Der Unfall

Callolo und seine Herzallerliebste - Eine humorvolle Geschichte 

Der Unfall

Die Wege zu unserer Siedlung bestehen aus Löchern, zwischen denen sich etwas Erde, Steine oder Asphalt befinden. Der letzte Monsunregen hat Straßen und Wege unterspült. Das ist nun schon einige Monate her, aber niemand lässt sich blicken, um diese Schäden zu beheben. Hin und wieder sorgen geplatzte Wasserleitungen zusätzlich dafür, dass der Zugang zu unserer Siedlung sich zum Notstandsgebiet ausweitet.

Und so ist es und so war es nur eine Frage der Zeit, dass ich selbst spät abends im Dunkeln in so ein Loch trat, hinfiel und mich verletzte.

"Natürlich mal wieder zu tief in die Flasche geschaut", sagte meine Herzallerliebste und legte mir kalte Kompressen um den Fuß.

Ich konnte nicht widersprechen, aber der Grund für den Unfall waren nicht die Biere sondern die Löcher.

Am anderen Morgen war der Fuß dick angeschwollen und schmerzte so sehr, dass ich mich ins Hospital fahren ließ. Das Ergebnis der Untersuchung: Ein komplizierter Knöchelbruch.

Nach dreitägigem Aufenthalt im Krankenhaus wurde ich entlassen und hinkte auf Krücken durchs Haus.

"Wie viele Leute sollen hier noch verunglücken, bis endlich etwas passiert?" fragte ich meine Herzallerliebste und forderte sie auf, mit mir ins Rathaus zu fahren.

"Callolo, das bringt doch nichts", versuchte sie mich von meinem Vorhaben abzubringen, "die lachen dich einfach nur aus." Aber damit kam sie bei mir gerade an den Richtigen: "Schatz, wenn alle Leute den Kopf in den Sand stecken…"

"Du meinst, die Füße ins Loch", unterbrach sie mich.

"Ich meine, es gibt eine Bürgerpflicht, und es gibt auch die Verantwortung des Staates. Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt."

Widerstrebend fuhr meine Herzallerliebste mit mir zur City-Hall. Zwei junge uniformierte Thai-Frauen kamen uns sofort mit einem Rollstuhl entgegen: Toller Service!

"Wohin möchten Sie, bitte?"

"Zum Straßenbauamt."

3. Etage, 4. Zimmer links: Ein junger Angestellter, der sich mit einer Pinzette die Haare aus der Nase zupfte, fragte: "Was kann ich für Sie tun?"

"Ich hätte gern den Chef des Straßenbauamtes gesprochen."

"Sorry, der befindet sich auf einer Dienstreise."

"Und sein Vertreter?"

"Der liegt mit einer Fußverletzung im Krankenhaus." Dabei zeigte er, mit einem leichten Grinsen, auf meinen vergipsten Fuß: "Auch in ein Loch gestürzt?"

Ich nickte und sagte zu den beiden Thai-Hostessen: "Bitte, fahren Sie mich in die Abteilung für öffentliche Ordnung und Sicherheit."

Eine Sekretärin empfing uns und öffnete sogleich die Tür zum nächsten Zimmer, wo ein uniformierter Beamter mich mit den Worten begrüßte: "Sie hatten auf unseren Straßen oder Wegen einen Unfall und wollen sich jetzt über den Zustand unserer Straßen und Wege beschweren." Da ich nicht widersprach, fuhr er fort: Herzlich willkommen. Sie sind heute schon der 21. Beschwerdeführer."

"Wer ist denn hierzulande für den ordnungsgemäßen Zustand der öffentlichen Straßen und Wege zuständig?" fragte ich.

"Der Staat natürlich, die Regierung, das Verkehrsministerium, die Straßenbauämter, die sich regional in Unterabteilungen aufteilen."

"Und wer ist zuständig für die Wege zu unserer Siedlung Pak Phorn?"

Er schaute in eine Mappe und antwortete: "Khun Suthep, der stellvertretende Chef der Straßenbauabteilung"

"der gerade mit einer Fußverletzung im Krankenhaus liegt", unterbrach ich ihn.

"Ach, Sie wissen schon?"

"Ja, aber ich bin hier, um zu fragen, warum diese seit Monaten allseits bekannten Schäden nicht ausgebessert werden."

Der freundliche Beamte schaute mich noch freundlicher an und antwortete: "Khun Suthep liegt doch im Krankenhaus."

