Das Neue Kleid

Callolo und seine Herzallerliebste - Eine humorvolle Geschichte 

Das Neue Kleid

Ich sitze auf der Terrasse hinter unserem Haus und lese die Bangkok-Post. Meine Herzallerliebste kommt hinzu und tänzelt vor mir auf und ab. Welcher Floh hat sie denn jetzt wieder gebissen? Ich schaue kurz auf und lese weiter.

"Callolo." Sie bleibt schmollend vor mir stehen. "Siehst du denn gar nichts?"

"Was soll ich sehen?"

"Mein neues Abendkleid." Sie dreht und wendet sich wie ein Model.

"Ist es nicht wunderschön?"

"Ja, wunderschön."

"Das sagst du jetzt nur, Callolo."

"Nein. Es ist wirklich wunderschön."

"Aber vorher hast du es gar nicht bemerkt. Es gefällt dir nicht. Sag es ruhig. Soll ich es umtauschen?"

"Nein, die rote Farbe steht dir sehr gut."

"Callolo, du weißt, dass wir morgen Abend zur Geburtstagsparty bei Dieter eingeladen sind. Da kommen mehr als hundert Gäste, und da möchte ich schon mit der richtigen Garderobe erscheinen."

"Aber Schatz, wo du auftauchst bist du in jeder Garderobe der Mittelpunkt."

"Du raspelst Süßholz."

"Ich meine doch nur, du bist wunderschön."

"Callolo, sag jetzt endlich: Soll ich dies Kleid anziehen oder ein anderes?"

"Nimm es, Schatz, aber ich finde, dein schwarzes Kleid mit der silbernen Stola steht dir genau so gut."

"Aber das hatte ich doch schon auf der Party bei Martin an."

"Okay, dann nimm dies. Rot passt gut zu dir."

"Besser als das Schwarze?"

"Ich finde, beide Kleider stehen dir ausgezeichnet."

"Warte, Callolo, ich ziehe jetzt mal das Schwarze an."

Sie enteilt und erscheint Minuten später im langen schwarzen Abendkleid.

"Und?" Sie schaut mich erwartungsvoll an.

"Die Stola fehlt."

"Du meinst?"

"Ja, ohne die Stola ist das Kleid nur halb so schön."

"Sofort, Callolo." Wieder verschwindet sie im Haus, um alsbald mit umgelegter Stola aufzutreten.

"Ja, großartig", rufe ich, aber das führt zu völliger Ratlosigkeit bei meiner Herzallerliebsten.

"Bei Dieter sind sicher Gäste, die auch auf der Party von Martin waren. Die haben mich doch schon in diesem Kleid gesehen. Ich glaube, das geht nicht, Callolo."

"Dann zieh das rote Kleid an."

"Dir ist das wohl ganz egal"

"Ja."

"wie ich aussehe."

"Nein."

Beleidigt zieht meine Herzallerliebste sich ins Haus zurück, und ich kann endlich wieder ungestört meine Zeitung lesen.

Nach diesem nervigen Vorspiel begann am nächsten Abend der Ernst. Wir gingen hinüber zu Dieter, der erst vor einem Jahr in unsere Siedlung gezogen war und der sich entgegen allen Erwartungen zu einem angenehmen und großzügigen Mitbewohner entwickelt hatte. Die Maid, die ich ihm vermittelt hatte, war inzwischen seine Geliebte geworden, mit der er ein großes, offenes Haus führte.

Am Eingang der Empfangshalle begrüßte uns der Gastgeber mit einem Kompliment für das bildschöne rote Kleid meiner Herzallerliebsten und nahm aus ihren Händen unser Geburtstagsgeschenk entgegen. Plötzlich bemerkte ich, dass sie kreidebleich wurde und zu zittern begann.

"Callolo, die hat", stammelte sie, "das gleiche Kleid an wie ich." Ehe ich mich versah, war sie verschwunden. Ein für diesen Abend engagierter Kellner reichte mir ein Glas Champagner, ein entfernter Bekannter, dem ich immer gerne aus dem Weg gegangen war, verwickelte mich in ein völlig überflüssiges Gespräch, und als es mir endlich gelungen war, ihm zu entfliehen, lief ich Martin in die Arme. Wir hatten uns schon einige Zeit nicht mehr gesehen, und es gab viel zu erzählen. Plötzlich fragte er: "Wo ist denn Nai?"

O, Gott! Ich hatte sofort ein schlechtes Gewissen, weil ich mich nicht um sie gekümmert hatte. Aber in diesem Augenblick erschien sie am Arm von Dieter und trug das lange Schwarze mit silberner Stola.

"Dieter war so nett, mich schnell nach Hause zu begleiten, damit ich mich umziehen konnte."

Dann bat Dieter mich, mit meiner Herzallerliebsten den Tanz eröffnen zu dürfen und gab der Kapelle das Zeichen, mit dem Spielen zu beginnen. Aller Augen waren auf Nai und Dieter gerichtet, und meine Herzallerliebste schwebte in seinen Armen glücklich über das Parkett.

Der nächste Tanz gehörte natürlich mir, und dabei flüsterte sie mir ins Ohr: "Callolo, als Modeberater taugst du nichts, sonst hättest du mir gleich zu diesem schwarzen Kleid geraten, aber du hast ja auf dem roten bestanden."

Gerade wollte ich gegen diese Tatsachenverdrehung protestieren, da bemerkte ich ein Grinsen in ihrem Gesicht und deutete es als bessere Einsicht.

"Warte nur, bis wir zu Hause sind", entgegnete ich, dann wirst du mich als Modeberater kennenlernen."

"Du meinst?"

"Ich werde dir das Kostüm verordnen, das dir von allen am besten steht."

Und ehe sie weiter fragen konnte, fuhr ich fort: "Das Eva-Kostüm."

Sie drückte sich fester an mich: "Kein Zweifel, Callolo?"

"Kein Zweifel, Schatz."

Es wurde ein schönes Fest. Auch hinterher.

Callolo und seine Herzallerliebste und Angekommen in der Wirklichkeit

Callolo und seine Herzallerliebste

In 130 heiteren Kurzgeschichten hat Autor Carolus in zwei Büchern sich mit unterschiedlichen Erfahrungen, die sich aus dem Zusammenleben zwischen Thais und Farangs ergeben, verfasst. Die humorvollen Geschichten behandeln das Eheleben zwischen Nai und Callolo. Im Leben der beiden wird viel Toleranz abverlangt. Dass es trotzdem immer wieder ein Happy End geben kann, beweist der Autor, im ersten Buch, in vielen unerwarteten Entwicklungen. Im zweiten Werk hat der Autor seine „rosarote Brille“ abgenommen und erzählt auf ehrliche und gewohnt charmante Weise über Probleme und Schwierigkeiten, die in seiner nicht mehr ganz taufrischen Beziehung zu Nai entstehen.

Die beiden Taschenbücher können Sie im FARANG-Onlineshop bestellen.

Überzeugen Sie sich von unserem Online-Abo:
Die Druckausgabe als vollfarbiges PDF-Magazin weltweit herunterladen, alle Artikel vollständig lesen, im Archiv stöbern und tagesaktuelle Nachrichten per E-Mail erhalten.
Pflichtfelder
Ralph von Mühldorfer 28.06.21 13:50
Lustige Serie ...
und so wahr.
Dieter Kowalski 27.06.21 10:40
Hört sich nach Loriot an ;-)

Mich würde ja einmal interessieren, ich welcher Sprache diese Konversationen ablaufen.