Großbritannien und die Pandemie

Aus dem Chaos zum Musterschüler

Ein Pub bereitet sich darauf vor, seinen Garten zu öffnen, nachdem das Coronavirus COVID-19 monatelang in London eingeschlossen war. Foto: epa/Andy Rain
Ein Pub bereitet sich darauf vor, seinen Garten zu öffnen, nachdem das Coronavirus COVID-19 monatelang in London eingeschlossen war. Foto: epa/Andy Rain

LONDON: Mit knapp 150.000 Toten ist Großbritannien noch immer eines der am schwersten von der Pandemie getroffenen Länder. Doch seit einigen Wochen scheint vieles richtig zu laufen. Eine Bestandsaufnahme aus einem Land, das seine Lektionen gelernt zu haben scheint.

Pub-Besitzer in London rollen die ersten Fässer Richtung Zapfhahn und putzen ihre Sitzmöbel im Biergarten, Friseure vergeben Termine im Akkord und die Ferienwohnungen in Cornwall sind so gut wie ausgebucht. In England stehen die Zeichen auf Lockerung. Am 12. April öffnen unter anderem Biergärten, etliche Geschäfte und erste Unterkünfte. Währenddessen in Deutschland: Streit um Modellprojekte, Grübeln über Lockdowns und ihre Bezeichnungen, außerdem - viel, viel Frust.

Großbritannien zeigt, dass es anders geht. Aber Moment - Großbritannien!? War da nicht was? Spult man rund drei Monate zurück, schien undenkbar, dass der Chaot im Klassenzimmer der Pandemie einmal zum Musterschüler werden könnte. England, das war damals die Brutstätte einer gefürchteten ansteckenden Variante - ein Ort, vor dem sich die Welt kurz vor Weihnachten panisch abzuschotten versuchte. Ein Land mit einer verheerenden Todesbilanz von mittlerweile fast 150.000 Toten im Zusammenhang mit Corona und einer Regierung, die in Sachen Pandemiebekämpfung so ziemlich alles falsch gemacht hatte, was man nur falsch machen konnte. Was ist also passiert?

Die Antwort liegt nahe: Es wurde geimpft. So viel wie sonst fast nirgendwo, knapp die Hälfte der Bevölkerung hat mindestens eine erste Corona-Impfung hinter sich. Die ersehnte Herdenimmunität sei in greifbarer Nähe, jubelt bereits die erste regierungsnahe Zeitung. Der Erfolg der britischen Impfkampagne versetzt das Land in eine Situation, von der der Großteil der Welt bislang nur träumen kann. Doch das Impfen ist nur ein Teil der Antwort.

Zur Wahrheit gehört auch: Seit Monaten leben die Briten ohne viel Murren unter Maßnahmen, wie sie in Deutschland selbst in Zeiten des bis dato härtesten Lockdowns nicht galten: Über Monate hinweg durften die Menschen - bis auf wenige Ausnahmen - nicht eine einzige Person außerhalb des eigenen Haushalts treffen und sich auch nicht ohne triftigen Grund aus dem eigenen Viertel bewegen. «Bleibt zu Hause, schützt das Gesundheitssystem, rettet Leben», so das allgegenwärtige Mantra. Private Reisen ins Ausland sind seit Monaten strikt verboten.

Schottland, Wales und Nordirland, die ihre Corona-Maßnahmen unabhängig von London entscheiden, fahren einen ähnlich harten Kurs. Wer heute in Großbritannien wohnt, findet sich in der paradoxen Situation wieder, unter viel härteren Maßnahmen zu leben als etwa in Deutschland - und das bei einer deutlich entspannteren Infektionslage. Die Sieben-Tage-Inzidenz lag zuletzt bei 39 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in einer Woche. In Deutschland liegt dieser Wert derzeit über 100.

Spätestens nach dem katastrophalen Winter, in dessen dunklen Januarwochen man im besonders hart getroffenen London zu den Tönen von Krankenwagen-Sirenen aufwachte und wieder einschlief, scheint die konservative Regierung aus ihren Fehlern gelernt zu haben. Im Februar zeigte Premier Boris Johnson den Menschen in England seinen Weg aus dem Lockdown auf - und ist seither nicht davon abgewichen.

Offene Schulen seit März, Biergärten und Shoppen ab Mitte April, private Besuche und möglicherweise Reisen ab Mitte Mai, so sieht es der «vorsichtige, aber unwiderrufliche Weg» vor, den Johnson nicht müde wird zu betonen - und auf dessen Zwischenetappen er sich auch selbst offenbar freut. «Am Montag, den 12., werde ich selbst zu einem Pub gehen und vorsichtig, aber unwiderruflich, ein Bier an meine Lippen führen», ließ der Premier am Ostermontag wissen.

Der Lockerungsprozess endet am 21. Juni, an dem der Großteil aller Corona-Maßnahmen in England aufgehoben werden soll. Ein Datum, mit dem mittlerweile Textilfirmen für ihre Post-Lockdown-Outfits werben und Twitter-Accounts die Tage bis zur großen Freiheit zählen.

Das Bemerkenswerte: Der Großteil der Menschen macht mit. Bis auf ein paar hundert, die sich hin und wieder auf Anti-Lockdown-Demos versammeln, und einige illegale Partys von Jugendlichen, die die Polizei jedes Wochenende aufzulösen hat, hält sich der Widerstand in Grenzen. Vielleicht, weil es eine Perspektive gibt.

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