Denn die Einen sind im Dunkeln…

Demenz ist heute ein Alltagsproblem. Fast jeder hat in seiner verzweigten Familie so einen traurigen Fall. Ich bin davon keine Ausnahme.

Mein drei Jahr jüngerer Partner lebt noch, aber in einer anderen Welt, in die kein anderer mehr vordringen kann. Er fühlt sich wohl in seinem Pflegeheim in Deutschland und pfeift und summt den ganzen Tag vor sich hin. Um ihn herum gibt es viele Patienten, die sind aggressiv, sie schreien und rufen nach der Polizei. Nein, er ist glücklich und friedlich. Auch wenn ich häufig fern von ihm lebe, telefonieren wir jeden Sonntag miteinander. Während meiner Abwesenheit kümmert seine selbstlose Freundin sich aufopfernd um ihn. Er erkennt uns beide noch, der Rest ist irgendwo im Dunkeln versunken. Ich fliege jedes Jahr zweimal für sechs bis acht Wochen zu ihm. Er freut sich und die Pfleger auch: „Wenn Sie da sind, können Sie sich ja um ihn kümmern. Dann haben wir mehr Zeit für die anderen Patienten.“ Natürlich. Wir gehen – er am Rollator – in eine Konditorei, in ein Weinhaus oder zum Eis essen. Ich bin so glücklich, dass auch er sich glücklich fühlt. Anfangs war das ganz anders. Er war zunächst in einem anderen Heim, wo er sich nicht aufgehoben fühlte, und jeden Abend ausgerissen ist. Wie oft holte er mich aus dem Bett. Wie oft musste ich ihn mit Hilfe der Polizei suchen. Jetzt lebt er in einem Pflegeheim, das er als seine Wohnung, seine Heimat betrachtet. Er hat ein eigenes Zimmer mit Blick auf den Garten, sein eigenes Bad, Fernseher, Radio, CD-Player und viele Dinge aus seinem früheren Leben, vor allem Bilder und Fotos. Um es auf den Punkt zu bringen: Es geht ihm eigentlich besser als mir. Okay, bei mir klappt es, im Gegenteil zu ihm, noch im Kopf, bei ihm körperlich. Er kann und wird sicher noch viele Jahre leben. Immer wenn ich zu ihm komme, eilt er mir fröhlich entgegen, während andere Patienten apathisch und abgestumpft im Gang sitzen oder herumlaufen. Aber Probleme gibt es überall auf der Welt, und einem gut versorgten Alzheimer-Patienten geht es möglicherweise besser als manchen Menschen in den Flüchtlingslagern. Ich will damit nichts relativieren. Der Schmerz ist individuell, ob in Heimen, in Lagern oder sonst wo. Jeder wünscht sich eine heile Welt, aber die gibt es nicht. Jeder von uns ist dazu aufgefordert, dazu beizutragen, dass die Verhältnisse sich bessern. Jeder ist für jeden verantwortlich, oder wie es das christliche Gebot fordert: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Wie kann man sich denn drücken, wenn der Nachbar in Not ist? Großartig, wenn Angehörige sich um ihre Verwandten kümmern, aber der Typ unter der Brücke ist auch ein Mensch, der genauso unsere Anteilnahme und Hilfe braucht. Manchmal fühle ich mich wie ein Rufer in der Wüste. Wenn ich bedenke, dass einige der reichsten Familien mehr besitzen als der Rest der Welt, der teilweise im Elend lebt, dann überfällt mich das Gefühl der Ohnmacht. Ich will an diesem Gier- und Raffke-Spiel nicht mehr teilhaben. Auch nicht hier in Thailand, wo Korruption zum Alltag gehört…

