Der «Geist von Bretton Woods»

und wie Donald Trump ihm zusetzt

Das Logo der World Bank (Weltbank), aufgenommen am 01.11.2009 in Washington. Foto: Rainer Jensen/Dpa
Das Logo der World Bank (Weltbank), aufgenommen am 01.11.2009 in Washington. Foto: Rainer Jensen/Dpa

WASHINGTON (dpa) - Mitten im Zweiten Weltkrieg wurde in einem Skiort in New Hampshire die neue Wirtschaftsordnung für die Welt zusammengezimmert. Es sollte eine Erfolgsgeschichte werden. Doch 75 Jahre nach dem Abkommen ist der «Geist von Bretton Woods» gefährdeter denn je.

Der internationale Handel ist unter Druck, Nationalstaaten bauen Handelsbarrieren auf, einzelne Länder werten ihre Währungen ab, um sich Vorteile auf den Exportmärkten zu verschaffen. Die Wirtschaftsseiten der Medien sind derzeit voll von wirtschaftspolitischen Phänomenen dieser Art. Sehr ähnliche haben in den 1930er Jahren zur großen Weltwirtschaftskrise geführt und 1944 zur Konferenz von Bretton Woods, wo 44 Länder Besserung gelobten und bis zum 22. Juli das aus der Taufe hoben, was heute Internationaler Währungsfonds (IWF) und Weltbank sind.

Die Führung am Fuße des Mount Washington im US-Bundesstaat New Hampshire hatten damals vor allem zwei Länder übernommen: die USA und Großbritannien. Die Ökonomen John Maynard Keynes auf britischer und Harry Dexter White auf US-Seite rivalisierten miteinander - mit klarem Vorteil für White. Beide Länder werden 75 Jahre später eher als Problem denn als Lösung angesehen. Der Brexit könnte Großbritannien in ein Handelsabkommen mit den USA zwingen, dessen Regeln vor allem von einem bestimmt werden: US-Präsident Donald Trump. Und dessen Radar ist darauf ausgerichtet, multilaterale Systeme wie Weltbank und IWF, die beide 189 Staaten und Organisationen als Mitglieder haben, in ihrer Macht zugunsten von Nationalstaaten zu beschneiden.

Das wirtschaftliche System, das die Finanzminister und Notenbankchefs damals im Wintersportort Bretton Woods auf Vorschlag Whites festklopften, sollte die wirtschaftliche Nachkriegsära maßgeblich prägen. Im Grunde bestand der Konsens aus zwei Eckpfeilern: Die Teilnehmerstaaten binden ihre Währung an den US-Dollar und weichen nur innerhalb eines bestimmten Rahmens von ihm ab - das sollte Abwertungsspiralen mit entsprechend hohen Inflationsausschlägen vermeiden, wie sie die Welt in den 1930er Jahren erlitten hatte. Im Gegenzug koppelten die USA den Dollar an den Kurs des Goldes - und versprachen, ihre Währung im Zweifel auch in Gold umzutauschen.

Das System brach 1973 zusammen, als die USA ausstiegen. Der IWF war dann schon stabil genug, um das auszuhalten. Und die Amerikaner waren dank ihrer Wirtschaftskraft und geopolitischen Stärke kräftig genug, um auch weiterhin die dominierende Rolle zu spielen. «Obwohl die Gründung der Bank und des Fonds als unpolitische Anstrengung präsentiert wurden, die Weltwirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufzubauen, gibt es Interpretationen, die sie auch als Bemühung sehen, die Reichweite des westlichen Kapitalismus im Angesicht einer potenziellen Herausforderung durch die Sowjetunion zu vergrößern - und amerikanische Interessen im Besonderen zu fördern», schreibt die britische Denkfabrik Bretton Woods Project.

Gerade in den 1980er und 1990er Jahren, unter den französischen IWF-Chefs Jaques de Larosière und Michel Camdessus und den anglo-amerikanischen Staatenlenkern Ronald Reagan und Margaret Thatcher galten Schlagworte wie Freier Markt, Deregulierung, Privatisierung als Maxime. Vor allem in den armen Ländern Afrikas hat diese mit Hilfe sogenannter Strukturanpassungsprogramme (SAP) durchgesetzte Politik nach Auffassung renommierter Ökonomen, darunter Nobelpreisträger Joseph Stiglitz, zu negativen Langzeitfolgen geführt. Einige Länder hätten ihre staatliche Souveränität für billige Kredite aus Washington verkauft.

Aus dieser Zeit mag zumindest ein Teil der schwierigen Reputation stammen, die den Washingtoner Institutionen bis heute in Teilen nachhängen. Vor und während der jüngsten Finanzkrise waren die Gebäude von IWF und Weltbank im Zentrum der US-Hauptstadt Schauplatz riesiger Demonstrationen von Globalisierungsgegnern. Im Jahr 2000 wurden Tausende Demonstranten festgenommen. Die Proteste bei den zwei Mal pro Jahr stattfindenden Tagungen mit Teilnehmern aus aller Welt in Washington setzten sich etwa bis 2012 fort.

Inzwischen hat sich das Blatt gewendet. Weltbank und IWF setzen sich öffentlich für das ein, was die Demonstranten einst von ihnen forderten - eine bessere Verteilung auf dem Wohlstandsgefälle und Kampf gegen die bittere Armut. «Wir sind besorgt, dass die Früchte dieser ein Jahrzehnt dauernden Wirtschaftsexpansion nicht so gut verteilt werden, wie das der Fall sein könnte», hatte Fonds-Chefin Christine Lagarde erst vor kurzem der US-Regierung ins Stammbuch geschrieben.

Lagarde sieht den Abbau des Wohlstandsgefälles und die bessere Verteilung von Einkommen inzwischen als eine der vornehmsten Aufgaben des IWF. Mehr Beteiligung von Frauen, Kampf dem Klimawandel, bessere Bildung in Entwicklungsländern - solche Themen stehen inzwischen auf dem Programm von Tagungen von IWF und Weltbank.

Das Risiko für den vielbeschworenen «Geist von Bretton Woods», dem vor allem die Überzeugung innewohnt, dass internationale Zusammenarbeit besser ist für Frieden und Wohlstand als protektionistischer Nationalismus, sitzt inzwischen im Weißen Haus. Der internationale Handel, von Präsident Franklin D. Roosevelt damals als «Arterie der Weltwirtschaft» bezeichnet, die nicht sinnlos verstopft werden dürfe, leidet unter Trumps «America-First»-Politik. Die große Befürchtung ist, dass Trump das weltweite Wachstum langfristig schmälert und somit - bei wachsender Weltbevölkerung - das Thema Hunger und Armut wieder präsenter wird. Dass in den vergangenen 30 Jahren eine Milliarde Menschen aus der bitteren Armut befreit wurden, gehört zu den Tatsachen, auf die IWF und Weltbank heute stolz sind.

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