Churchill oder Chamberlain?

Johnson in der Bewährungsprobe

Foto: epa/Will Oliver
Foto: epa/Will Oliver

LONDON: In der Coronakrise fuhr London einen Schlingerkurs. Erst nach langem Zögern schwenkte Premier Johnson auf den harten Kurs anderer Länder ein. Kritiker fürchten, dass nun eine Katastrophe unabwendbar geworden ist. Johnson dürfte daran gemessen werden.

Großbritanniens Politik kommt kaum ohne Vergleiche aus dem Zweiten Weltkrieg aus. Premierminister Boris Johnson bemüht diese Rhetorik besonders gerne. Immer wieder inszenierte er sich im Ringen um den Brexit als zweiter Winston Churchill - Brüssel musste hingegen als Feindbild herhalten, dem man im Ringen um den EU-Austritt unter keinen Umständen nur eine Handbreit nachgeben dürfe.

Doch Johnson hätte sich bis vor kurzem wohl kaum träumen lassen, dass er mit der Coronavirus-Pandemie einer Herausforderung gegenüberstehen würde wie seit Churchill kein britischer Premier mehr. Bislang fällt seine Bilanz im Kampf gegen den unsichtbaren Feind durchwachsen aus.

Britische Medien warnen bereits, Johnson könne als zweiter Chamberlain in die Geschichte eingehen. Kriegspremier Churchill, der seine Landsleute mit der Forderung nach Blut, Schweiß und Tränen zum Durchhalten beschwor, genießt in Großbritannien Heiligenstatus. Sein Vorgänger Neville Chamberlain hingegen gilt als Inbegriff des Versagers. Er hatte versucht, Hitlers Großmachtstreben durch Zugeständnisse (Appeasement) einzuhegen - mit fatalen Folgen.

Seinen ersten überzeugenden Auftritt in der Coronakrise hatte Johnson an diesem Montag, als er in einer Ansprache an die Nation weitgehende Ausgangsbeschränkungen verkündete. Mit ernster Miene rief er die Briten dazu auf, zuhause zu bleiben. «Von heute Abend an muss ich dem britischen Volk eine einfache Anordnung geben: Sie müssen zuhause bleiben.» Zuvor war er zwar beinahe täglich in Pressekonferenzen zu sehen, doch seine flapsigen Auftritte, flankiert von Gesundheitsexperten, stifteten mehr Verwirrung, als dass sie Klarheit schufen.

Noch am Freitag hatte er vor laufender Kamera gesagt, er hoffe seine Mutter zum britischen Muttertag am Sonntag sehen zu können. Tags darauf rief er alle Briten auf, ihre Mütter bloß nicht zu besuchen. Als er gefragt wurde, ob es eine Abschottung der besonders stark von der Epidemie betroffenen Hauptstadt London geben werde, wollte er nichts ausschließen - und löste damit wohl einen Exodus von Menschen aus, die aus der Stadt flohen und das Virus womöglich in ländliche Gebiete schleppten. Tags darauf versicherte ein Pressesprecher, es gebe «null Aussicht» auf eine Abriegelung Londons.

Befremden löste auch Johnsons Zögern aus, schneller härtere Maßnahmen zu ergreifen, um die Epidemie unter Kontrolle zu bringen. Der wissenschaftliche Chefberater der Regierung, Patrick Vallance, begründete das unter anderem mit der Hoffnung, eine rasche Durchseuchung der Bevölkerung könne zu einer sogenannten Herdenimmunität führen und die Epidemie damit zum Erliegen bringen. Dabei hatten Kritiker schon früh gewarnt, ein solcher Ansatz könne Zehn- wenn nicht Hunderttausende Menschen das Leben kosten.

Johnson betonte stets, er lasse sich von der Wissenschaft leiten. Doch der Verdacht wuchs, die Regierung könne eine zynische Abwägung zwischen dem Tod älterer und verletzlicher Menschen und dem Wohl der Wirtschaft getroffen haben. Die Folgen davon hatte sie aber offenbar massiv unterschätzt.

Britische Medien kramten Zitate Johnsons aus der Zeit hervor, als er sich für den Posten des Rathauschefs in London beworben hatte. Sein Held, sagte er damals, sei der Bürgermeister in dem Hollywood-Film «Der weiße Hai», der der darauf bestand, die Strände geöffnet zu lassen, um die Tourismusbranche nicht zu schädigen, obwohl der Hai einen Badenden nach dem anderen auffraß. Was ihm dabei imponiert habe, sei die Rationalität des Bürgermeisters gewesen, der sich nicht von Hysterie habe leiten lassen, so Johnson. Obwohl sich die Entscheidung später als falsch herausgestellt habe, wie er zugab.

Der «Sunday Times» und der «Financial Times» zufolge soll der Johnson-Berater Dominic Cummings ein glühender Verfechter dieses Ansatzes gewesen sein. Personen, die mit Cummings gesprochen hatten, beschrieben dessen anfängliche Einstellung der «Sunday Times» zufolge mit dem Satz: «Herdenimmunität, Wirtschaft schützen, auch wenn das bedeutet, dass leider ein paar Rentner sterben.» Diese Charakterisierung wurde von der Regierung später heftig zurückgewiesen, doch auch andere Medien mit guten Kontakten in den Regierungsapparat berichteten Ähnliches.

Cummings, der als Architekt der Siege Johnsons beim Brexit-Referendum und der Parlamentswahl im Dezember gilt, hat im Regierungssitz Downing Street Einfluss wie kaum ein anderer. Er vollzog den Berichten nach später eine Kehrtwende, als ihm klar wurde, dass tatsächlich hunderttausende Leben auf dem Spiel standen, und pochte auf stärkere Maßnahmen, um das Virus einzudämmen. Doch er soll bei Johnson damit zunächst auf taube Ohren gestoßen sein. Der Premier, so hieß es, wollte keine unpopulären Ausgangsbeschränkungen verhängen, um seiner Beliebtheit in der Bevölkerung nicht zu schaden. Außerdem seien dem freiheitsliebenden Politiker derartige Maßnahmen zuwider.

Der ehemalige Gesundheitsminister und Johnson-Konkurrent um die Tory-Parteiführung, Jeremy Hunt, warnte im Parlament: «Es könnte sein, dass es schon zu spät ist, um (Verhältnisse wie in) Italien zu verhindern». Er rechnet damit, dass in Großbritannien bereits 300.000 Menschen mit dem Virus infiziert sein könnten. Churchill oder Chamberlain? Diese Frage könnte sich für Johnson bereits in wenigen Wochen entscheiden.

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