Ameisen

Ich habe im Internet gelesen, daß es auf der Erde ein paar tausendmal mehr Ameisen als Menschen gibt, und alle Ameisen dieser Welt zusammen das Gewicht aller Menschen noch übersteigen, obwohl eine einzelne Ameise, je nach Art und Kaste, nur etwa 10 mg wiegt.

Für den in einer zubetonierten Großstadt in Deutschland lebenden Menschen mag das kaum zutreffend erscheinen, die am Durchschnitt fehlende Zahl hat sich aber sicher im Isaan versammelt. Hier auf dem Land gibt es nicht nur Unmengen von Ameisen, sondern auch eine Vielzahl von Arten. Sie verschonen sogar fromme Mönche nicht und stören sie beim Meditieren. Die Tiere stürzen die Mönche damit in ein Dilemma. Die wissen nicht, wie sie sich der Ameisen entledigen können, ohne sie zu töten. Ihre Religion verbietet es nämlich strikt, einem anderen Lebewesen etwas zuleide zu tun.

Lebensgefährlich

Hier nur die häufigsten Arten, die das Wohlbefinden der Farangs in diesem Lande stören.

Da sind die auf den Bäumen und Sträuchern hockenden großen roten und sehr bissigen Feuerameisen, die man sofort im Nacken hat, wenn man dicht genug darunter hergeht, und die den unfreiwilligen Wirt mit einem heftigen Biß traktieren. Das Gift der Feuerameisen kann bei Allergikern Schockreaktionen auslösen und sogar lebensgefährlich sein.

Begegnungen mit einzelnen Ameisen sind entsprechend nur für Allergiker gefährlich. Wird jedoch eine Kolonie der Tiere aufgestört, stürzen sich gleich mehrere Hundertschaften auf den potentiellen Angreifer. So können schwere Verbrennungen und lebensgefährliche Schockreaktionen das Resultat einer solchen Begegnung sein.

Da sind ferner die mittelgroßen schwarzen Ameisen, die überall im Boden sitzen und einem gerne die Beine hoch und in die Hosen krabbeln, wenn man stehen bleibt, oder sich gar irgendwo auf einen Baumstumpf setzt. Ihre oft meterhohen Wohnhaufen trifft man überall im Wald an. Die staatliche Organisation der -zigtausend Tierchen, die in solch einem Bau leben, und auch die Beobachtung des geschäftigen Lebens um den Bau mögen ganz interessant sein, aber als Störenfriede für den Ruhe suchenden Farang kommen sie kaum in Betracht.

Da sind aber vor allem die winzig kleinen, kaum stecknadelkopfgroßen Tierchen, die in unendlicher Zahl überall im Haus sitzen. Normalerweise bemerkt man sie gar nicht, man braucht aber nur irgend etwas offen stehen zu lassen, was nach Nahrung für diese Quälgeister riecht, oder auch nur etwas Kaffee oder Bier zu verschütten, und schon kommen ganze Heerscharen angekrabbelt. Die kleinste Unachtsamkeit mit Speiseresten zieht sie blitzschnell an. Sie freuen sich besonders über Schmutzfinken, die überall im und ums Haus Abfälle rumliegen lassen. Ein beim Abendessen hinters Haus geworfener Hühnerknochen, der den Blicken der ewig hungrigen Hunde entgangen ist, glänzt am nächsten Tag hell in der Sonne, abgenagt von Tausenden von Ameisen.

Ameisen-Scout

Weiß der Teufel, woher sie so schnell herausfinden, wo es etwas für sie Nahrhaftes gibt. Ich kann mir das nur so erklären, daß ständig ihre Pfadfinder unterwegs sind, um auszukundschaften, wo was Eßbares zu finden ist, und dann sofort ihre ganz Sippe alarmieren, wenn der Geruch von etwas Eßbarem in ihre feinen Nasen dringt. Wenn so ein Ameisen-Scout etwas Nahrhaftes gefunden hat, geht er sofort wieder zurück und verkündet dem ganzen Stamm, "da draußen haben gute Menschen für uns eine Mahlzeit bereitet." Man muß sich also nicht wundern, wenn dann sofort ein paar hundert Ameisen auftauchen. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, daß die kleinen Kriecher nur kommen, wenn es etwas zu futtern gibt. Sobald besagtes ausgeht bzw. alle Speisereste sorgfältig weggewischt werden, sind sie so schnell verschwunden, wie sie gekommen sind.

Es gibt im Hause nur einen Platz, der vor ihnen sicher ist, das ist der Kühlschrank. Man stellt also alles Eßbare, was für diese Raubtiere interessant ist, in den Kühlschrank. Leider ist das aus hygienischen Gründen kaum möglich mit meinen über Nacht auf einem Haken hängenden Hosen. Bevor ich am Morgen in diese Futterale steige, muss ich sie jedesmal sorgsam nach Untermietern durchsuchen, die sich über Nacht dort einquartiert haben, wenn ich nicht riskieren will, von diesen Quälgeistern an meinen empfindlichsten Stellen gebissen zu werden. So klein sie nämlich sind, so kräftig können sie zubeißen, und es ist nicht gerade angenehm, wenn man, kaum daß man sich gemütlich am Kaffeetisch niedergelassen hat, wieder aus der Hose steigen muss, um diese Mitbewohner loszuwerden.

Eine Lösung – auf die allerdings nur ein frustrierter Farang kommen kann – wäre, die Hosen nachts auch in den Kühlschrank zu stecken. Das ist aber auch nur eine Scheinlösung, denn wenn man dann morgens die Hosen erst mal 10 Minuten zum Auftauen irgendwo hinhängt, riskiert man, daß die ersten der fleißigen Ameisen sich schon wieder darin einquartiert haben.

Aber letztlich ist das mit den Ameisen so wie mit allen Dingen in Thailand, die uns gegen den Strich gehen. Man geht ihnen als Farang möglichst aus dem Weg, oder sucht so wie die Thais damit fertig zu werden. Ein Mittel, das sich dazu nach meiner Erfahrung weniger eignet, ist das hier überall erhältliche Insektenspray. Ich benutze es zwar auch manchmal, um die Tierchen daran zu hindern, das Innenleben meines Computers zu ruinieren, habe aber dabei ehrlich gesagt das Gefühl, daß ich mehr giftige Dämpfe dabei abkriege als die Ameisen.

Günther Ruffert

Autor der Bücher:
Geschichten aus Thailand: Erschienen im Heller Verlag Taufkirchen (D)
Farang in Thailand: Erschienen im Heller Verlag Taufkirchen (D)
Ein Fenster zum Isaan: Erschienen in FARANG-Edition, Chonburi (TH)

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Thomas Thoenes 21/01/2016 17:24
Hosen?
Wie du richtig beschreibst, sind die kleinen besonders schnell im Aufstöbern von potentieller Nahrung. Was mich in diesem Zusammenhang zu der Frage bringt... Was hast du in deiner Hose, wenn du sie abends ausziehst und aufhängst, dass diese morgens voller Ameisen ist? Ein Kotelett zur Ablenkung angreifender Hunde oder die berühmte Hasenpfote für die bessere Optik? :-) Ein positiver Aspekt der Ameisenflut ist aber, dass sie die ansonsten sehr schwer sauber zu haltenden Holzbretter auf denen man das meiste Fleisch klein hackt, über Nacht klinisch rein desinfizieren.