Das Brautgeld

Das Brautgeld
Das Brautgeld

Eine Sache, die jeder Farang, der beabsichtigt, mit einer Thai-Maid eine eheliche oder zumindest eheähnliche Verbindung einzugehen, erst mal verkraften muss, ist der Brauch, den zukünftigen Schwiegereltern ein Brautgeld zu zahlen. Wir sind genau das Gegenteil gewohnt, nämlich dass der Brautvater seiner Tochter eine Aussteuer mit in die Ehe gibt. In Indien, wo hohe Summen gezahlt werden, um die Töchter zu verheiraten, sollen früher sogar oft neugeborene Mädchen getötet worden sein, weil die Familie fürchtete, durch den Zwang, ihre Töchter teuer an den Mann zu bringen, ins Elend zu geraten. Nicht so in Thailand, hier bringt das Verheiraten der Tochter Geld in die Familie.

In Thailand ist man nämlich der Überzeugung, dass die Familie einen Anspruch darauf hat, die in die Tochter investierten Kosten und Mühen - zuzüglich eines Risikozuschlags, denn sie könnte ja auch schon vor der Verehelichung gestorben oder weggelaufen sein - erstattet zu bekommen. Auf dem Land verliert die Familie oft auch eine wertvolle Arbeitskraft. Das Geld, das den Eltern bei der Heirat ihrer Tochter gezahlt wird, hat aber auch eine symbolische Bedeutung: Es zeugt von dem Respekt des Bräutigams gegenüber der Familie der Braut. In Thailand bedeutet Geld Ansehen, die Begriffe Reichtum und Ansehen sind weitgehend Synonyme, und das wesentlich mehr als bei uns.

Die Summen, die in Thailand als Brautgeld gezahlt werden, richten sich weniger nach der Schönheit des Mädchens als nach der sozialen Stellung und dem Reichtum der Familie, vor allem dann, wenn zu erwarten ist, dass die Braut nach dem Tode der Eltern ein schönes Stück Land erbt. Sie liegen nicht selten in der Höhe eines Jahresverdienstes oder sogar noch darüber. Vor allem bei grossen Summen kommt es nicht selten vor, dass sich die Familie verschuldet, um dem Sohn eine Frau zu verschaffen. Wenn in meiner Nachbarschaft jemand heiratet, bekomme ich immer genau erzählt, was die Braut gekostet hat und wieviel Gold der Bräutigam seiner jungen Frau als Brautgeschenk und erste Rate ihrer Zukunftssicherung überreicht hat.

Da die Höhe des Brautgeldes, ebenso wie das Gewicht der der Braut überreichten Goldkette etwas ist, was der Familie "Gesicht” verleiht, wird das Brautgeld bei der Hochzeitszeremonie in Gegenwart der gesamten Hochzeitsgesellschaft Schein um Schein vorgezählt, und die Goldkette feierlich überreicht, auch wenn sie die Braut schon vorher ein Jahr um den Hals getragen hat. Da für das geforderte Brautgeld das gilt, was für alle Geschäfte mit Farangs üblich ist, nämlich von dem "reichen” Farang das Doppelte oder Dreifache zu verlangen als von Thais, wird es in der Regel auch entsprechend hoch angesetzt. Während bei uns im Dorf bei Thai-Ehen das Brautgeld in der Regel zwischen 20.000 und 50.000 Baht liegt, werden vom Farang 100.000 Baht oder mehr verlangt. Ich habe aber auch schon Fälle gekannt, in denen ein Teil der zur Hebung des "Gesichts” der Familie vor den Augen der Hochzeitsgesellschaft gezahlten sehr hohen Summe dem jungen Paar dann anschliessend wieder zurückgegeben wurde.

Ein interessantes Detail ist übrigens, dass der gezahlte Brautpreis nicht etwa zurückerstattet werden muss, wenn die Frau nach einem Jahr ihrem Mann wegläuft. Man kann also, wie bei einer Börsenspekulation, manchmal auf die falsche Anlage setzen und seinen Einsatz verlieren. Da aber in Thailand kein Unterhaltsanspruch für die Frau besteht, ist das finanzielle Risiko einer Eheschliessung immer noch geringer als in Farang-Land.

Wenn, wie heute bei uns in Europa, der Staat für jeden ein soziales Auffangnetz zur Verfügung stellt, ist es natürlich viel einfacher, der Romantik zu frönen und nur an Liebe oder gegenseitige Zuneigung zu glauben. Eine der für Farangs verfügbaren Thai-Ladys dürfte aber niemals etwas von einer staatlichen Fürsorge gespürt haben. Es ist daher nur natürlich, dass ihre Motive für die Ehe mit einem Farang vor allem auf die finanzielle Absicherung gerichtet sind.

