Beziehungen

Was sind Beziehungen? Zufällig eingegangen und jederzeit wieder zu lösen? Liebe oder eher Sex? Es gibt so viele Beziehungen, wie es verschiedenartige Praktiken beim Sex gibt. Einige dauern Tage, andere Monate oder Jahre. Mal hat man einen, manchmal sind es zwei oder gar drei Menschen, denen man sich nahe fühlt. Eine Beziehung scheint so etwas zu sein wie ein Lotteriespiel.

Wir können auswürfeln, wen wir heute Abend treffen wollen. Und was ist mit der Liebe? Natürlich, die gibt es auch. Sie kommt unerwartet, schlägt ein wie ein Blitz. Sie kann zur Hochzeit führen, zur Familie und ist immer noch der Normalfall. Andererseits nimmt die Zahl der Singles zu. Ziel: Spaß haben, ohne Verantwortung übernehmen zu müssen. Und dann wird man irgendwann alt, weniger attraktiv und sehr einsam. Das ist ein Problem, das junge Leute nicht kennen. Noch geht es doch um Lebensfreude, um Spaß und Vergnügen. „Schau mal, der Typ da drüben. Der sieht doch super aus. Den angel ich mir.“ Hat geklappt. Leider war er heute nicht mehr erreichbar. Falsche Telefonnummer. Kein Problem. Morgen gehen wir wieder auf die Jagd. Solange das Leben ein Riesenrad ist, das immer wieder auf und ab rotiert, haben wir nicht die geringsten Probleme. Aber wenn es dann – mitten in der Luft – stoppt, sind häufig Depressionen vorprogrammiert. Irgendwann zwischen vierzig und fünfzig Jahren ist die Situation erreicht, wo man sich darüber entscheiden muss, wie das Leben weiter gehen soll, die sogenannte „midlife crisis“. Hinzu kommen in dieser Zeit häufig Krankheiten, die mehr oder weniger unser Leben beeinflussen. Ich habe auch einen neuen Freund bekommen. Er hat vier Beine und nennt sich Gehhilfe oder Walking-Frame. Auf die Straße wage ich mich damit noch nicht, aber in meiner Wohnung bin ich damit beweglich und sogar fast beschwerdefrei, obwohl beide Hüften schwer beschädigt sind. Andere Leute haben viel größere Probleme, und ich habe keinen Grund, mich zu beklagen. Außerdem habe ich gute Freunde, die dafür sorgen, dass es mir an nichts fehlt. Ich weiß natürlich nicht, wie es weiter geht. Aber ich bleibe optimistisch. Ich weiß um meine Endlichkeit, habe alles vorbereitet, was man dafür vorbereiten kann und lebe völlig angstfrei.

Immer wieder wenden Freunde sich an mich, die Angst vor dem Tod haben. Ich versuche ihnen diese Furcht zu nehmen, indem ich ihnen sage, dass vor ihnen eine Zeit liegt, die weder Angst noch Stress kennt, sondern nur traumlosen Schlaf und Frieden. Ich weiß nicht, warum so viele Menschen sich vor dem Tod fürchten. Er gehört doch wie die Geburt zum Leben. Chris­ten haben ihren Glauben an das ewige Leben im Paradies. Ich glaube an das ewige Ende und habe damit kein Problem. Gerne denke ich zurück an die Vergangenheit, die düster begann, aber dann aufblühte zu einer unerwarteten Karriere. Ich bin dankbar für alles was mir passiert ist – obwohl ich natürlich auch einiges dazu beigetragen habe. Aber alles was ich tat war letztlich nur Hobby. Deshalb habe ich in den letzten fünfzig Jahren eigentlich nie gearbeitet. Alles war Spaß, alles war Freude, und wenn mal ein Malheur passierte, was natürlich nicht ausbleiben konnte, dann wurde auch das irgendwie gelöst.

Reich bin ich dadurch nicht geworden, aber das war auch nie mein Ziel. Ich habe sparsam gelebt, hatte nie ein Auto, aber das brauchte ich auch nicht, weil mein Arbeitsplatz sich vierzig Jahre auf der anderen Straßenseite befand. Nach wie vor pflege ich meine Freundschaften in Deutschland, freue mich über jeden Besuch, auch wenn ich dabei manchmal denke, das war wohl das letzte Beisammensein. Demnächst erwarte ich meine „Wahlfamilie“ mit Sohn, Schwiegertochter und Enkeln. Die Wohnung ist groß genug, denn mein Lebenspartner lebt schon seit Jahren glücklich in einem Mainzer Pflegeheim für Alzheimer-Patienten. Als ich ihn zuletzt besuchte, wie regelmäßig in den letzten Jahren, wusste er meinen Namen nicht mehr. Aber wir waren uns vertraut und hatten zusammen eine gute Zeit. Wenn ich ein Fazit ziehen sollte, dann weiß ich, dass ich keinem Menschen etwas genommen habe, was er braucht. Und ich weiß, dass ich jedem Menschen gegeben habe, was er braucht, wenn ich es denn erwirtschaften konnte. Und eines weiß ich ganz sicher: Ich habe nicht umsonst gelebt.

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Thomas Knauer 26.08.19 20:44
gut beschrieben, ja wenn wir so leben und diese Philosophie verinnerlicht haben werden wir einen gutes Leben führen das in einem guten Tod endet. Ob es endet oder nicht werden wir alle erfahren, keine Energie verschwindet jemals. Wenn wir die Chance haben alt zu werden, was sicher nichts für Feiglinge ist, werden wir auch den Tod als Freund gewinnen.
Norbert Schettler 25.08.19 21:41
@Ce-eff
Genau mit dieser Philosphie bin ich bisher gut durchs Leben gekommen, immer (nun gut, fast immer) positiv denken. Dann verschwindet auch die Angst vor dem Tod irgendwann.
Johannes Schulte 25.08.19 18:51
Der Himmel
ist die Ruhe, wenn man alles erldigt hat. Die Hoelle ist es mit offenen Geschichten zu sterben. Viel Wahres was Sie geschreiben haben. Ich muss noch ein paar Dinge erledigen.