Wer sprühte Graffiti gegen Assad?

Als der Syrienkonflikt begann

Ein syrischer Schuhputzer aus dem Gouvernement Daraa betrachtet ein Wandgemälde, das den Eindruck des Künstlers von der Evolution vom Affen zum Menschen darstellt und einen Sprengstoffgürtel mit einem Sturmgewehr trägt. Foto: epa/Wael Hamzeh
Ein syrischer Schuhputzer aus dem Gouvernement Daraa betrachtet ein Wandgemälde, das den Eindruck des Künstlers von der Evolution vom Affen zum Menschen darstellt und einen Sprengstoffgürtel mit einem Sturmgewehr trägt. Foto: epa/Wael Hamzeh

DAMASKUS: Der Aufstand in Syrien vor zehn Jahren begann mit einer Gruppen von Jugendlichen, die in der Stadt Daraa Graffiti gegen den Machthaber Baschar al-Assad an eine Schulwand sprühten - so lautet die gängige Erzählung über den Ursprung des Bürgerkriegs. Doch stimmt sie auch? Baschir Abasid, einer der Jungen aus der Gruppe, bestreitet diese Version heute. Stattdessen sagt er: «Wir wurden wegen der Graffiti festgenommen. Aber wir haben sie nicht geschrieben.»

«Du bist an der Reihe, Doktor», hieß Medien zufolge einer der Sprüche auf der Schulwand - eine Botschaft an Assad, ein studierter Augenarzt. In den vergangenen Jahren wurden unterschiedliche Jungen porträtiert, die die Graffiti gesprüht haben sollen. Zu ihnen gehörte auch Baschir Abasid. Die britische «Daily Mail» zitierte ihn 2013: «Wir lachten und machten die ganze Zeit Witze - es machte Spaß.»

Seine Version heute klingt anders: Es habe zwar damals politische Graffiti auf der Schulwand gegeben, die er mit eigenen Augen gesehen habe, erklärt er in einem Interview über Audio- und Textnachrichten. «Aber ehrlich gesagt wissen wir nicht, wer sie geschrieben hat», sagt Baschir Abasid. Das Verhältnis zwischen den Schülern und Assads Sicherheitskräften sei angespannt gewesen, weil nach den Protesten in anderen Ländern die Kontrolle verschärft worden sei.

Er und ein Freund seien festgenommen worden, nachdem die Graffiti aufgetaucht seien, weil sie zwei Jahre zuvor ihre Namen «als Andenken» an die Schulwand geschrieben hätten, erzählt der damals 15-Jährige. Ein Experte habe Ähnlichkeiten bei der Handschrift festgestellt. In Haft seien sie dann erbarmungslos gefoltert worden. Nur deswegen hätten sie gestanden und auch andere Namen genannt.

Warum blieb er nach seiner Freilassung und Flucht aus Syrien bei dieser Version? «Als wir aus dem Gefängnis rauskamen, steckte uns die Furcht vor den Sicherheitskräften noch immer in den Knochen», sagt Baschir, der heute in der Türkei lebt. «Wir hatten Angst. Deswegen sagten wir: Ja, wir haben sie (die Graffiti) geschrieben.»

Tatsächlich wurden Mitte Februar 2011 mehrere Jugendliche in Daraa festgenommen. Vor genau zehn Jahren - am 15. März 2011 - kam es im Zuge der arabischen Aufstände auch in Syrien zu ersten Protesten gegen die Regierung. Drei Tage später zogen in Daraa Menschen auf die Straße und forderten unter anderem die Freilassung der Schüler. Assads Sicherheitskräften gingen mit Gewalt gegen den Protest vor. «Die Revolution hat in unserer Region begonnen», sagt Baschir Abasid.

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