"Und die zuständigen Arbeitskolonnen kann er von da aus nicht in Marsch setzen?" wagte ich eine letzte Frage. Aber da hatte ich bereits bemerkt, dass sein überfreundliches Lächeln die Grenze der Belastbarkeit erreicht hatte. Zudem gab meine Herzallerliebste mir ein Zeichen, keine weiteren Fragen zu stellen. Ich bedankte mich für die außerordentliche Hilfe und bat meine beiden Thai-Engel hinter mir, mich in die Beschwerde-Abteilung zu fahren. Der Vorraum war völlig überfüllt. Die beiden Hostessen schoben mich in eine Ecke und verschwanden. Auch meine Herzallerliebste verabschiedete sich in die Kantine. Irgendwann bin ich dann wohl eingeschlafen. Als Nai mich weckte, wurde es schon dunkel. Eine Mitarbeiterin verteilte Zettel und forderte die Wartenden auf, ihr Anliegen schriftlich kurz darzulegen. Man würde sich dann mit uns in Verbindung setzen. Ich füllte den Zettel aus, schrieb ein paar Sätze dazu und war davon überzeugt, in dieser Angelegenheit nie wieder etwas zu hören.

Aber auch in Pattaya passieren Zeichen und Wunder!

Am anderen Morgen kam ein junger Mann von der Straßenbau-Behörde zu uns, nahm meine Reklamation auf und besah sich die schadhaften Wege. Dabei ist es dann passiert: Er rutschte in eines der Löcher und blieb verletzt liegen. Meine Herzallerliebste sorgte dafür, dass er mit einem Krankenwagen abgeholt wurde.

Zwei Stunden später fuhr eine Straßenbaukolonne, unter der Leitung eines hinkenden Ingenieurs, vor und begann mit der Ausbesserung unserer Zuwege.

Meine Herzallerliebste strahlte mich an und sagte: "Da siehst du es mal wieder, Callolo, man muß in Thailand nur aktiv werden und sich für seine Rechte einsetzten, dann klappt es auch."

Seit gestern sind alle Wege rund um unsere Siedlung wieder perfekt. Nur ich humpele immer noch mit meinen Gips durchs Haus und frage mich, ob es Gründe dafür gibt, Straßen und Wege hier so verlottern zu lassen. Und dabei fällt mir ein: Die chirurgischen Abteilungen unserer Krankenhäuser sind ausgelastet und haben keinen Grund zur Klage.

Callolo und seine Herzallerliebste und Angekommen in der Wirklichkeit

Callolo und seine Herzallerliebste

In 130 heiteren Kurzgeschichten hat Autor Carolus in zwei Büchern sich mit unterschiedlichen Erfahrungen, die sich aus dem Zusammenleben zwischen Thais und Farangs ergeben, verfasst. Die humorvollen Geschichten behandeln das Eheleben zwischen Nai und Callolo. Im Leben der beiden wird viel Toleranz abverlangt. Dass es trotzdem immer wieder ein Happy End geben kann, beweist der Autor, im ersten Buch, in vielen unerwarteten Entwicklungen. Im zweiten Werk hat der Autor seine „rosarote Brille“ abgenommen und erzählt auf ehrliche und gewohnt charmante Weise über Probleme und Schwierigkeiten, die in seiner nicht mehr ganz taufrischen Beziehung zu Nai entstehen.

Die beiden Taschenbücher können Sie im FARANG-Onlineshop bestellen.

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Rene Amiguet 17.05.20 17:24
Das pure Gegenteil
Hier im Chiangwat Chiangrai, Ampoe Chiangsaen, Maechan und Maesai ist es so das Strassen in gutem Zustand zerstört werden um dann wieder neu zu machen, alles mit grossen Strassenbau Maschinen. Ich denke jedesmal das kann nur aus Gründen korrupter Beamter so geschehen. Anders kann man nicht erklären warum gute Strassen aufgerissen (zerstört) werden um dann wieder neu gemacht zu werden. Gerade jetzt findet wieder eine solche Aktion statt in dem Dorf Doi Chan, Ampoe Chiangsaen und ca. 4 km weiter. Diese Strasse Nr. 4004 war vor der Zerstörung in tadellosm Zustand!
Wolfgang Eysholdt 17.05.20 17:22
Dabei fällt mir ein
als ich vor einigen Jahren den Fußweg entlang bummelte, achtete ich auf eventuelle Löcher, promt stolperte ich über einen riesigen Blumenkübel, der mitten auf dem Gehweg stand. Wie man es macht ist es verkehrt. Oder Murphys Gesetz, was schief gehen kann, geht auch schief.
Benno Schönholzer 17.05.20 13:54
Da, koennte jeder von uns auch noch etwas beifuegen!!