Amulette

Amulette
Amulette

Die thailändische Kultur ist geprägt vom Buddhismus, der quasi als Staatsreligion und als verbindendes Element fast aller Thais dient. Um die Alltagskultur zu verstehen, ist es aber wichtig den synkretistischen Charakter thailändischer Religiosität zu beachten, insbesondere die große Bedeutung des Animismus. Das zeigt sich vor allem beim Geisterglaubenund dem Glauben an die Kraft von Amuletten.

Zweifellos das populärste Objekt dieser Art ist ein an einer Kette um den Hals getragenes Buddha-Bildnis. Dieses kann aus Metall gegossen oder aus Holz geschnitzt, aus Harz oder Eisen sein, die meistgetragene Art besteht jedoch aus einer Mixtur aus verschiedenen Zutaten, die in einer Form gepreßt und dann gebacken wird.

Fast ebenso populär wie die Buddha-Bildnisse sind Medaillons, die auf der einen Seite das Gesicht von König Chulalongkorn, oder von besonders verehrungswürdigen Mönchen zeigen, am besten von einem Mönch, der berühmt ist für seine magischen Kräfte.

Wenn auch Laien die Herstellung dieser Figuren erlaubt ist, so liegt doch der Großteil der Produktion bei den Mönchen. Um solch ein Amulett zu erstellen, benötigt man außer der Form noch die erforderlichen Zutaten, die richtigen Zaubersprüche, ein heiliges Skript sowie magische Zeichnungen. Nicht selten besteht eines der Bestandteile aus der Asche bei der Verbrennung von handgeschriebenen Büchern des Klosters.

Jeder Thai trägt zumindest ein Amulett an einer Kette um den Hals. Die meisten tragen nur ein Amulett, man kann aber auch häufig Leute sehen, die mehrere Amulette, bis zu 20 und mehr um den Hals hängen haben. Je gefährlicher der Job ist (zum Beispiel LKW-Fahrer, Bauarbeiter auf schwankenden Gerüstkonstruktionen u.s.w.), um so mehr geben zusätzliche Amulette dem Träger ein Gefühl von Sicherheit. Im von Terroristen geplagten Süden des Landes gaben Offiziere unter Androhung von Bestrafung Befehle an Soldaten, daß bestimmte Amulette getragen werden müßten, Bei den meisten Autos und Bussen hängen ein oder mehrere Amulette über dem Innenrückspiegel.

Amulette mit einem Buddha-Bild oder Buddha-Statuen sind nicht irgendwelche Schmuck- oder Gebrauchsgegenstände, sondern religiöse Objekte, denen Respekt zukommt. Wenn ein Thai sein Amulett ablegt oder umhängt, wird er jedesmal mit dem Amulett in den gefalteten Händen einen Wai machen. Die Amulette sollen gegen alles Böse schützen oder auch einfach nur Glück bringen, sowohl in der Lotterie wie in der Liebe. Verschiedene Amulette haben unterschiedliche Kräfte. Einige schützen gegen Unfall, andere helfen gegen das Verlieren von Sachen, und manche machen den Träger auch attraktiv für Frauen. Vor allem aber verleihen sie allgemeines Wohlbefinden und halten böse Geister fern.

Amulettverkäufer findet man überall, an den Ecken der belebten Straßen, auf dem Markt, vor Tempeln, ja sogar im Computermekka, dem Panthip Building in Bangkok, gibt es neben mehr als hundert Computershops mit einem Riesenangebot an Original- und Copy- ware auch eine ganze Reihe von Ständen, die mit Amuletten aus Metall oder Ton in allen möglichen Größen und Ausführungen überladen sind. Auf Befragen gibt der Verkäufer gerne Rat und Auskunft, welches Amulett gegen was hilft.

Man sieht an diesen Ständen sachverständige Käufer, die die einzelnen Amulette mit einem Vergrößerungsglas prüfen und einschätzen. Der Wert der Amulette wird vom Alter, der Geschichte und dem Ruf des Tempels bestimmt, dem das Amulett entstammt. Wir sind in Thailand, und der Markt ist natürlich überschwemmt mit Kopien der wertvolleren Stücke. Es gibt auch eine ganze Reihe von Spezialmagazinen, die sich, wie bei uns die Magazine für Numismatiker und Philatelisten, nur mit Amuletten beschäftigen. Der Amulettmarkt ist einer der größten Märkte in Thailand, alleine in Bangkok wird der Umsatz an Amuletten auf ca. 10 Millionen Baht täglich geschätzt.

