Bangkok - Hua Hin per Bahn

Auto oder Bus? Womit ist die Reise von Bangkok nach Hua Hin auf der Asphalt-Achterbahn langweiliger? Zu Beginn gehts stundenlang im „stop and go“ durch die Betonwüste der Megacity.

Zur Abwechslung führst du dir ein paar Sehenswürdigkeiten am Wegrand zu Gemüte: Raststätten-Toiletten und betonierte Krämerschachteln, die vollgestopft mit 7-Eleven-Plunder sind. Dann gehts weiter in der Blechlawine und du beschwerst dich, obwohl du selbst ein Teil davon bist, dabei gäbe es eine tolle Alternative. Sie gefährdet zwar ein bisschen das Leben, aber vor allem die Langeweile: eine Bahnfahrt. Ich habe sie zusammen mit Frau und Kind unternommen und hier ist das Ergebnis. Es wird zweifelsohne einen Boom auslösen.

Ankunft im Bahnhof Hua Lampong in Bangkok am frühen Morgen. Die Bahnhofshalle sieht einem friedlichen Heerlager ähnlich. Auf den Bänken hat sich ein buntes Publikum, halb sitzend, halb liegend, breitgemacht: Backpackers neben Soldaten, verhüllte Muslimas, Männer mit Rauschebärten bis zur Brust, Mönche in safrangelben Kutten, chinesische Touristen, die sich unentwegt fotografieren und eine Gruppe Jugendlicher in Scout-Uniformen, die sich auf dem Boden niedergelassen hat. Gleichzeitig fällt auf, wer nicht da ist: Businessleute in Anzügen, Frauen in Deux Pièces mit Handtäschchen und High Heels, höheres Militär, der Geldadel und mit Sicherheit die Mafia. Fazit: Die Halle ist ein Sammelbecken für Leute, die gerade genug Mittel haben, um von A nach B zu kommen.

Ein babylonisches Stimmengewirr

Es herrscht ein verhaltenes babylonisches Stimmengewirr, ein gedämpftes, aber stetes Raunen, das hin und wieder brutal von einem blechern scheppernden Lautsprecher mit Durchsagen überlagert wird. Fliegende Händler verbreiten einen Hauch Jahrmarktstimmung.

„Do not seat on the roof!“

Wir machen uns auf zum Bahnsteig, auf welchem Waggons stehen, wie man sie sonst nur noch in Museen sieht. Wir kämpfen uns eine enge Metalltreppe hoch in die Holzklasse, die tatsächlich noch aus Holz ist. Beim Vorübergehen bemerke ich ein Schild an der Türe: „Please do not sit on the stairs and on the roof!“ Als wir uns gesetzt hatten, wusste ich auch warum. Die Sitze waren beinhart, auf dem Dach wäre es gemütlicher gewesen, man hätte sich dort ausstrecken und vom Fahrtwind umwehen lassen können. Aber verboten ist verboten.

Dann der nächste Schock: Ein Stoß geht durch den Zug, gefolgt von einem Ruck in die Gegenrichtung. Ist das der Auftakt zu einem fahrplanmäßigen Start? Das wäre fatal und widerspräche der thailändischen Lebenskunst nach dem Motto: Pünktlichkeit ist eine Plage, Gelassenheit die wahre Gabe. Doch Hoppla: Der Zug verlässt den Bahnhof quietschend, knarrend und stöhnend wie ein arthritischer Tatzelwurm. Er gewinnt aber rasch an Fahrt und durchpflügt die Vororte von Bangkok bald mit ungestümer Kraft. Die Fenster sind ausnahmslos alle weit geöffnet, die kühle Luft wirkt erfrischend und beflügelt unsere Zuversicht: alles wird gut.

Beim ersten Halt eine halbe Stunde später, stürmen fliegende Händlerinnen herein. Sie tragen Snacks und frische Früchte appetitlich verpackt auf Tabletts. Am Ende huscht noch ein Wasserträger vorbei, den Kopf rasch nach links und rechts gewendet, um Kauflus­tige zu erkennen. Er hat zur Vorbereitung wohl ein paar Tennismatches gesehen. Der Auftritt der Händler war perfekt inszeniert und minutiös auf die wenigen Minuten Aufenthalt abgestimmt. Kaum setzt sich der Zug wieder in Bewegung, ist der Spuk vorbei, um sich bei der nächsten Station zu wiederholen.

Das Landschaftsbild hat sich verändert. Der Wagen schaukelt mit wechselnder Geschwindigkeit durch weite, tiefgrüne Reisfelder, fährt mitten durch ausgedehnte Palmenwälder und zerteilt kleine, abgeschiedene Dörfer, in denen verwaiste Miniaturbahnhöfe stehen, die sogar von unserem Bummelzug ignoriert werden. Die Sonne steht jetzt über dem Horizont, das grelle Licht leuchtet bis in die hinterste Ecke des Waggons und spiegelt sich in den Augen der Reisenden. In der Ferne sieht man hin und wieder den Highway wie ein graues Band in der Landschaft, auf welchem Trucks mit wehenden Blachen vorbeifliegen. Ein Gegensatz wie Tag und Nacht.

