Bitte Platz nehmen auf dem «Feuerstuhl»

Chefsuche bei Thyssenkrupp

Foto: epa/Friedemann Vogel
Foto: epa/Friedemann Vogel

Nach den Rücktritten von Thyssenkrupp-Chef Heinrich Hiesinger und Aufsichtsratschef Ulrich Lehner bleibt die Besetzung der Spitze des Industriekonzerns schwierig. Die undurchsichtige Gemengelage und Berichte über Absagen wirken offenbar wenig einladend.

Essen (dpa)- Zwei hoch dotierte Posten bei einem renommierten Großkonzern mitten im Ruhrgebiet und noch immer keine Kandidaten in Sicht. Seit rund zwei Monaten läuft die Suche nach neuen Chefs für Aufsichtsrat und Vorstand bei Thyssenkrupp. In Medienberichten wird bereits über reihenweise Absagen spekuliert. Auch nach einer vor wenigen Tagen angesetzten Aufsichtsratssitzung konnte der Öffentlichkeit kein Kandidat präsentiert werden.

Zuvor hatten Vorstandschef Heinrich Hiesinger und Aufsichtsratschef Ulrich Lehner kurz hintereinander ihre Jobs überraschend hingeworfen. Mit dem früheren Telekom-Chef René Obermann hat unterdessen ein weiterer Aufseher das Kontrollgremium verlassen.

«Der Job, den keiner will», schrieb etwa das Handelsblatt. Jedes neue «Nein» erhöhe den Frust. «Wer will sich ohne Not da hinein begeben?», zitierte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) einen Experten, der auch gleich möglichen Bewerbern dringend von dem Job abriet. «Wenn Hiesinger das nicht geschafft hat, wer soll es dann schaffen?», hieß es aus Branchenkreisen.

Nach Einschätzung von Personalberater Wolfram Tröger wartet auf die Kandidaten derzeit tatsächlich eine Art «Feuerstuhl». Noch sei in dem in eine Führungskrise geratenen Konzern keine ausreichend starke Persönlichkeit in Sicht, die in der Lage sei, die Interessen innerhalb der Gesellschafter zu ordnen, so der Chef der Frankfurter Personalberatung Tröger & Cie und Vorsitzende des Fachverbands Personalberatung im Bundesverband Deutscher Unternehmensberater. Im Zweifelsfall könne jedoch auch ein Sanierer antreten. Realistischerweise müsse man für die Neubesetzung derartiger Chefposten jedoch einen Zeitraum zwischen zwei und vier Monaten einplanen, sagte Tröger. Fraglich sei nur, ob bislang die Zeit sinnvoll genutzt worden sei.

Doch die aktuellen Probleme dulden eigentlich keinen Aufschub: Noch immer leidet der Essener Konzern an den Folgen einer milliardenschweren Fehlinvestition. Als Sorgenkind gilt die schwächelnde Sparte Anlagenbau und auch die kurz vor seinem Abgang noch von Hiesinger eingefädelte Stahlfusion mit Tata ist noch nicht vollzogen. Weil der als Interimschef eingesetzte langjährige Finanzchef Guido Kerkhoff kein Mandat für eine neue Strategie hat, bleibt die wichtige Neuordnung in der Warteschleife.

Unterdessen macht sich auch an der Börse Ungeduld breit. Analysten etwa von der Bank Credit Suisse bezeichneten die Neubesetzungen als «Kernfrage» des Unternehmens. Klarheit über die weitere Strategie könne erst nach der Lösung der Personalfrage erzielt werden, hieß es bei anderen Analysten. Der Druck aller Beteiligten habe zugenommen, stelle Holger Fechner von der Nord LB fest.

Eine gewichtige Rolle im Streit spielt neben der Krupp-Stiftung dabei Großaktionär Cevian, der zuvor monatelang Druck auf das Management ausgeübt hatte und einen schnelleren und radikalen Umbau des Konzerns fordert - auch öffentlich. Und die Schwäche von Thyssenkrupp hat auch den aktivistischen Hedgefonds Elliott des US-Milliardärs Paul Singer auf den Plan gerufen, der sich bei dem Konzern einkaufte und als erstes ebenfalls Forderungen nach einem Umbau vorlegte.

Solche Fonds sind dabei in der Regel nicht zimperlich in ihrem Vorgehen. Nur wenige Tag vor seinem überraschenden Rückzug etwa hatte Lehner mit Psychoterror-Vorwürfen gegen nicht näher genannte Aktionäre für Aufsehen gesorgt. Der Anteil von Elliott an Thyssenkrupp ist dabei eher klein - im Gegensatz zum Großinvestor Cevian ist der Hedgefonds nur mit weniger als drei Prozent an Thyssenkrupp beteiligt.

Die Strategie gerade solcher Hedgefonds wie Elliott ist dabei offensichtlich. Sie kaufen sich in Unternehmen ein, bei denen sie Schwachstellen sehen und die an der Börse unterbewertet sind. Dort versuchen sie dann, die Unternehmen umzukrempeln, um später mit Gewinnen wieder auszusteigen.

Beide Manager hatten auf Differenzen im Aktionärskreis des um eine neue Strategie ringenden Unternehmens hingewiesen - und sich seitdem öffentlich nicht mehr zu Wort gemeldet. Schnell ins Visier der Schuldzuweisungen geraten war auch die Chefin der Krupp-Stiftung, Ursula Gather, die die Vorwürfe prompt zurückwies. Im Umfeld des Unternehmens war zuvor über Differenzen mit der Chefin der mit 21 Prozent wichtigsten Großaktionärin spekuliert worden.

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