Ich merke gerade, ich habe so vor mich hingeschrieben und bin vom Pflegeheim abgekommen und bei der Korruption gelandet, was absolut nichts miteinander zu tun hat. Das Pflegepersonal leistet eine großartige Arbeit, leider für ein erbärmliches Gehalt. Das muss sich schnellstens ändern! Meine häufigen Kolumnen im FARANG, die das Ziel hatten, für ältere bzw. kranke Menschen in Thailand endlich Pflegeheime zu bauen, haben inzwischen offensichtlich einen gewissen Erfolg gehabt. Überall lese ich Angebote für Alte, Kranke und Hilfsbedürftige, und der Preis ist zum Teil sogar finanzierbar. Allerdings zahlen europäische Pflegeversicherungen nicht im außereuropäischen Ausland. Hinzu kommt, dass, wenn man seine kranken Angehörigen nach Thailand holt, sie sich über angenehmes Wetter freuen können, aber die Pflegerinnen meistens nicht verstehen. Nun, viele leben schon längst in einer Welt, in der nichts von außen zu ihnen dringt. Trotzdem freue ich mich und habe Tränen in den Augen, wenn mein kranker Freund auf mich zukommt und sagt: „Hallo, da bist DU ja endlich wieder“. Viele Jahre haben wir hier gemeinsam gelebt und gearbeitet bis die Krankheit unübersehbar wurde. Eigentlich begann sie schon viel früher, schleichend. Seine Kollegen sagten mir, er könne seinen Job als Theater-Techniker nicht mehr perfekt machen. Wir zogen die Konsequenz und gingen gleichzeitig in Rente, er drei Jahre früher, mit 62, ich mit 66. Wir entdeckten Thailand für uns, hatten noch ein paar wunderbare Jahre. Aber dann wurde es auffällig: Er verirrte sich in der Stadt, fand nicht mehr nach Hause. Dann kam der Tag, an dem er allein an eine ATM-Maschine ging, um Geld abzuheben. Er kam heim und sagte: „Da kam kein Geld raus.“ Er war um 50.000 Baht beraubt worden und die Bank erklärte sich für nicht zuständig. Jetzt wollte er nicht mehr hier leben. „Bring mich zurück nach Mainz.“ Natürlich erfüllte ich ihm seinen Wunsch. In seiner eigenen Wohnung konnte er noch einige Zeit allein leben. Was auffiel, war, dass er plötzlich in einen Kaufrausch verfiel. Er kaufte teure Bücher, die er nicht auspackte, kaufte teure Klamotten, die er nie anzog und bestellte sogar neue Möbel. Ich musste eingreifen. Die erste ärztliche Untersuchung bestätigte den Verdacht: Alzheimer. Die Ärzte drängten schließlich darauf, dass er in ein Pflegeheim eingeliefert werden sollte. Dank guter Beziehungen ließ sich das auch schnell realisieren. Anfangs wehrte er sich dagegen. Ich beruhigte ihn: „Das ist ja nur zur Probe. Wenn es dir hier nicht gefällt, dann hole ich dich wieder nach Hause.“ Fast ein ganzes Jahr lebte er in diesem Heim, wo er sich aber überhaupt nicht wohl fühlte. Endlich fanden wir ein anderes, und spontan sagte er beim ersten Besuch: „Hier ist es so schön, hier könnte ich leben bis ich sterbe.“ Das ist jetzt drei Jahre her. Nie ist er von dort weggelaufen. Er ist freundlich und friedlich. Er ist dankbar und freut sich über jedes Zeichen der Zuneigung. Alle im Heim mögen ihn, auch wenn er kaum ein Wort spricht. Kurze Zeit hatte er eine aggressive Phase. Aber die ging schnell vorüber. Jetzt ist er der Liebling auf der Station. Er lebt in einer anderen Welt, von der wir nichts wissen. Er lebt in einer Welt ohne Probleme. Er ist rundum gut versorgt, wird fast jeden Tag besucht. Aber um Bertolt Brecht zu zitieren: „Denn die Einen sind im Dunkeln. Und die andern sind im Licht. Und man siehet die im Lichte. Die im Dunkeln sieht man nicht“.

Für meinen kranken Freund gilt das glücklicherweise nicht. In einer Woche bin ich wieder sein Pfleger.

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