Wahlsieger sieht freie Bahn für Brexit

Foto: epa/Facundo Arrizabalaga
Foto: epa/Facundo Arrizabalaga

LONDON (dpa) - Das dürfte es gewesen sein. Die Tory-Partei von Premierminister Boris Johnson trägt sehr wahrscheinlich einen großen Sieg davon und kann den Brexit durchziehen. Der Wahlverlierer kündigt einen Rückzug auf Raten an.

Die Konservativen von Premierminister Boris Johnson haben nach neuen Berechnungen der Sender BBC und Sky News die Wahl in Großbritannien klar gewonnen. Damit dürfte der Weg für den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union frei sein. Seine Regierung habe «ein mächtiges Mandat erhalten, den Brexit durchzuziehen», sagte Johnson am frühen Freitagmorgen in London. Als Termin für den Brexit ist der 31. Januar vorgesehen.

Oppositionsführer Jeremy Corbyn erkannte die Niederlage von Labour an und kündigte seinen Rückzug von der Partei nach einer Übergangsphase an.

Johnsons Konservative kommen nach den Berechnungen der Sender auf insgesamt 362 der insgesamt 650 Mandate. Labour erhält demnach 199 Mandate - das wäre ein historisch schlechtes Ergebnis.

Nach der Auszählung von 375 der 650 Wahlkreise führten Johnsons Konservative deutlich mit 196 gewonnenen Sitzen. Labour hatte zu diesem Zeitpunkt 128 Wahlkreise für sich entschieden.

In Schottland räumte die Schottische Nationalpartei ab, was Spekulationen über ein möglicherweise bevorstehendes neues Unabhängigkeitsreferendum befeuerte.

Johnson bedankte sich bei allen Wählern, freiwilligen Helfern und Kandidaten seiner Partei. «Wir leben in der großartigsten Demokratie der Welt», schrieb er auf Twitter.

Die SPD-Europapolitikerin Katarina Barley dämpfte die Hoffnung auf ein rasches Ende des Brexit-Streits. Johnson habe mit «der leeren Versprechung» gepunktet, den Brexit schnell abhandeln zu können, erklärte die Vizepräsidentin des Europaparlaments am späten Donnerstagabend der Deutschen Presse-Agentur in Brüssel. Zunächst müsse der Austrittsvertrag durch das britische und das Europäische Parlament. «Und danach geht es erst richtig los: Die zukünftige Beziehung des Vereinigten Königreiches mit der EU muss verhandelt werden», erklärte Barley. «Johnson will das in wenigen Monaten schaffen - das wird nicht funktionieren.»

Dem Austrittsabkommen zufolge soll das Land bis Ende 2020 in einer Übergangsphase bleiben. Bis dahin will Johnson einen Vertrag über die künftigen Beziehungen mit der Staatengemeinschaft aushandeln. Die Zeit dafür gilt jedoch als denkbar knapp. Eine Verlängerungsoption um bis zu zwei Jahre, die noch bis Juli 2020 möglich ist, hat der Premier ausgeschlossen. Sollte kein Anschlussabkommen zustande kommen, droht Ende kommenden Jahres wieder ein No-Deal-Szenario.

EU-Ratspräsident Charles Michel zeigte sich kooperativ. «Wir werden sehen, ob es für das britische Parlament möglich ist, das Austrittsabkommen zu akzeptieren» sagte Michel nach dem EU-Gipfel in der Nacht zum Freitag in Brüssel. «Falls das der Fall ist, sind wir bereit für die nächsten Schritte.»

Johnson gelang es, seinen Londoner Wahlkreis Uxbridge mit klarer Mehrheit zu halten. Der Tory-Chef versammelte rund 7.000 Stimmen mehr auf sich als sein nächster Mitbewerber, wie die örtliche Wahlleitung am frühen Freitagmorgen bekanntgab. Im Vorfeld waren Spekulationen laut geworden, Johnson könnte seinen Parlamentssitz verlieren, seine Partei die Wahl aber insgesamt gewinnen. Dies hätte die Position des Premierministers schwächen können.

Die Chefin der britischen Liberaldemokraten, Jo Swinson, verlor ihr Mandat. Das teilte der zuständige Wahlleiter im schottischen Dunbartonshire East mit. Ihr Sitz ging an die Kandidatin der Schottische Nationalpartei SNP. Swinson hatte sich dafür ausgesprochen, den Brexit einfach abzusagen. Noch vor wenigen Monaten gab sie das Ziel aus, Premierministerin zu werden. Die Liberaldemokraten gehören zu den Verlierern der Wahl.

Die schottische Regierungschefin Nicola Sturgeon wertete den prognostizierten Wahlausgang auf Twitter als «bitter» für das Land. Gleichzeitig freute sie sich über das starke Abschneiden ihrer Schottischen Nationalpartei. Sturgeon dürfte das als Mandat für ein zweites Unabhängigkeitsreferendum für den Landesteil deuten.

Die Briten hatten 2016 in einem Referendum mit knapper Mehrheit für den EU-Austritt gestimmt. Nach zähen Verhandlungen konnte Johnsons Vorgängerin Theresa May im November 2018 ein Austrittsabkommen vorlegen. Doch die anschließende Ratifizierung im britischen Parlament scheiterte. Nicht zuletzt, weil ihre Regierung seit der vergangenen Wahl 2017 keine eigene Mehrheit mehr hatte. Der Brexit wurde mehrmals verschoben, May musste schließlich zurücktreten.

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Jürgen Franke 17.12.19 10:40
Herr Hermann, in den Redaktionsstuben
wird eine eigene Welt zusammen gebastelt, in der sich die Realität zwangsläufig nicht widerspriegeln kann. Wenn man durch Wahlen grundsätzlich etwas verändern könnte, würde man sie sofort abschaffen. Aber das Ergebnis muß für die Machthaber immer voraussehbar und die Fakten für das Volk immer populistisch begreifbar sein.
Jürgen Franke 15.12.19 12:20
Sieger sind die Menschen, die gewählt
haben. Verlierer eindeutig die Medien, die mit ihren Prognosen völlig daneben lagen und keine Möglichkeit mehr hatten, die Menschen, wie in der Vergangenheit oft genug, zu beeinflussen. Der Lernprozeß für die Medien, aber auch für Brüssel wird gewaltig sein.
TheO Swisshai 14.12.19 23:46
@David Hermann / Schottland
Die Briten sehen ihre Zukunft nicht in der EU ? Sind die Schotten und Nordiren etwa keine Briten ? Hoffentlich geht da der Schuss für GB bloss nicht nach hinten los. Die Kennzahlen könnten dann plötzlich ganz anders aussehen. Ich kann hier leider keinen Sieger ausmachen, sondern nur einen Haufen Verlierer.
Norbert Kurt Leupi 14.12.19 13:03
Brexit
Es ist geschafft ! Die Briten trennen sich von der Misstrauens- und Schulden-Union ! Die Einheit Europas war ein Traum von wenigen! Viele machten sich Hoffnung ! Für die Briten ging die Hoffnung nicht in Erfüllung ! Wer ist der Nächste ???
Jürgen Franke 14.12.19 13:03
Es wird nicht lange dauern, bis
auch die Menschen in England gemerkt haben, dass sie das Chaos gewählt haben. Aber Hauptsache demokratisch.