Der Thaikäfer

Die Hiobsbotschaften jagen sich: Die Insekten sterben aus! Vierzig, fünfzig, ja sechzig Prozent sollen schon verschwunden sein, entfleucht auf Nimmerwiedersehen. Wovon sollen nun bloß die Vögel leben, wer die Blumen bestäuben? Wonach sollen die Fische schnappen? Nach Plastikkrümeln? Auch die Thaiküche wird um eine Attraktion ärmer: keine gerösteten Käfer mehr! Die Nachricht ging mir derart nahe, dass ich so weit ging, Freundschaft mit einem Käfer zu schließen. Hier ist die bewegende Geschichte dazu. Ich bitte den Leser, die Leserin, nicht in Tränen auszubrechen:

Zoologisch unterbelichtet

Ich saß mit einem Buch in der Hand im Garten und spürte plötzlich ein Kribbeln in den Haaren. Da will sich wohl jemand ein Nest bauen, dachte ich, griff in meinen Schopf und bekam einen Käfer zu fassen, der in Größe und Form etwa unseren Maikäfern entspricht, den echten, nicht denen aus Schokolade. Dieser hier gehörte unbestreitbar zur Gattung der Thaikäfer. In Thailand gibt es für mich und alle anderen zoologisch Unterbelichteten nur diese eine Art. Sorry, Insektologen.

Das kleine Monster saß erst regungslos in meiner hohlen Hand, streckte dann zaghaft die Fühler aus, begann vorsichtig herumzukrabbeln, stieg wagemutig auf den Handrücken und nahm Kurs auf den Unterarm. Bevor er in meinem Ärmel verschwinden konnte, hauchte ich ihn sanft an, um ihn dazu zu bewegen, die Richtung zu ändern oder eine Fliege zu machen. Aber ein Käfer ist keine Fliege und dieser hier schon gar nicht. Auch wenn einer am Auss­terben ist, hat er seinen Stolz, oder dann erst recht. Er duckte sich zusammen, legte die Flügel eng an seinen Insektenkörper und tastete mit den Fühlern die Luft ab. Ist da was, oder bloß ein Mensch?

Ich hauchte ihn wieder an, versuchte ihm Mut zu machen, sagte ihm, dass die Wohnverhältnisse bei mir nicht artgerecht seien und ich keinen Ärger mit dem Käferschutz haben wolle. Er ließ sich aber nicht beeindrucken und schob sich Zentimeter um Zentimeter auf meinen Ärmel zu, von dem er sich wohl Schutz versprach. Ein Dach über dem Kopf ist ja schon die halbe Miete, aber bei aller Freundschaft, eine gewisse Distanz schien mir dann doch angebracht, wir kannten uns ja erst ein paar Minuten.

Ich machte mit dem Arm eine wegwerfende Bewegung zum Garten hin, aber es war zwecklos, er duckte sich noch tiefer und pflanzte seine winzigen Krallen in meine Haut – Käferliebe kennt keine Grenzen.

Neuer Trend: Die Käfermeditation

Seine Beharrlichkeit gab mir zu denken und gab Anstoß zu einer neuen Form der meditativen Versenkung, die bestimmt Schule machen wird – die Käfermeditation. Ich schaute ihm eine Weile zu, wie er an meinem Daumen herumknabberte, aber es dann doch beleidigend schnell aufgab, womit bewiesen ist, dass Käfer einen guten Geschmack haben und äußerst wählerisch sind, was die Ernährung betrifft.

Ich überlegte hin und her, was ihn wohl dazu bewogen hatte, ausgerechnet mir einen Besuch abzustatten und kam zum Schluss, dass es aus reiner Not war. Da weit und breit keine Käferinnen mehr zu finden sind, muss ihn meine Haut derart bezirzt haben, dass er nun sein Hinterteil darauf zu reiben begann. Hatte er tatsächlich die Absicht, eine Pore zu begatten?

Keine Klage bei #metoo

Da ich um die Hartnäckigkeit und Ausdauer der Käfer in dieser Disziplin wusste und endlich in Ruhe weiterlesen wollte, nahm ich ihn zwischen zwei Finger und setzte ihn auf der Gartenmauer ab. Ich ließ Gnade vor Recht ergehen und reichte keine Klage bei #Metoo ein.

Endlich Ruhe. Aber ein halbes Kapitel später war er wieder da. Er lag unterhalb der Mauer auf dem Rücken, zappelte verzweifelt im Kreis herum, die Füßchen stießen wie wild in die Luft, doch fanden nirgends Halt. Er wird ohne fremde Hilfe nicht mehr hochkommen, dachte ich, und in der Nacht von einem Vogel gefressen werden. Eine eindrückliche Metapher: Wie oft drehen wir uns im Kreis und würden ohne fremde Hilfe nicht mehr auf die Beine kommen? Ich versetzte mich für den Bruchteil einer Sekunde an seine Stelle und eine Welle der Empathie bewegte mich spontan dazu, ihn umzudrehen.

Er war augenblicklich ruhig, saß geduckt und bewegungslos da, sogar die Fühler zuckten nicht mehr. Es muss ein Schock gewesen sein: Erst war er noch kurz vor dem Exitus und nun war alles wieder offen. Als sich seine Fühler wieder zu bewegen begannen, nahm ich ihn behutsam in die Hand und warf ihn in die Nacht hinaus. Er spannte seine Flügel aus, taumelte erst mehr als er flog, und war fort.

PS: Eben ist meine Frau mit einer Tüte voller gerösteter Käfer nach Hause gekommen. So schlimm kann es also noch nicht sein, wie ich mir das vorgestellt habe. Einer von ihnen kam mir irgendwie bekannt vor und schien mir zuzuzwinkern, als sie ihn zwischen die Lippen schob. Immerhin hat er ein süßes Grab gefunden.


Über den Autor

Khun Resjek lebt mit seiner thailändischen Frau und Tochter in Hua Hin. Seine Kolumne „Thailand Mon Amour“ illustriert auf humorvolle Weise den Alltag im „Land des Lächelns“ aus der Sicht eines Farang und weist mit Augenzwinkern auf das Spannungsfeld der kulturellen Unterschiede und Ansichten hin, die sich im Familienalltag ergeben. Ein Clash der Kulturen der heiteren Art, witzig und prägnant auf den Punkt gebracht.

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Josef Siebert 14.02.21 23:41
Thaikäfer
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