Das Verhängnis der vertrockneten Pflaume

Das Verhängnis der vertrockneten Pflaume

Vor längst vergangenen Zeiten lebten einmal ein Mann und eine Frau. Durch viele Wiedergeburten waren sie miteinander vertraut. Der Mann hatte keine Lust, Almosen zu geben und milde Gaben. Er trank nur immerzu Schnaps und berauschte sich durch Drogen, spielte Karten, würfelte und verwettete sein Geld bei Hahnenkämpfen. Die Frau dagegen setzte ihr ganzes Sinnen und Trachten daran, andren Gutes zu tun und Verdienste zu sammeln für den Weg durch die Verwandlungen.

Bei einer ihrer Wiedergeburten pflegte sie Reis zu kochen und dann in zwei Häufchen zu teilen. Die eine Hälfte verspeiste sie zusammen mit ihrem Mann. Die andre aber legte sie den Mönchen in die Almosenschalen. Und dabei betete sie nur um eines: Wenn sie wiedergeboren würde, so wollte sie nicht mehr die Frau dieses Mannes sein, sie wollte ihn niemals wiedersehen.

Des Mannes Gebet jedoch lautete anders: er wollte von Wiedergeburt zu Wiedergeburt immer nur mit dieser einen Frau zusammenleben.

Nach vielen Verwandlungen traf es sich, dass die Frau wegen der Verdienste, die sie zuvor angehäuft, als Fürstentochter das Licht der Welt erblickte. Ihr barmherziger Sinn war ihr gefolgt, und so ließ sie am Stadttor ein Obdach errichten, wo sie täglich ihre milden Gaben verteilte. Sie setzte einen Verwalter ein, der genau Buch führen musste, wie viele Bettler pro Tag und wie viele Bettlerinnen ihr Almosen empfangen hatten.

In dieser Zeit war der Mann wiedergeboren worden als schöner, kräftiger Jüngling, aber er war arm und im Elend, hatte er doch früher niemals Gaben verteilt und Almosen gegeben.

Eines Tages kam er in Lumpen gekleidet des Weges daher und bettelte. Es fügte sich, dass die Fürstentochter ihn erblickte, denn sie waren ja von früher her für einander bestimmt! Sie bedauerte den schönen jungen Mann in seiner Not und dachte:

"Der Anblick dieses Jünglings erwärmt mir das Herz. Aus welchem Grunde mag er so elend und arm sein? Wahrscheinlich hat er in seinen früheren Daseinsformen keine Verdienste gesammelt und nur an sich selbst gedacht.”

Die junge Fürstin wollte am nächsten Morgen Kleidung verteilen als milde Gabe für diesen schönen Jüngling. Daher fragte sie ihren Verwalter:

"Wie viele Bettler waren heute bei uns?”

"Achtundneunzig, Herrin!”

Die Fürstin ließ also von ihren Damen achtundneunzigmal Kleidung bereitlegen. Am nächsten Morgen ordnete sie an, dass der Verwalter nach Verteilung der Reiskörbchen die Bettler der Reihe nach aufstellen sollte. Im Osten sollte der Kopf und im Westen der Schwanz der Schlange sein. So sollte jeder einzelne sich auf den Boden kauern und warten, bis die Reihe an ihn gekommen wäre.

Die Vorsteherin im Palast verteilte die Kleidung dem Wort der Fürstin gemäß der Reihe nach an die Bettler. Aber an diesem Tage war einer mehr gekommen als gestern, und es waren neunundneunzig. Kleider gab es jedoch nur für achtundneunzig, und so musste einer leer ausgehen. Als jener Jüngling an der Reihe war, der in seinem früheren Dasein mit der Fürstentochter verbunden gewesen, da war alle Kleidung vergeben, und jeder einzelne der Bettlerschar hatte sich neu einkleiden können außer dem Jüngling allein.

Am nächsten Morgen bei der Verteilung der Reiskörbchen fragte die Fürstin ihn:

"Wie kommt es, dass du deine neuen Sachen nicht angelegt hast wie die andren, die alle heute neu eingekleidet hier erschienen sind?”

"Ich habe nichts mehr abbekommen, Herrin, denn ich saß ganz am Schluss der Schlange.

"Wie viele von euch gingen leer aus?” – "Nur ich allein, o Herrin!”

"Dann werde ich morgen Hosen austeilen lassen.”

Die Fürstin fragte ihren Verwalter:

"Wie viele Bettler waren heute bei uns?” – "Neunundneunzig, Herrin!”

"Gut, für morgen lasse neunundneunzig Hosen bereitstellen.”

Am frühen Morgen gebot die Fürstin ihrer Aufseherin, die Bettler abermals so wie am Vortage Aufstellung nehmen zu lassen. Sie fügte hinzu:

"Gestern hat das Ende der Reihe nichts mehr bekommen, so fangen wir heute mit unserer Verteilung von hinten an.”