Ein Problem für viele Farangs ist dabei die starke Bindung der Frau an ihre Familie und ihre moralische Verpflichtung, die Familie zu unterstützen. In diesem Sinne sind sie erzogen worden; Buddha lehrt die Dankbarkeit gegenüber jedem Geber, und ganz besonders gegenüber den Eltern, die dem Kind das Leben gegeben und es aufgezogen haben. In Thailand gibt es für die breite Masse der Bevölkerung keine Altersrente, und Altersheime, denen man die Versorgung der Alten überlassen kann, sind in Thailand praktisch unbekannt. Thais betrachten es deshalb viel mehr als die in einem westlichen Sozialsystem gross gewordenen Farangs als Verpflichtung, für ihre Eltern zu sorgen, wenn diese alt geworden sind. Kinder sind die Altersversicherung der Eltern. Wenn nun die Tochter oder der Sohn das Elternhaus verlässt, ist es für sie selbstverständlich, einen Teil ihres Verdienstes den Eltern zukommen zu lassen. Das gilt auch und ganz besonders für die Tochter, die einen Farang geheiratet hat. Auch wenn sie nicht arbeitet und selbst kein Geld verdient, fühlt sie sich verpflichtet, vom Einkommen ihres Mannes den Eltern regelmässig einen Betrag zu überweisen.

Für den Farang, der in Pattaya oder Phuket ein Mädchen aus dem Isaan kennengelernt hat und es heiraten will, ist die Versuchung natürlich gross, sich um diese nach seiner Meinung nicht erforderliche Zahlung zu drücken und das Mädchen ohne die entsprechende Formalität mit nach Europa zu nehmen. Wer das aber tut, weil er das Brautgeld als eine unnötige Abzocke ansieht, der sollte bedenken, dass in Thailand die sozialen Wohltaten nicht vom Staat kommen, sondern in der Familie erbracht werden.

Wenn er sich um die Zahlung des Brautgeldes drückt, muss er sich darüber klar sein, dass das Mädchen ihrer Familie gegenüber ihr Gesicht verliert, und das kann eine schwere Belastung für das harmonische Zusammenleben bedeuten. Wer eine Thai heiratet, der heiratet ihre ganze Familie mit und damit die Verpflichtung, zu ihrem Unterhalt beizutragen, ob ihm das passt oder nicht. Das gilt nicht nur für das Brautgeld, sondern auch für die moralische Verpflichtung der Tochter, ihrer Familie in Thailand regelmässig Geld zu schicken. Solch eine regelmässige Zahlung birgt natürlich die Gefahr, dass Vater und Brüder des Mädchens nun meinen, ausgesorgt zu haben und sich einen guten Tag machen. Die monatliche Summe sollte deshalb nicht zu hoch, aber auch nicht zu klein sein, um eine Familie, die ihre Tochter mit einem Farang verheiratet hat, nicht vor den Nachbarn blosszustellen. Nach meiner Erfahrung sind ca. 5000 Baht monatlich ein Betrag, der nicht ausreicht, um die ganze Familie auf der faulen Haut liegen zu lassen, aber doch so hoch ist, dass die Tochter als gutes Mädchen und der Schwiegersohn als ein Mann gilt, der weiss, was sich gehört.

Sicherlich gibt es eine nicht unerhebliche Zahl von Farangs, die sich eine Thaifrau genommen hat und sich jetzt als Sparschwein fühlt, das es zu schlachten gilt. Der Mann hat bei der Hochzeit eine Menge Geld abgedrückt, vielleicht ausser dem Brautgeld auch noch einen kleinen Motorpflug angeschafft oder eine Hypothek bei der Bank abgelöst, und sieht nun nicht so leicht ein, dass er zum Dauerzahler werden soll.

Sie zeigen damit allerdings nur, dass sie zu der grossen Gruppe von Männern gehören, die sich mit ihren Traumvorstellungen ohne jedes Hintergrundwissen in eine Partnerschaft mit einer Thailänderin eingelassen haben.

Günther RuffertNeues von Günther Ruffert

Neues von Günther Ruffert

Ich lebe nun seit über 20 Jahren in Thailand, und davon fast 15 Jahre in einem typischen kleinen Isaan-Dorf, nahe der kambodschanischen Grenze. Meine Erfahrungen in diesem Land habe ich in einigen Büchern und auch in vielen Beiträgen weitergegeben, die u.a. auch im FARANG erschienen sind. Natürlich hängt der Standpunkt, den man bei der Beschreibung von Land und Leuten einnimmt, von den persönlichen Verhältnissen ab, also besonders davon, wo und wie man lebt und welche Mentalität man selber hat. Ich erhebe deshalb keineswegs den Anspruch, eine objektive Beschreibung der Sitten und Gebräuche in diesem Land zu Papier zu bringen, und nicht jeder wird die Dinge so sehen wie ich.

Für den Farang ist es schwierig, das Denken und Handeln der Thai zu verstehen, genau so wie es für den Thai schwierig ist, das Denken und Handeln der Farang zu verstehen. Vor allem für Farang, die das Land noch nicht gut kennen, können meine Geschichten aber vielleicht einiges zum besseren Verständnis all dessen beitragen, was ihnen in Thailand zunächst unverständlich erscheint und helfen, Stolpersteine zu vermeiden.

Günther Ruffert

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