Bei einem weiteren Halt steigt eine Greisin zu, die sich uns gegenübersetzt. Sie ist aber nicht allein, sie hält ein Huhn auf dem Arm, das neugierig um sich blickt. Sie lächelt unentwegt zahnlos und murmelt hin und wieder etwas vor sich hin. Später taucht auch noch ein Mönch auf, er setzt sich auf der anderen Waggonseite und beginnt mit geschlossenen Augen leise, aber vernehmlich zu beten.

Die Toilette ist ein einzigartiges Abenteuer. Sie hat die Größe einer Telefonzelle, einfach mit einem Loch darin, durch welches man auf die Bahntrasse blickt. Es braucht gewisse athletische Fähigkeiten, um damit zurande zu kommen. Ich torkle wie ein betrunkener Matrose bei schwerer See in der Kabine herum. Gibt es irgendwo eine versteckte Kamera? Das wäre dann der perfekte Shitstorm auf YouTube.

Ich wollt', ich wär' ein Huhn

Zurück im Abteil ist mein Platz besetzt. Die Greisin hat dort dem Huhn Auslauf gewährt, also bleibe ich stehen und lehne mich aus dem Fenster, das Gesicht dem Fahrtwind entgegen. Erinnerungen an Schulreisen werden wach. Dann sind sie plötzlich da: Unbekannte Flugobjekte in rauen Mengen. Doch bald wird klar, sie sind sehr irdischer Herkunft: Joghurtbecher, Styroporschalen und Plastikflaschen fliegen mir um die Ohren. Die Böschungen des Bahndamms sind zugemüllt. Plastiktaschen hängen in den Sträuchern wie Weihnachtsdekorationen.

Schon meilenweit vor Hua Hin verlangsamt der Zug die Fahrt und dümpelt eine gute Stunde vor sich hin, bis er am Märchenbahnhof ankommt. Als wir aussteigen, gackert das Huhn aufgeregt herum, vielleicht hat es noch ein Ei gelegt, als Platzmiete sozusagen.


​Über den Autor

Khun Resjek lebt mit seiner thailändischen Frau und Tochter in Hua Hin. Seine Kolumne „Thailand Mon Amour“ illustriert auf humorvolle Weise den Alltag im „Land des Lächelns“ aus der Sicht eines Farang und weist mit Augenzwinkern auf das Spannungsfeld der kulturellen Unterschiede und Ansichten hin, die sich im Familienalltag ergeben. Ein Clash der Kulturen der heiteren Art, witzig und prägnant auf den Punkt gebracht.

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Kurt 28.10.19 13:16
Super geschrieben und sehr unterhaltsam zu lesen, ich kann mich HR. JOHANN MUELLER nur voll und ganz anschliessen. Weiter so, ich warte schon auf die naechsten Berichte.
Norbert Schettler 25.10.19 11:44
Mit der Eisenbahn
Wenn man es noch nicht gemacht hat, ok., ein Erlebnis und Abenteuer auf jeden Fall. Bkk-Hua Hin dauert aber um die 4 Stunden und da ist mir der Airport Bus inzwischen lieber. Auch wenn die ersten Kilometer nicht so nett sind wegen dem Stau. Aber nach 2 1/2 Stunden ist man da und keinesfalls verschwitzt und muede. Denn frische kuehle Luft in diesem Zug ist m.E. leicht uebertrieben. Ich fahre gerne mit der Bahn, aber 3. Klasse nicht mehr, die Zeiten habe ich als Backpacker schon laenger hinter mir. Im Liegewagen von Bkk nach Ubon oder Surathani immer wieder mal, besser als jeder Bus und wenn man Zeit hat auf jeden Fall eine Alternative zum Flieger.
JOHANN MUELLER 25.10.19 10:05
Gut geschrieben !
Auch ich gratuliere Hr. Khun Resjek zu diesem tollen Artikel. Sehr unterhaltsam, diese schreibweise gefaellt mir sehr. Werde naechstens mal diese Zugreise buchen und freue mich jetzt schon darauf.
Thomas Knauer 24.10.19 21:23
Fahre immer wieder mal mit der Bahn, immer 3.Klasse und nie im Schlafwagen. Immer ein Erlebnis, im obigen Bericht blumig und ausschweifend sowie unterhaltsam beschrieben. Eine Freude ihn zu lesen
Songran Raktin 21.10.19 22:04
Wir fahren, teilweise mit unseren Besuchern, 1-2 mal im Jahr, mit der Bahn eine Kurzstrecke von ca. 1 Stunde Reisezeit. Immer wieder ein tolles Erlebnis und Abenteuer.....