Der junge Mann hatte sich die Worte der Fürstin zu Herzen genommen und sich eilends im Osten an die Stelle begeben, wo die Schlange ihren Anfang genommen hatte. Am nächsten Morgen war wiederum ein Bettler mehr anwesend als am Vortage, und daher zählten sie jetzt genau hundert. So kam es, dass abermals ein Paar Hosen fehlte, als die Verteilung abgeschlossen war. Der Jüngling bekam auch diesmal nichts und musste seine alte Hose anbehalten.

Als die Fürstentochter ihn am Morgen erblickte, fragte sie ihn:

"Warum trägst du deine alte Hose wie zuvor, hast du denn gestern keine neue bekommen?”

"Keine, Herrin!” – "Wo bist du gewesen?” – "Im Osten, Herrin!”

"Wie viele Männer gingen leer aus?” – "Ich als einziger, Herrin!”

Die Fürstin ließ den Verwalter in seinem Gabenbuch nachschauen, wie viele Bettler sich diesmal eingestellt hatten, und die Antwort lautete, genau hundert. Dadurch fehlte die Gabe für einen.

Am nächsten Morgen wollte die Fürstin jenen Jüngling allein einkleiden, den sie aus ihrem früheren Leben so gut kannte. Aber sie hatte Bedenken, diesem einen vor allen andren den Vorzug zu geben. Also gab sie den Auftrag, hundert Gewänder bereitzuhalten, bestehend aus Jacken und Hosen. Und sie ersann einen Plan, wie diesmal der junge Mann mit Sicherheit seinen Anteil bekommen müsste.

Jedoch auch diesmal kam ein Bettler mehr, keiner wusste woher und wie und warum, und so waren es einer über hundert. Die Fürstin wollte diesmal die Gewänder zur Hälfte von Osten her und zur Hälfte vom Westen austeilen lassen.

Der Jüngling lief an der Reihe hinauf und herab. Wenn er sich ans Ende der Schlange setzen würde, fürchtete er, würde er nichts bekommen, und ebenso nichts, wenn er sich an den Anfang stellte. Er wusste nicht, wie er sich entscheiden sollte, dachte hin und dachte her, und schließlich verfiel er darauf, vom Kopf der Schlange her fünfzig Männer abzuzählen und sich hinter dem fünfzigsten in die Reihe zu drängen. So kam es, dass er sich genau in der Mitte niedersetzte, um mit den andren zu warten.

Diesmal befahl die Fürstin ihrer Vorsteherin, fünfzig Gewänder vom Kopf und fünfzig vom Schwanz der Schlange her zu vergeben. So musste es geschehen, dass auch diesmal der Jüngling, der genau in der Mitte Platz genommen, als einziger der Gabe ledig blieb wie zuvor. Am nächsten Morgen trug der junge Mann also wieder die alten zerfetzten und durchlöcherten Sachen, die zerrissene und in Plunder herabhängende Hose, als er sich in der Almosenhalle einstellte. Die Fürstin fragte:

"Warum trägst du nicht deine schönen neuen Gewänder, wie all die andren, die sich hier zum Mahle versammelt – oder hast du auch dieses Mal nichts erhalten – wo hast du dich denn angestellt?”

"Ich habe mir ein Plätzchen genau in der Mitte gesucht, Herrin”

"Oh, so ist wieder jemand unberücksichtigt geblieben?” – "Nur ich allein, oh Herrin!”

Die Fürstin fragte ihren Verwalter und erfuhr, dass hundert und ein Bettler gekommen waren, und sie dachte nach:

"Was soll ich tun, dass er nicht erneut ausgespart wird, was nur und wie?”

In der Nacht lag die Fürstin schlaflos da. Sie grübelte hin und her, und am Ende hatte sie einen neuen Gedanken: Sie legte einen Klumpen Goldes, wohl zehn Baht schwer, in eines der Reiskörbchen und machte sich darauf ein Zeichen.

Als der Jüngling am nächsten Morgen kam, stellte sie ihm dieses Körbchen auf die Handfläche. Aber kaum hatten seine Finger das Körbchen umschlossen, da verging ihm der Hunger, und auf wundersame Weise fühlte er sich satt. Er nahm also das Körbchen und tauschte dafür eine Flasche Schnaps ein, und die trank er leer.

Der neue Tag brach an, und den Jüngling führten seine Schritte wiederum zum Obdach der Bettler, und als die Fürstin ihn erblickte, richtete sie das Wort an ihn und fragte:

"Hast du denn das Körbchen Reis gestern nicht gegessen, oder was ist geschehen?”

"Ich habe nichts davon zu mir genommen, Herrin.”

"Au, was hast du damit gemacht, sprich!”

