Der Urning

Ich vermute, dieses Wort haben Sie noch nie gehört. Als ich etwa sechs Jahre alt war, empfing meine liebevolle Großmutter mich mit den Worten: „Ja, da kommt ja unser kleiner Urning.“ Ich fragte meine Mutter: „Was ist ein Urning?“ Ihre Antwort: „Das ist ein Wort für einen geliebten Sternenmenschen.“ Ich gab mich damit natürlich zufrieden, bis ich viele Jahre später erfuhr, dass dieses Wort eine frühe Bezeichnung für einen Homosexuellen in Deutschland war.

Dieser Begriff wurde im 19. Jahrhundert von Karl Heinrich Ulrichs (1825 – 1895) gebildet, nach dem altgriechischen Götternamen Uranus, dem Vater, der ohne Mutter geborenen Urania und abgeleitet von Platons „Gastmahl“. Oma wusste ganz offensichtlich worüber sie sprach. Sie hatte elf Kinder zur Welt gebracht, und einer ihrer Söhne heiratete nur, weil es von ihm – der damaligen Zeit entsprechend – erwartet wurde. Onkel Carl wurde mein Patenonkel. Wir sahen uns nur selten und über das Thema wurde selbstverständlich auch nie gesprochen. Bis auf weiteres. Schon bald wurde Sex für mich sehr bedeutend, ein zutiefst gehütetes Geheimnis, aus dessen Ängsten ich mich selbst und völlig allein befreite. Niemand in der Familie sprach darüber, und da ich sie früh verließ, um in Hamburg mein Abendabitur nachzuholen, wurde es auch nie ein Thema. Für mich schon. Ich lernte gleichaltrige junge Männer kennen und vergnügte mich mit ihnen. Dass ich da-rüber mein Ziel niemals aus den Augen verlor, Abitur zu machen, neben dem Job von dem ich lebte, wundert mich heute noch. Es war eine harte Zeit, aber auch großartig. Dem kleinen Provinzkerl öffnete sich plötzlich die große Welt. Ich begann zu schreiben und zu veröffentlichen, lernte meinen Freund kennen, mit dem ich fast 50 Jahre zusammenlebte und arbeitete, bis er an Alzheimer erkrankte. Wir hatten ein einmaliges, großartiges Leben miteinander bis das Schicksal zuschlug. Und aus dem kleinen Urning ist ein alter Mann geworden, der sich noch immer für die Rechte all derer einsetzt, denen ihre Menschenwürde genommen wurde – auf welchem Gebiet auch immer.

Mich interessieren nicht all die Dinge, denen Millionen Menschen folgen, aber wo ich Not sehe, versuche ich im Rahmen meiner Möglichkeiten einzugreifen. Nebenbei machte der Urning eine eigene Karriere, engagierte sich für Straßenkinder im Waisenhaus von Pattaya und lockte seinen Nachfolger im Mainzer „unterhaus“, Ewald Dietrich und seine Kinderhilfsorganisation Human Help Network, nach Thailand, wo er das CPDC, ein Dorf für Straßenkinder baute, das kürzlich zehn Jahre alt wurde. Ein großartiges Beispiel dafür, was Menschen bewegen können, wenn sie sich ein wenig Empathie bewahrt haben für Leute, die auf fremde Hilfe angewiesen sind. Natürlich weiß ich, dass Pattaya, die Stadt in der ich lebe, zugleich ein Eldorado für Pädophile ist, die hier auf Pirsch gehen. Ich hoffe inständig, dass man sie ergreift, bevor sie ihr krankes Geschäft beginnen und dahin abschiebt, wo sie unter Kontrolle gestellt werden können. Wir alle wissen, dass es in der Welt von Kranken, Perversen und Kriminellen wimmelt.

Es wäre, glaube ich, ein Leichtes, dem ein Ende zu setzen, wenn die Beamten die Herren der Stempel, endlich zur Rechenschaft gezogen würden und der Korruption ein Ende gemacht würde, anstatt sie auf einen anderen Posten zu versetzen, wo sie ihr einträgliches Geschäft weiter führen können. Natürlich ist das eine Sisyphus-Arbeit: Kaum glaubt man, den Stein oben zu haben, rollt er wieder runter. Und da unten geht es weiter wie bisher. Und glaubt man, ein Kind überzeugt zu haben, sich aus der Stricherwelt zu verabschieden, sind schon wieder zwei neue da. Es ist ein harter Job. Wo muss man ansetzen? Bei denen, die Kinder missbrauchen, bei denen, die sie dieser Szene aussetzen oder bei denen, die diese Jobs organisieren und davon leben? Sie alle sind verantwortlich. Sie alle sind haftbar zu machen für diese Verbrechen. Selbst die Eltern, die nichts mehr zum Leben haben. Um diese verarmten Menschen hat der Staat sich zu kümmern! Er weiß doch um die Umstände, die diese Menschen zwingen, ihre Kinder in die Touristenstädte zu schicken. Wo ist der demokratische Staat, der das unterbindet? Zurück zu dem inzwischen alten Urning. Trotz der dem Alter geschuldeten Baustellen gibt es immer noch genug Anlässe mit Freunden zu feiern. Klar, darunter sind auch Urninge, aber die haben wahrscheinlich schon vergessen, was da mal war. Wer dennoch fröhlich in die Zukunft schaut, der ist zu beneiden. Ich gehöre anscheinend zu diesen „Herbstzeitlosen“.

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JoHu 14.07.19 01:17
Höchste Hochachtung
vor diesem offenen und ehrlichen Beitrag. Ich wünsche Ihnen von Herzen noch viele schöne und tolle Jahre als "Herbstzeitloser"!