezialisiertes  Consulting-Haus, lebt und arbeitet in Hua Hin, Bangkok und Hongkong. Die Kolumne Nachgefragt“ beschäftigt sich vorwiegend mit aktuellen ökonomischen Fragestellungen, die es verdienen, etwas genauer unter die Lupe genommen zu werden. 

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Franz Franz 19/10/2018 10:13
Oh...
Es gibt Leute, die das merken. Nur - das ist nucht nur in Deutschland so... Verheimlichung ist Tageswerk der Politiker. Den Grund, warum die das tun, weiss wohl niemand, ich denke nicht mal die kleinen Politiker. Man sollte aber ein wenig im Weltgeschehen und in der "Weltpolitik" forschen, dann kommt man ein wenig näher dran, was diese möchtegern hohen Damen und Herren vorhaben mit uns. Nur - wen von den Jungen interresiert das schon? Solange die Kohle und der Status stimmt, machen die alle mit! Bis der "Elektrogandarm" besser gesagt "Blechmann mit Steuerhirn" gelungen ist. Dann fängt das Spiel erst richtig an!
Hansruedi Bütler 17/10/2018 22:15
Realitätsverlust in Deutschland wegen BER
und Stuttgart 21? Oder könnte die Frage auch lauten: Was gewinnen wir an Realität, wenn die "tatsächliche" Situation genauer betrachtet wird? Beide Vorhaben wurden zeitlich und finanziell budgetiert. Bis heute wurde von den Vorgaben nichts eingehalten. Kommt da etwa Zweifel auf, betreffend deutscher Ingenieure? Weit gefehlt. Die wissen genau um was es geht! Was könnten aber die realen Ursachen für diese Verzögerungen und exorbitanten Preise sein? BER als "zivilen" Flughafen wurde von ausländischen Firmen angeboten, in drei Jahren fertiggestellt zu sein!!! Wurden etwa alle Pannen inszeniert um keinen Verdacht aufkommen zu lassen, dass das eigentliche Bauwerk sich im tiefen Untergrund abspielt? Warum gehen so Unmengen Materialien ein und aus, wenn von oben betrachtet doch nur ein "normaler" Flughafen entstehen soll? Was wird vor Ausschluss der Öffentlichkeit im Untergrund gebaut? Was wissen wir über die Untergrundbasis unter dem Denver International Airport? Dauert das bei BER darum so lange? Bei Stuttgart 21 sind rund 60 km Tunells geplant, 35 km sollen aber zusätzlich und ohne Kenntnis der Öffentlichkeit gebaut werden? Für was und wo führen die hin? Dass der gesamte Bau "bahntechnischer" Humbug ist ist auch den Fachleuten bekannt, also für was baut man dann? Bewirken Lügen bei diesen beiden Bauwerken einen Realitätsverlust? Warum wird der nachdenkliche Steuerzahler so verulkt? Ist das Ganze nicht eine gelungene Ablenkung der "gutgläubigen" Bürger? Aufwachen täte gut.
Joerg Obermeier 17/10/2018 15:46
Jdem seine Realität
Spätestens seit Trump wissen wir, dass es alternative Fakten und damit Realitäten gibt. Und offensichtlich nehmen das gerne, auch nicht wenige für sich ganz individuell in Anspruch. So auch dieser Kolumnist der ein Totalversagen von Verantwortlichen für Planung und Bau eines Flughafens als Beleg für einen "Realitätsverlust" in Deutschland nimmt. Im Umkehrschluss zu behaupten, dass die Brexit Entscheidung der Briten nicht maßgeblich auf Lügen basierte, gehört wohl auch zu den alternativen Fakten. Und völlig unbegründet der österreichischen Regierung gute Regierungsarbeit zu unterstellen setzt dem ganzen dann noch die Krone auf. Irgendwie fällt es mir schwer, mich mit diesen neuen Alternativen zu Realitäten und Fakten abzufinden.