Malaysia vor Entscheidung

​Der letzte Wahlkampf von «Dr. M»

Malaysias Ex-Regierungschef Mahathir. Foto: epa/Ahmad Yusni
Malaysias Ex-Regierungschef Mahathir. Foto: epa/Ahmad Yusni

KUALA LUMPUR (dpa) - Mit 92 Jahren will Malaysias Ex-Regierungschef Mahathir noch einmal Premierminister werden. Für den skandalgeschädigten Amtsinhaber ist «Dr. M» ein ernsthafter Gegner. Bei einem Erfolg wäre er ältester Regierungschef der Welt.

Wie Wahlkampf geht, das weiß Mahathir Mohamad noch. Auch wenn es schon ein paar Jahre her ist. Doch dieser Tage ist Malaysias ehemaliger Ministerpräsident, der in dem südostasiatischen 31-Millionen-Einwohner-Land mit dem Islam als Staatsreligion fast ein Vierteljahrhundert die Regierung führte, wieder mittendrin. Bei der Parlamentswahl am Mittwoch tritt «Dr. M», wie ihn hier alle nennen, noch einmal fürs Amt des Premierministers an.

Allerdings mit drei großen Unterschieden zu früher: Erstmals kandidiert er für die Opposition. Mit 92 Jahren ist er einer der ältesten Spitzenkandidaten, die es in der internationalen Politik je gab. Und dieses Mal gilt er als Außenseiter. Favorit ist, trotz eines Korruptionsskandals, der amtierende Premier Najib Razak (64).

Für einen Mann seines Alters mutet sich «Dr. M» ein enormes Programm zu. Vier, fünf Auftritte pro Tag sind keine Seltenheit. Mit Kritik an seinem Nach-Nachfolger, dem er selbst ins Amt geholfen hatte, spart er nicht. Standardspruch, den er in keiner Rede auslässt: «Meine Damen und Herren, halten Sie Ihre Taschen zu, wenn sie unterwegs sind. Es ist ein Dieb unter uns: der Premierminister.» Dafür gibt es immer großes Gelächter und Applaus.

Die Vorwürfe beziehen sich auf eine Affäre, die Kritiker für «Kleptokratie der schlimmsten Art» halten, auch US-Justizminister Jeff Sessions. Najib wird zur Last gelegt, aus dem Staatsfonds 1MDB insgesamt 4,5 Milliarden US-Dollar (etwa 3,75 Milliarden Euro) zweckentfremdet zu haben. Nach einem Bericht des «Wall Street Journal» von 2015 flossen fast 700 Millionen Dollar direkt auf ein Konto, das ihm persönlich gehört.

Najib weist alle Vorwürfe zurück. Malaysias Justiz hält die Sache für abschließend geklärt. Aber das Problem wird der Regierungschef bislang nicht los. Der Skandal sorgte auch für das Zerwürfnis mit Mahathir. Eigentlich kommen beide aus der Regierungspartei UMNO, die seit mehr als sechs Jahrzehnten an der Macht ist.

Jetzt jedoch tritt «Dr. M» für das Oppositionsbündnis Pakatan Harapan (PH, Pakt der Hoffnung) an. «Ich wollte nicht in die Politik zurück», sagt der Kandidat, Jahrgang 1925. «Aber der Premierminister hat so viel falsch gemacht. Die Leute haben mich gebeten, etwas zu tun. Ich denke, dass das jetzt auch meine Pflicht ist.» In seinen Wahlkampf-Videos stilisiert sich Mahathir als gutmütiger «Großvater der Nation». Auch wenn er schon Urgroßvater ist.

Für die Wahl hat er sich wieder mit Anwar Ibrahim zusammengetan, seinem ehemaligen Vize, den er einst entlassen hatte und ins Gefängnis bringen ließ. Vorwurf damals: homosexuelle Handlungen, was in Malaysia strafbar ist. Wegen «widernatürlicher Unzucht» ist Anwar heute wieder in Haft. «Wir können noch lange über die Vergangenheit nachdenken», sagt Mahathir über die ungewöhnliche Allianz. «Aber wir haben beschlossen, sie zu vergessen.»

Einstweilen tritt der Ex-Premier nun mit Anwars Ehefrau Wan Azizah als Kandidatin für das Amt der Vize-Regierungschefin an. Bei einem Wahlerfolg, so der Plan, will er sich für die Begnadigung des Ehemanns einsetzen. Damit könnte Anwar wieder zurück in die Politik. Der Weg für ihn als Regierungschef wäre frei. «Dr. M» könnte wieder abtreten. Einstweilen will er aber selbst noch einmal Premier sein.

Voraussetzung wäre jedoch, dass Mahathir zunächst die Wahlen gewinnt. Entschieden wird über 222 Sitze im nationalen Parlament und 12 von 13 Parlamenten in den Bundesstaaten. Verlässliche Umfragen gibt es in Malaysia nicht, das Verfahren ist kompliziert.

Najib hat die Wahlen nur mit einem Monat Vorlauf angesetzt. Wahltag ist mitten in der Woche. Zu beidem gibt ihm die Verfassung das Recht. Zudem wurde der Opposition vielerorts verboten, Plakate mit ihrem Spitzenkandidaten aufzuhängen. In der Hauptstadt Kuala Lumpur zum Beispiel sieht man «Dr. M» auf Plakaten nicht. Kritiker werfen der nationalen Wahlkommission vor, die Regierungspartei zu begünstigen.

Die meisten Experten tippen darauf, dass Najib Premierminister bleibt, obwohl er in der Bevölkerung nicht besonders beliebt ist. «Man darf Mahathir nicht unterschätzen», sagt der Politologe Mustafa Izzuddin vom ISEAS-Yusof Ishak Institute in Singapur. «Aber so groß ist sein Einfluss auch nicht.» Zudem gibt es Korruptionsvorwürfe auch gegen wichtige Politiker der Opposition. Entscheidend könnte sein, wer die junge Wählerschaft für sich gewinnt.

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