Ausländische Internet-Firmen greifen deutsches Lotto an

Foto: epa/Peter Steffen
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KOBLENZ/HAMBURG/GIBRALTAR (dpa) - Neu gegen Alt: Der traditionelle staatliche Lottomarkt schrumpft, die junge Online-Konkurrenz attackiert ihn munter vom Ausland aus. Womöglich landet der Streit vor dem höchsten EU-Gericht.

Ein «neues, innovatives Online-Lotto-Erlebnis» verspricht Lottoland. Bequem unterwegs mit dem Handy etwa bei 6 aus 49 seine Kreuzchen machen, sofort und sicher über Gewinne informiert werden und Geld kassieren, damit wirbt das Unternehmen in der britischen Exklave Gibraltar am Südzipfel Spaniens. Ausländische Online-Unternehmen wie Lottoland und Zeal Network aus London (Tipp24) haben auch die spanische Weihnachtslotterie «El Gordo» (Der Dicke) mit einer Ausschüttung von insgesamt fast 2,4 Milliarden Euro Gewinn in Deutschland vermittelt.

Sie wetten einfach auf die Gewinnzahlen traditioneller Lotterien. Tippt ein Spieler etwa auf der Internetseite von Lottoland die Zahlen des deutschen Klassikers 6 aus 49, verspricht das Unternehmen genau den gleichen Gewinn. Zur Lottoannahmestelle laufen, Gewinnzahlen vergleichen, Spielschein verlieren - alles Vergangenheit.

Die staatlich gelenkten traditionellen Lotterien der Bundesländer sind erbost. Sie halten Lottoland und Co. mit ausländischen Lizenzen für illegal, zudem seien deren Gewinne nicht garantiert. Sie pochen auf das staatliche Glücksspielmonopol und beklagen Millionenverluste. Ausländische Online-Lotterien schädigen laut dem rheinland-pfälzischen Lottochef Jürgen Häfner in Deutschland das Gemeinwohl, «da keine Steuern und Abgaben gezahlt werden».

Die jungen Internet-Unternehmen weisen die Vorwürfe zurück. «Sehr wohl wird den steuerlichen Verpflichtungen in Deutschland nachgekommen», sagt Lottoland-Anwalt Bernd Berberich in München. «Die Gewinne sind komplett versichert und damit garantiert.» Die Online-Wettbüros berufen sich auf die EU-Dienstleistungsfreiheit. Das jahrhundertealte deutsche Lotteriemonopol sei anachronistisch.

Längst ist der Streit vor Gericht gelandet, beispielsweise kürzlich vor dem Landgericht Koblenz. Berberich kündigt an, notfalls bis zum Europäischen Gerichtshof (EuGH) in Luxemburg zu ziehen. Hintergrund: Der staatliche Lotteriemarkt in Deutschland schrumpft seit Jahren. Die Bundesländer ringen seit langem um eine Reform seiner Kontrolle.

Der Geschäftsführer von Lotto Hamburg, Torsten Meinberg, kritisiert: «Illegale Wetten auf Lotterien haben dem gemeinwohlorientierten Angebot des Deutschen Lotto- und Totoblocks (DLTB) und auch den lizenzierten, gewerblichen Spielevermittlern erheblichen Schaden zugefügt.» Rund 200 bis 250 Millionen Euro entgingen so jährlich den Ländern sowie gemeinnützigen Organisationen.

Lotto Hamburg ist noch bis Ende 2018 federführende Gesellschaft im DLTB. Laut Michael Heinrich, ebenfalls Hamburger Lotto-Geschäftsführer, kassierte der DLTB 2017 rund 7,05 Milliarden Euro an Spieleinsätzen. Davon schüttete er etwa die Hälfte als Gewinn aus. Rund 17 Prozent flossen als Lotteriesteuer in die Landeshaushalte, mit etwa 23 Prozent unterstützten die Länder Soziales, Kultur, Umwelt und Sport. 12 Prozent flossen zu etwa gleichen Teilen in die Verwaltung der Landeslottogesellschaften und als Provision an die Annahmestellen und Vertriebspartner.

Das Landgericht Koblenz hat nach einer Klage von Lotto Rheinland-Pfalz einer Lottoland-Tochter mangels Lizenz einen Riegel hierzulande vorgeschoben: Online-Glücksspiel sei schnell, bequem und immer möglich, doch es fehle die soziale Kontrolle - das anonyme und isolierte Spielen begünstige die Entwicklung von Spielsucht. Lottoland hat laut Anwalt Berberich Berufung gegen dieses Urteil eingelegt. Bundesweit versuchen nach Berberichs Worten Lottoland-Gesellschaften in etwa einem Dutzend Antragsverfahren, eine hiesige Lottolizenz zu erstreiten.

Lottoland ist laut Berberich kompromissbereit und regulierungswillig: «Unsere Mandantin wäre dazu bereit, in Deutschland gegen eine Provision für DLTB-Produkte nur noch als Spielevermittler aufzutreten.» Sie würde also keine Wetten auf traditionelle deutsche Lotterie-Angebote mehr annehmen, im Gegenzug aber die Erlaubnis fordern, hierzulande Wetten auf ausländische Lotterien organisieren zu dürfen. «Mit dieser Lösung könnten die staatlichen Lotterien einen Großteil der Umsätze, die aktuell ins Ausland fließen, im Land behalten – inklusiver aller Steuereinnahmen», sagt der Jurist.

Einen anderen Weg beschreitet der Londoner Online-Lottoanbieter Zeal Network (Tipp24): Er will den Hamburger Konkurrenten Lotto24 übernehmen. Dieser ist zugelassener Vermittler von Spielscheinen von Kunden an die Lottogesellschaften und kassiert dafür Provisionen.

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Della Valle Stefan 28/12/2018 10:43
Lottostreit
Es ist wie immer : Das Bessere ist der Feind des Guten .