"Ich habe es gegen Schnaps eingetauscht, und den habe ich getrunken, Herrin.”

Der Fürstin wurde das Herz schwer. Sie seufzte:

"Oh, was ist das nur für ein Mensch! Er hat kein Glück. Es fehlt ihm die Barmherzigkeit, Verdienste hat er keine gesammelt, Mildtätigkeit ist ihm fremd, und so vermag er auch nicht, fremde Gaben zu empfangen.”

In jener Nacht dachte die Fürstin hin, und sie dachte her, und ihr Begehren, dem Jüngling zu helfen, war lebendiger noch als in den Tagen zuvor. Sie nahm einen Klumpen Gold, diesmal von zwanzig Baht Gewicht, umgab ihn mit Klebreis und wi-ckelte das ganze in ein Bananenblatt ein, dass es ein richtiges Päckchen wurde. Am nächsten Morgen gab sie dem Jüngling dieses Päckchen in die Hand, und sie gab es ihm selbst. Dazu sprach sie:

"Heute darfst du dir für diesen Reis nicht nochmals Schnaps eintauschen! Und verkaufen darfst du den Reis schon gar nicht. Statt dessen musst du ihn essen, und zwar ganz allein!”

Der Betteljüngling hatte die Gabe empfangen und der Fürstin zugehört. Er wollte ihr gehorsam sein. Mit dem Reispäckchen in der Hand machte er sich auf, einen Platz für die Mahlzeit zu suchen. Aber wohin er sich auch wendete, nirgends schien es ihm passend, nichts war ihm gut genug, die Speise der Fürstin zu verzehren.

In jenen Tagen hatte es Hochwasser gegeben. Da sah der Jüngling einen breit ausladenden Blütenbaum, dessen Äste über dem Ping-Fluss ein Blätterdach bildeten. Er kletterte am Stamm hinauf und ließ sich in den Ästen nieder. Dann faltete er das Reispäckchen vorsichtig auseinander, um zu essen. Der schwere Goldklumpen ließ das Päckchen dort oben auf dem Ast über dem Fluss hin und her rollen und – phlik – da fiel es ins Wasser. Kein Körnchen Reis hatte der Jüngling abbekommen, und so musste er am Morgen wieder betteln gehen.

Der Fürstentochter schwante das Unglück, das ihm widerfahren war, als sie ihn sich nähern sah.

"Warum bist du schon wieder hier und bettelst? Hast du denn deinen Reis auch diesmal verschmäht?”

"Ich war dabei, ihn zu essen, aber ich konnte nicht, Herrin!”

"Wo bist du denn hingegangen zu deiner Mahlzeit?”

"Ich habe auf einem Baum am Ufer des Ping mein Päckchen aufpacken wollen, aber es muss etwas darin gewesen sein, was es war, weiß ich nicht, jedenfalls zog sein Gewicht meine Mahlzeit ins Wasser, und sie ist darin versunken, oh Herrin!”

Nun war es für die Fürstin zur Gewissheit geworden: Dieser Mann hat in seinen vorherigen Daseinsformen niemals, niemals Almosen vergeben und milde Gaben verteilt. Wie traurig! Sie sprach:

"Wenn du hier deine Morgenmahlzeit verspeist hast, so komm zu mir in den Palast!”

Als der Jüngling im Palast eingetroffen war, fragte ihn die Fürstin:

"Was ist dein Beruf, was für Arbeit kannst du tun, was für ein Handwerk hast du erlernt?”

"Wenig kann ich machen, aber schießen, das traue ich mir zu.”

"Gut. Ich gebe dir einen Bogen. Damit ziele hoch hinauf in den Himmel. Wenn dein Pfeil wieder herabkommt zur Erde, so soll dir der Boden gehören, so tief, wie der Pfeil in ihn eindringt. Das will ich dir aufwiegen in purem Golde. Wenn er aber einen Gegenstand trifft, wohlan, so wird dir Gold zugewogen seinem Gewichte gemäß.”

Der Jüngling freute sich. Er würde Geld und Gold haben die Fülle, seine Armut wäre beendet und sein Elend vorbei. Er stellte sich mitten in einem Reisfeld auf, und drei der Damen der Fürstin begleiteten ihn. Die Vorsteherin sprach:

"Los! Der Augenblick ist da! Nun ziele mit dem Bogen in den Himmel! Eins – zwei – drei.”

Der Pfeil schwirrte von der Sehne und sauste hinauf, immer höher in den Himmel. Dann kam er zurück und spießte eine vertrocknete Pflaume auf, die im Grase lag. Sie wurde gewogen, und es waren nicht mehr als zwei Satang. So erhielt der Jüngling also zwei Pfennige Gold.

Darum bezeichnen wir eine enttäuschte Hoffnung als "Verhängnis der vertrockneten Pflaume”.

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