«Der Schmerz sitzt noch tief»: Kursk-Untergang war Putins erste Krise

Verwandte der verstorbenen Besatzung des Atom-U-Boots Kursk auf dem Friedhof von Serafimowskoje während der Gedenkfeier. Archivfoto: epa/Anatoly Maltsev
Verwandte der verstorbenen Besatzung des Atom-U-Boots Kursk auf dem Friedhof von Serafimowskoje während der Gedenkfeier. Archivfoto: epa/Anatoly Maltsev

MURMANSK: Das Atom-U-Boot «Kursk» war für die Sowjetunion jahrzehntelang Stolz der Marine. Beim Untergang vor 20 Jahren starben mehr als hundert Matrosen. Für den damals noch unerfahrenen Kremlchef Putin ist das Desaster bis heute eine Lehre.

Nur wenig erinnert in den Häfen im Norden Russlands noch an die 118 toten Seeleute des Atom-U-Boots «Kursk». In Murmansk steht neben Plattenbauten, was Taucher mit schwerem Gerät aus der Barentssee geholt haben: der Turm, auf dessen Vorderseite der russische Doppeladler prangt. Hinterbliebene bringen an einer Stützmauer noch immer Ikonen, Rosen und Briefe an. Der Untergang der «Kursk» jährt sich an diesem Mittwoch (12. August) zum 20. Mal.

Als ein eigener Torpedo das U-Boot «Kursk» bei einer Militärübung zerriss, gingen die Bilder verzweifelter Angehöriger um die Welt. Doch der frisch gewählte Präsident Wladimir Putin sah zunächst keinen Anlass, seinen Sommerurlaub am Schwarzen Meer abzubrechen. Das beschädigte sein Image als «Macher». Die harsche Kritik scheint Putin eine Lehre bis heute zu sein.

Die Tragödie beginnt an einem Samstagmorgen, als Seismologen zwei Explosionen unter Wasser registrieren. Erst zwölf Stunden später beginnt die Suche nach U-Boot K-141, einem der modernsten Schiffe der Kriegsflotte. Ein paar Männer konnten in einen Teil des 154 Meter langen U-Bootes fliehen, warten aber vergeblich auf Hilfe.

Auch der 30 Jahre alte Andrej Borissow hoffte auf Rettung. «Es ist dieser tiefe Kummer, der immer in unseren Herzen ist», sagte seine Frau Natalja Borissowa einer Regionalzeitung. Manchmal blättere sie im Fotoalbum. Immer wieder bleibe sie bei einem Brief hängen, der an sie und ihren damals zweijährigen Sohn adressiert ist.

«Meine liebe Natascha und mein Söhnchen Sascha. Wenn Ihr diesen Brief lest, bedeutet das, dass ich tot bin», heißt es. Der Seemann Andrej war sich sicher, die Katastrophe nicht zu überleben - und hatte recht. Den Brief schrieb er, kurz bevor ihm die Luft ausging. Er steckte ihn in eine Flasche, die die Einsatzkräfte dann fanden.

SOS-Zeichen, die Matrosen durch Schläge auf den Rumpf klopften, wurden zwar erfasst. Die zunächst zaghaften Bergungsversuche scheiterten aber an ungeeigneter Technik und Schlamperei, meint der Anwalt Boris Kusnezow, der die Interessen der Angehörigen vertritt.

Aus «Gründen der Geheimhaltung» informiert die russische Führung die Öffentlichkeit erst nach zwei Tagen über den Untergang, lässt auch Angehörige im Ungewissen. Internationale Hilfe - etwa aus Norwegen und Großbritannien - weist sie zurück. «Der eigentliche Grund war die Angst, die völlige Unfähigkeit zu zeigen, dass Russland Menschen in solchen Situationen nicht retten kann», sagte Kusnezow der «Nowaja Gaseta».

Es dauert Tage, bis Putin in Sommerkleidung eine Erklärung abgibt. Erst später werden ausländische Experten hinzugezogen. Sie finden schließlich das Wrack und die Leichen in 110 Metern Tiefe.

Das Unglück ist zwar in den Geschichtsbüchern verankert. Auch Hollywood befasste sich in einem Film damit. Die Angehörigen warten aber noch immer auf vollständige Aufklärung. Vielen ging das Geld für einen Prozess aus. Sie gaben auf. Einige Admiräle und Offiziere wurden entlassen. Die wahren Verantwortlichen seien aus politischen Gründen aber nie angeklagt worden, meint Anwalt Kusnezow.

Für Putin bedeuteten die Ereignisse einen enormen Popularitätsknick. Die Zeitungen überschlugen sich mit Kritik, die heute so in Russland nicht mehr möglich wäre. Kurz vor dem «Kursk»-Untergang habe er viel Zustimmung gehabt, sagte die Politologin Tatjana Stanowaja, die für die Denkfabrik Moskauer Carnegie Center arbeitet. «Putin war nicht daran gewöhnt, sich einer öffentlichen Diskussion stellen zu müssen. Auch jetzt hat er noch Probleme damit», sagt die Expertin der Deutschen Presse-Agentur.

Solange sein Auftreten nicht mit negativen Emotionen, politischen Gegnern oder einer öffentlichen Debatte verbunden sei, sei Putin sofort zur Stelle. Dann könne er sich gut als «Macher» inszenieren, sagte Stanowaja. «Er muss nichts delegieren, weil er glaubt, zu stark und zu wichtig zu sein.» Bei emotionalen, unübersichtlichen Situationen überlasse er das Feld seinen Ministern und Gouverneuren.

Aktuell lässt vor allem die Corona-Krise den Staatschef blass aussehen. Obwohl das Land wirtschaftlich die schwerste Zeit seit Jahrzehnten durchmacht, trat Putin bislang kaum in Erscheinung. Von seiner Vorstadtresidenz Nowo-Ogarjowo aus leitet er via Videoschalten mit Behördenvertretern die Geschicke der Atommacht. Regierungschef Michail Mischustin und Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin sind die eigentlichen Manager der Corona-Krise.

Putin arbeite lieber weiter an seinem Machterhalt, den er sich mit einer Änderung der Verfassung bis ins Jahr 2036 sicherte, meint Stanowaja. «Er glaubt so sehr an diese Mission. Das ist für ihn auf lange Sicht viel wichtiger als das Coronavirus. Dem muss er nicht so viel Aufmerksamkeit schenken.» Putin sei unnahbar für die Bürger geworden.

Die Witwe von Andrej Borissowa und viele Angehörige hätten sich vor 20 Jahren mehr Empathie gewünscht. «Sofort nach der Tragödie haben sie uns viel versprochen. Aber nur mit viel Mühe haben wir dann tatsächlich Hilfe bekommen.» Ihr Sohn ist inzwischen erwachsen. «Er wollte nie in die Fußstapfen sein Vaters treten und Matrose werden. Und ganz ehrlich: Ich kann meinen Sohn sehr gut verstehen.»

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