Beauty and the Beast

Als Notre Dame brannte, war Victor Hugos „Glöckner von der Notre Dame“ wieder in aller Munde. Es geht in dieser berührenden Geschichte um einen Mann, der unförmig und verwachsen ist, sein Leben im Glo­ckenturm der Kathedrale verbringt und sich in eine junge Frau verliebt - eine Variante von „Beauty and the Beast“.

Eine weitere Variante davon erzählt der Alltag in Hua Hin ohne Worte, an kongenialen Figuren mangelt es auch nicht. Sitzt man in einem Café, kann man sie reihenweise vorbeidefilieren sehen. Es sind bejahrte Schwergewichte, die mit wiegendem Schritt und rhythmisch wabbelndem Bauch durch die Kaufhallen pflügen.

Beauty im Windschatten

Und sie sind nicht allein, die „Beauty“ folgt in ihrem Windschatten, halb so groß und federleicht, was bei beiden das Erscheinungsbild akzentuiert: Sie wirkt im Kontrast noch zierlicher und er noch ungeschlachter, was ihm aber ziemlich Wurst zu sein scheint, von ihr aber bestimmt mehr oder weniger bewusst wahrgenommen wird, dafür ist sie zu sehr Frau. Übrigens kann man an der Distanz, die sie im Gleichschritt wahren, abschätzen, wie lange die Beziehung schon besteht: Ist sie noch jung, geht er einen Schritt voran, ist sie schon ein wenig gereift, geht sie auf seiner Höhe, ist sie routiniert, geht sie voraus und er trottet ihr nach, als würde er an einer unsichtbaren Leine geführt.

Mit dem schmeichelhaften Erscheinungsbild ist für sie aber wenig gewonnen, es darf ein bisschen mehr sein. Seine pekuniären Verhältnisse dürfen sein physisches Auftreten gerne spiegeln, so dass sie sein nächtliches Schnarchen durch alle Dielen hindurch als Musik empfindet, genau wie die Geräusche, die ein ATM bei der Verarbeitung macht, bevor er die Scheine ausspuckt.

Bloß ein schnöder Deal?

Das hört sich nach einem Deal an: Schnöder Mammon von ihm, gegen charmante Zuwendung von ihr. Das muss aber nicht heißen, dass keine gegenseitige Sympathie im Spiel wäre. Der Glöckner kann wie sein literarisches Vorbild freundlich und liebenswürdig sein, Altersmilde macht zusätzlich nachsichtig und umgänglich. Die Vita dieser Männer ist oft geprägt von schweren Schicksalsschlägen und einem harten Lebenskampf.

Nehmen wir Josef, einen ehemaligen Dachdecker. Er ist vierzig Jahre auf den Dächern Württembergs herumgekraxelt, bis er vor lauter Schmerzen den Rücken nicht mehr spürte. Oder Köbi, ein Schweizer „Blättlilegger“, er ist Zeit seines professionellen Lebens auf den Knien durch tausend Küchen und Bäder gerutscht. Jede Bewegung schmerzt ihn, er leidet an Arthritis und schluckt gegen allerlei Gebrechen Pillen wie andere Leute Frühstücksflocken.

Beide haben noch etwas gemeinsam: Sie kamen nach der Pensionierung und Scheidung nach Thailand, um hier den Ruhestand zu genießen. Es ist naheliegend, dass sie nicht die Absicht hatten, zuhause zu sitzen und vor dem TV „Maulaffen feilzuhalten“. In der nächsten Bar fand sich bereitwillige, weibliche Gesellschaft, die geneigt war, den Ruhestand der Männer ein bisschen zu versüßen und sie so lange zu bemuttern und abzufüttern, bis sie nun sind, wie sie aussehen: „Glöckner von der Phetkasem“.

Und die Damen? Sie gehören meist zu den älteren Semestern – die Jungen sind in Pattaya – haben oft ein bis zwei Kinder im Isaan bei den Großeltern zurückgelassen und sind dem Clan verpflichtet, der ihnen zwar keine höhere Berufsbildung in der Jugendzeit ermöglichte, aber jetzt trotzdem Unterstützung erwartet. Das verschafft ihnen zwar ein gewisses Ansehen, erhöht aber im Alltag den Druck, Geld um jeden Preis zu beschaffen. Ein Preis dafür ist das Leben an der Seite eines Glöckners. Die Alternative dazu wäre, für 300 Baht in einer Büchsenfabrik zu arbeiten oder in  einem Textilschuppen bei schlechtem Licht irgendwelche Klamotten im Akkord zusammenzunähen.

Leben im Kolosseum

Nun ist es aber so, dass das Angebot an Glöcknern knapp ist und der Markt auch hier spielt. Die Bar wird zum Schauplatz eines Konkurrenzkampfes, bei dem nicht unbedingt die Attraktivste den Koloss abschleppt, sondern jene, die am meisten Erfahrung hat und vielleicht schon ein paar Wohngemeinschaften in einem Kolosseum hinter sich hat.

Sie weiß am besten, wo es bei den Männern brennt. Vielleicht flackert es noch ein bisschen in der Hose, aber das gibt sich dann auch noch – ein Migräneanfall kommt da wie gerufen. Nein, die Männer suchen eine Nurse, eine Krankenschwester, die ihr Rentnerleben organisiert, kocht, putzt und wäscht, den Behördenkram auf Thai erledigt und sich vielleicht noch zu ihnen legt, wenn sie eingeschlafen sind. Weder Nurse noch Krankenschwester oder Therapeutin bilden diese Tätigkeit umfassend ab. Wie wär‘s mit: „Glöcknerfachfrau“?


​Über den Autor

Khun Resjek lebt mit seiner thailändischen Frau und Tochter in Hua Hin. Seine Kolumne „Thailand Mon Amour“ illustriert auf humorvolle Weise den Alltag im „Land des Lächelns“ aus der Sicht eines Farang und weist mit Augenzwinkern auf das Spannungsfeld der kulturellen Unterschiede und Ansichten hin, die sich im Familienalltag ergeben. Ein Clash der Kulturen der heiteren Art, witzig und prägnant auf den Punkt gebracht.

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Jan-Christian Severin 02.08.20 19:45
The Beauty & the beast
Sehr treffend geschildert. In der Abwesendheit von gesetzlichen Schutz-und Rahmenbedingungen für die Thai Frau und die gemeinsamen Kinder, wenn der Thai Ehemann ohne geldliche Verpflichtungen bzgl Unterhalt und Kinder-/Schulgeld u.a. sich auf und davon macht.... oftmals ein neuer Thai Ehemann oder Freund ungern Kinder eines früheren Thai Ehemann anerkennt, bleibt oftmals nur der Farang. Das muss jeder Ausländer wissen, der sich auf einen solchen „Deal“ einlässt, dass er oftmals für die gesamte Familie inklusive Eltern, Geschwister usw finanziell herhalten muss. Das wird so nüchtern es klinkt natürlich so nicht gern von der Thai Freundin gehört, aber wenn man es nicht tut, dann liebt man sie halt nicht genug...