Das Allheilmittel

Das Allheilmittel

Vor vielen Jahren lebte einmal eine Witwe. Sie hatte drei Töchter. Die älteste hieß Kaeo, Kristall, die mittlere Kham Oey, Gold, und die Jüngste Saeng La, das Strahlen. Der Vater war gestorben, als die Kinder noch klein.

Die Frau hatte die Töchter alleine großgezogen. Die Erstgeborene war inzwischen verheiratet und hatte ihre eigene Familie. Bei der Mutter zurückgeblieben waren nur die Mittlere und die Letzte. Die Not und die Entbehrungen, die sie hatte auf sich nehmen müssen bei der Aufzucht ihrer drei Mädchen hatten ihre Gesundheit untergraben. Sie war krank geworden und litt Schmerzen. Drei Tage ging es ihr gut, vier Tage hatte sie Fieber, die Krankheit warf sie aufs Lager, und schließlich stand sie nicht mehr auf. Irgendwo hinzugehen, das vermochte sie schon lange nicht mehr. Da machten sich die Kinder auf und holten den Kräutermeister, nach ihr zu sehen. Der gab ihr allerlei Heilmittel, aber ihr Zustand besserte sich nicht.

Eines Tages sprach der Meister zu der jüngeren und der mittleren Tochter und zu den Verwandten so:

"Für diese Krankheit, so denke ich, braucht man gar keine Heilkräuter. Wenn ihr mir glaubt und nach meinen Anweisungen handelt, wird sie von selbst verschwinden.”

Sie fragten:"Was sollen wir tun? Wenn du es weißt, so sag es uns!”

Die Witwe in ihrem Zimmer vernahm die Worte, und begierig horchte sie, was sie erfahren würde, als der Meister fortfuhr:

"Ihr braucht gar nicht in der Ferne zu suchen, schaut nur, wie es eurer Nachbarin ergangen ist. Auch sie hatte gleiches Schicksal erfahren: drei Tage war es ihr gut gegangen, vier Tage hatte sie Fieber gehabt. Es hatte so ausgesehen, als verschlimmere sich ihr Leiden zusehends. Da verschrieb ich ihr einen neuen Mann! Wenig später wurde sie dick und rund. Ihr Leiden war wie fortgeblasen. Ich sage euch, sucht eurer Mutter einen Gatten, und schon wird sie wieder quicklebendig sein! Seht nur zu, ich weiß es genau. Die dunklen Schatten werden sich verflüchtigen, und schon bald wird von dem Leiden nichts, aber auch gar nichts übrig sein.”

Kham Oey und die Verwandten stimmten zu, denn das Beispiel der Nachbarin hatten sie vor Augen. Saeng La, die Jüngste, hatte unten gearbeitet und das Gespräch oben im Hause mit angehört: für die Mutter sollten sie einen neuen Mann suchen. Sie ließ ihre Arbeit liegen und eilte die Leitertreppe hinauf. Sie rief:

"Was sagt ihr da? Unsere Mutter ist doch schon viel zu alt. Drei Tage geht es ihr gut, vier Tage ist sie krank, und dabei soll sie sich um einen Mann kümmern können? Und die Männer, die Witwer? Wenn sie jung geblieben, haben sie nichts als Ausschweifungen im Sinn, wie soll das unserer Mutter bekommen?”

Die Kranke in ihrer Kammer vernahm, wie ihre Jüngste den anderen widersprach, und rief:

"Kham Oey, Kham Oey, du Gute, gib Saeng La einen Tritt, dass sie still ist!”

Wenig später war der Auserwählte gefunden. Die Mutter erholte sich. Am Tage ging es ihr gut und in der Nacht noch besser. Sie nahm wieder Nahrung zu sich, und bald sah es so aus, als hätte ihr das verabreichte Mittelchen tatsächlich geholfen. Sie speiste mit ihrem neuen Manne und er mit ihr, und sie lebten glücklich und gesund. Dick wurde sie und rund, kräftig war sie geworden und ihre Haut glatt. Die Nachbarn sahen es und konnten es kaum glauben. Wenn jemand fragte, wie das Heilmittel genannt werde, das sie genommen und das sie so jung und schön gemacht, so lächelte sie, und ihre vollen Wangen wurden rot. Da hörte man sie wohl gar sprechen:

"Von meinen Mädchen allen ist Kham Oey das klügste...”

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