Brieftasche gefunden

​Callolo und seine Herzallerliebste - Eine humorvolle Geschichte 

Brieftasche gefunden

Meine Herzallerliebste kam ganz aufgelöst vom Friseur und sagte: "Callolo, ich habe eine Brieftasche gefunden."

"Und? Was hast du damit gemacht?"

"Natürlich abgegeben, bei der Polizei."

"Bravo", sagte ich, "wie viel Geld befand sich denn in der Brieftasche?"

"Keine Ahnung."

"Was? Du hast nicht einmal reingeschaut?"

"Ja, ein bisschen nur, Callolo. Sie war voll mit großen Dollarscheinen."

"Komm", sagte ich, "wir gehen zum Revier. Schließlich steht dir ein Finderlohn zu."

"Der Besitzer hat seine Brieftasche bereits abgeholt", sagte der junge Polizist auf dem Revier.

"Er war sehr glücklich und erleichtert und bedankt sich herzlich."

"Wie hoch war denn der Wert, der sich in der Brieftasche befand?" fragte ich.

"Alles in allem waren es schon einige Millionen Baht, dazu kamen Barschecks, Kreditkarten, Flugtickets und der Reisepass."

"Und wie steht es mit dem Finderlohn?"

Der junge Polizist schaute mich an, als hätte er davon zum ersten Mal gehört.

Ich sagte: "In Deutschland sind fünf Prozent üblich."

Er wusste nicht, wovon ich redete.

Inzwischen hatte einer seiner Kollegen die Presse informiert, und als wir das Revier verließen, waren wir von Fotografen und Reportern umringt.

"Warum haben Sie den Fund abgeliefert?"

"Wie hoch war der Finderlohn?"

"Warum haben Sie das Geld nicht einfach behalten?"

"Bedauern Sie Ihre Ehrlichkeit?"

Fotos, Fragen, Gedrängel. Wir waren froh, als wir ein Taxi fanden, das uns heimfuhr.

Und als wir dachten, wir hätten alles hinter uns, da ging es erst richtig los:

Am anderen Morgen hatten sich vier Fernsehteams vor unserem Haus aufgebaut, die darauf bestanden, meine Herzallerliebste zu interviewen. Sie stürmten in unser Haus, verrückten die Möbel und machten sich überall breit. Mindestens zwanzig Personen balgten sich in unserer Wohnung.

"Sorry, Sir", entgegneten sie auf meinen Einwand, "aber wir brauchen den Platz für die Kameras."

Den Esstisch hatten sie nach draußen getragen, die Sessel ins Schlafzimmer und die Anrichte in die Küche, wobei einige Vasen zerbrachen. "Zahlt die Versicherung", sagte der Aufnahmeleiter. Dann nahmen sie die Bilder von der Wand. "Wozu das?" fragte ich.

"Das spiegelt", antwortete ein Kameramann.

Meine Herzallerliebste wusste sich nicht mehr zu helfen und schloss sich ins Bad ein.

"Schatz", rief ich nach einer Stunde, "jetzt ist alles aufnahmebereit. Du kannst kommen."

"Was soll ich anziehen, Callolo?" schallte es aus dem Bad zurück.

"Egal", erwiderte ich, "die nehmen nur dein Gesicht auf."

"Und was soll ich sagen?"

"Du sagst einfach, dass du eine ehrliche Frau bist und dass du nichts haben willst, was dir nicht gehört."

Es dauerte noch zehn Minuten, bis meine Herzallerliebste endlich erschien. Ein Aufnahmeleiter führte sie zu einem Stuhl, eine Maskenbildnerin machte sich an ihrem Gesicht zu schaffen, und ein Kameramann bat sie, nur nach rechts in seine Kamera zu schauen. Ein anderer forderte sie auf, geradeaus in die mittlere Kamera zu sprechen. Dann kam eine Redakteurin und erklärte ihr, was sie sagen sollte.

"Können wir mal eine Tonprobe haben?"

"Wir brauchen mehr Licht", sagte der Lichtingenieur und begann damit, die Lampen auszuwechseln.

"Ruhe!" brüllte der Aufnahmeleiter.

"Moment, unser Team ist noch nicht so weit."

"Und Ruhe bitte!"

Pause.

"Bitte, sprechen Sie jetzt."

"Und was?"

"Das haben wir doch gerade besprochen."

"Ja", sagte mein Herzallerliebste, "ich habe eine Brieftasche gefunden und habe sie abgegeben."

"Bitte noch einmal, und dabei bitte in die linke Kamera blicken."

"Callolo, du musst neben mir stehen, sonst kann ich das nicht."

Okay, ich stellte mich neben sie.

"So, jetzt noch einmal und alles ganz kompakt."

Meine Herzallerliebste redete darauf los und schaute dabei nur zu mir.

"Sollten wir nicht noch einmal über den Finderlohn sprechen" fragte ich einen kleinen korpulenten Herrn, der sich als Chefredakteur vorstellte, und der wie ein Kobold zwischen all den Technikern herumwieselte.

"Großartige Idee", sagte er und brüllte: "Alles noch mal auf Anfang!"

Die ersten Techniker bauten schon ab.

"Mein Name ist Bruno", sagte der Chefredakteur. "Wir haben jetzt genug Material für eine tolle Story, und ich werde eine meiner charmanten Moderationen einbauen."

Damit verschwand er und mit ihm die verschiedenen Aufnahmeteams.

Gemeinsam versuchte ich, mit meiner Herzallerliebsten das Chaos wieder in eine Wohnung zu verwandeln. Als wir es endlich geschafft hatten, öffnete ich eine Flasche Wein, goss uns zwei Gläser ein und prostete meinem neuen Fernsehstar zu. Statt zu antworten sagte sie: "Weißt du, Callolo, was ich mache, wenn ich noch einmal eine Brieftasche finde?"

"Du zählst das Geld und nimmst 5% davon als Finderlohn für dich", antwortete ich.

"Nein, Callolo, ich schaue weg und lasse sie einfach liegen."

Callolo und seine Herzallerliebste und Angekommen in der Wirklichkeit

Callolo und seine Herzallerliebste

In 130 heiteren Kurzgeschichten hat Autor Carolus in zwei Büchern sich mit unterschiedlichen Erfahrungen, die sich aus dem Zusammenleben zwischen Thais und Farangs ergeben, verfasst. Die humorvollen Geschichten behandeln das Eheleben zwischen Nai und Callolo. Im Leben der beiden wird viel Toleranz abverlangt. Dass es trotzdem immer wieder ein Happy End geben kann, beweist der Autor, im ersten Buch, in vielen unerwarteten Entwicklungen. Im zweiten Werk hat der Autor seine „rosarote Brille“ abgenommen und erzählt auf ehrliche und gewohnt charmante Weise über Probleme und Schwierigkeiten, die in seiner nicht mehr ganz taufrischen Beziehung zu Nai entstehen.

Die beiden Taschenbücher können Sie im FARANG-Onlineshop bestellen.

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