Ausbau, Umbau, Neubau?

Nachbarn sollen in Großbritannien abstimmen

Das Parlament in London. Foto: epa/Andy Rain
Das Parlament in London. Foto: epa/Andy Rain

LONDON: Die britische Regierung plant straßenweise Abstimmungen über die Gestaltung von Häusern. Davon erhoffen sich die Konservativen angesichts des Immobilienstaus mehr Unterstützung für Bauprojekte. Doch nicht alle Tories sehen in dem Vorhaben einen Sinn.

Wie soll das neue Haus aussehen, bekommt eine Immobilie einen Ausbau? Über solche und ähnliche Fragen sollen in Großbritannien künftig Nachbarn entscheiden.

Vorschläge des Bauministeriums in London sehen vor, dass Anwohnerinnen und Anwohner straßenweise abstimmen, ob geplante Projekte voranschreiten dürfen. Dazu gehören auch Fragen wie Stil und Größe von Erweiterungen sowie Umgestaltungen in ihrer Straße. Das Vorhaben ist Teil eines Gesetzentwurfs, der am Dienstag von Prinz Charles in der Regierungserklärung («Queen's Speech») erwähnt wurde: «Das Planungssystem wird reformiert, um den Bewohnern eine stärkere Beteiligung an der lokalen Entwicklung zu ermöglichen.»

Die Opposition reagierte mit Spott. «Das gesamte Königreich leidet unter einer Lebenshaltungskostenkrise», sagte der Abgeordnete Pete Wishart von der Schottischen Nationalpartei (SNP) am Donnerstag im Parlament. «Doch die Priorität dieser Regierung ist es, den Menschen das Recht zu geben, sich über das Gartenhaus eines Nachbarn in England zu beschweren.» Selbst Mitglieder der Konservativen Partei von Premierminister Boris Johnson äußerten Unverständnis.

«Absoluter Wahnsinn», tobte der Tory-Abgeordnete Huw Merriman. «Was kommt als nächstes: «Ich verbiete die Farbe Ihrer Haustür oder Ihr Auto in der Einfahrt»?» Die «aufstrebende Partei», der er einst unter Ex-Premierministerin Margaret Thatcher beigetreten sei, habe nie «hart arbeitenden Menschen» nur aufgrund des «Neids der Nachbarn» die Chance verweigert, ihre Häuser zu verbessern, twitterte Merriman.

Das Bauministerium beeilte sich klarzustellen, dass es nicht darum gehe, Projekte zu blockieren oder zu genehmigen. Vielmehr hoffe Ressortchef Michael Gove auf mehr Unterstützung für eine intensivere Entwicklung von Baugebieten. Hausbesitzern werde ermöglicht, ihre Immobilien zu verbessern und damit deren Wert erheblich zu steigern.

Gove hatte eingeräumt, dass die Regierung ihr Ziel verfehlen werde, jährlich 300.000 Wohnungen zu bauen. Während der Corona-Pandemie waren die Immobilienpreise bereits deutlich gestiegen. Nun erschwert die explodierende Inflation es Menschen, Häuser und Wohnungen zu kaufen. «Unter den Konservativen ist Wohnen weniger erschwinglich geworden, die Ausgaben für Mieten sind in die Höhe geschossen, und die Wohneigentumsquote ist zurückgegangen», kritisierte Lisa Nandy von der Labour-Partei. «All dies erhöht den Druck auf Familien.»

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