Die Preise solcher Amulette gehen von ein paar Baht bis zu mehreren tausend Baht. Besonders wertvolle Stücke - wertvoll nicht wegen des Materialpreises, sondern wegen der besonderen Wirkung die man diesen Exemplaren zuschreibt - werden auch mit Zehntausenden von Baht bezahlt. Manche Amulette die ihre wundertätige Kraft bewiesen haben, können sogar extrem wertvoll werden. Der Farang wird meist überfordert sein zu erkennen, warum ein Amulett kostbarer als das andere ist, aber die Thai-Experten erkennen an der Form und an dem auf der Rückseite jedes guten Amuletts angebrachtem Stempel, nicht nur aus welchem Tempel dieses Amulett stammt, sondern auch wann es geprägt wurde und wie hoch etwa sein aktueller Wert ist. Amulette aus Gold werden allerdings nur in Goldgeschäften gehandelt, hier handelt es sich auch nicht um echte, einem Tempel entstammende Amulette, sondern um reine Schmuckstücke, die auch nur ihren Goldwert haben.

Es gibt viele spekulative Geschäftsideen, die wie Blasen auftauchen. Eine davon ist der Handel mit religiösen Talismanen in Thailand. Gerüchte über die übernatürlichen Kräfte bestimmter Amulette verbreiten sich schnell im Land, Zeitungen und Fernsehen berichten davon. Neue Modelle werden geboren, wie zum Beispiel mit dem Namen "Superreich zum Himmel" oder "Ewiger Wohlstand", und die Händler zahlen Millionen in Baht, um in Zeitungen und im Fernsehen Werbung dafür zu schalten.

Spezialpressen produzieren Amulette mit heiligen Schnüren aus ganz speziellem Ton. Dann segnen bestimmte buddhistische Mönche die Amulette. Im letzten Jahr hat die thailändische Air-Force einen Tonblock mit Überschallgeschwindigkeit geflogen, um ihm eine besondere Kraft zu verleihen. Die Mönche erhalten eine Gebühr für das Segnen, aber den großen Reibach machten die Großhändler und Produzenten. Die Kasikornbank schätzte z.B. den Markt für Jatukam-Ramathep-Amulette zum Höhepunkt des Runs auf diese Stücke auf 1,5 Milliarden Baht. Bei dem Rummel um dieses neueste Zauberamulett könnte man meinen, es handle sich um den Verkauf eines Handys mit direkter Durchwahl zu Lord Buddha. Manche Kleriker in Thailand sagen allerdings, daß die Verrücktheit nach den Amuletten den wahren buddhistischen Lehren widerspräche.

In den Informationen für Besucher Thailands wird auch immer darauf hingewiesen, daß die Verbringung von antiken Buddha-Statuen außer Landes verboten ist. Der Grund dafür ist, daß man befürchtet, daß die Buddhas dort nicht mit dem schuldigen Respekt behandelt werden. Kleine Buddha-Amulette können von Touristen aber problemlos mitgenommen werden.

Der weit verbreitete Geisterglaube läßt die Menschen neu erworbenes technisches Gerät vor dem ersten Gebrauch segnen, damit keine Unfälle passieren können. Die thailändische Fluggesellschaft zum Beispiel lässt jedes neu in Betrieb gehende Flugzeug vor dem ersten Einsatz aussegnen. Auch wenn es nicht wirklicher Buddhismus ist, so kann doch auch der Privatmann sein Auto auf diese Weise schützen. Als wir ein Auto kauften, fuhren wir zuerst damit zum Tempel, wo ein Mönch mit einem Gemisch aus geweihtem Wasser und Kreide magische Zeichen an die Decke des Fahrerhauses malte, und ein Amulett über den Innenrückspiegel hängte. Am besten sollte man den Priester schon vor dem Kauf zu Rate ziehen und ihn den genauen Tag und die Stunde nennen zu lassen, um den günstigsten Termin zu finden, an dem das Auto zum ersten Mal nach Hause gebracht wird.

Günther Ruffert
Autor der Bücher:
(FA2008) Geschichten aus Thailand: Erschienen im Heller Verlag Taufkirchen (D)

Farang in Thailand: Erschienen im Heller Verlag Taufkirchen (D)

Ein Fenster zum Isaan: Erschienen in FARANG-Edition, Chonburi (TH)

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