ALLE LIEBEN MR JOHN

Fortsetzungsroman von Wolfgang Rill – Teil 5

(Fortsetzung von FA11/2022)

Mr John mag sie auch, die Schule. Aber sie ist nur seine Hauptbeschäftigung, nicht seine einzige Tätigkeit. Im Nebenberuf arbeitet er als eine Art Eheanbahnungsinstitut. Ich sollte wirklich Geld dafür nehmen, wäre dann ein reicher Mann, sagt er. Begegnet ihm eine seiner Klientinnen mal in der Stadt, eventuell sogar in Begleitung eines Verwandten oder ihrer Freundin, so grüßt er freundlich und geht seiner Wege. Wenn es sich ergibt, lässt er sich auf einen kleinen Small Talk ein, fragt nach dem Befinden der Eltern oder, falls vorhanden, des Babys und wie es auf der Arbeitsstelle, falls vorhanden, so geht. Die Antwort darauf ist meist: Ja, ja, viel Arbeit, tam ngan mak mak, auf Thai, aber wenig Geld, was auf Thai ming mi nöön heißt. Keinesfalls fragt er die langhaarige Sun oder die wohlgeformte Bpen, die immer noch kindliche Khaa oder die zuckersüße schlanke Pai, wie denn die Reaktion auf die message, die Nachricht von vorgestern Abend, war, ob der Mann schon geantwortet habe. So etwas bleibt ein Geheimnis zwischen seinen ehemaligen Schülerinnen und ihm.

Das Geheimnis hat einen Namen. Es heißt DIA. Date In Asia. Die hübschen Mädchen, die ihm abends nach dem Dunkelwerden, manchmal auch später auf die Bude rücken, haben alle etwas gemeinsam: Sie lieben ihre Eltern, aber sie wollen raus aus dieser miefigen, idiotischen kleinen Stadt. Sie träumen von der Welt, es muss nicht mal die große Welt sein, nur bitteschön ein bisschen mehr Welt als ewig diese Hitze hier, dieser Staub, diese hässlichen, langweiligen, ungepflegten, zusammengewürfelten Häuser, die Armut und die endlosen Reisfelder draußen. Sie wollen weg vom Zehnstundentag als Verkäuferin oder vom Zwölfstundentag als Tankwartin an der Caltex-Tankstelle oder von Mama und Papa, bei denen sie immer noch wohnen, weil sie arbeitslos sind. Sie wissen sehr gut, dass sie superhübsch und sexy und in ihren wichtigsten Jahren sind, und denken, dass sie Besseres verdient haben als diese, wie gesagt, idiotische Stadt. Mr John sieht das etwas anders. Er hat einiges von der Welt draußen gesehen und keinen Bedarf mehr danach.

Insgeheim hassen sie die jungen Männer in ihrer Umgebung, die nur drei Interessen haben: Alkohol, Drogen und Sex. Letzteren mit möglichst vielen verschiedenen Mädchen aus der Stadt, denen sie alle die gleiche Geschichte erzählen: Sie lieben sie, sie verzehren sich nach ihr, sie wollen ihr Superman sein, wie die geschminkten Teenieboys aus den Soap Operas. Es läuft dann doch nur darauf hinaus, dass sie dem Mädchen möglichst viel von ihrem Geld abnehmen, falls es welches verdient, und dass sie es nach ein zwei Jahren sitzen lassen, weil sich eine andere, Willigere gefunden hat. Oft hinterlassen sie ein Baby, für das sie keinen Unterhalt zahlen. Wovon auch.

Das Tor, oder besser gesagt die schmale Pforte, durch die man sich zwängen muss, wenn man dieser Misere entfliehen will, heißt, wie gesagt, DIA. Es ist ein Portal im Internet für »Dating, friendship, serious relationship and networking«, wie ein oft benutzter Slogan lautet. Tausende von Männern warten hier auf Kontakte, vielleicht Zehntausende. Meist sind sie alt, oft sind sie dick und hässlich, wenig gebildet, sehr schlichte Denker. Aber die Farangs haben etwas, das man selbst nicht hat: Geld.

Die Zahl der jungen Frauen, die hier mit Fotos ihrer hübschen Gesichter und einem knappen persönlichen Vorstellungsprofil auf ihre Entdeckung warten, dürfte die Hunderttausend weit überschreiten. Sie kommen aus Thailand, aber auch von den Philippinen, aus China und aus Vietnam, aus Kambodscha, Laos, Burma und Malaysia. DIA ist beliebter als andere Kontaktportale, weil es einfach zu bedienen ist und nichts kostet.

Jede hat von einer gehört, bei der es geklappt hat. Oder sie hat von einer gehört, die es von einer gehört hat. Oder sie hat es irgendwo gelesen. Aber es gibt eine Schwierigkeit, eine verfluchte, vermaledeite, dreimal verdammte Hürde: In DIA unterhält man sich auf Englisch. Da hilft es wenig, dass viele der Männer auch kaum Englisch können. Übersetzungsprogramme sind mühsam und helfen nicht viel weiter. Einer der wirklich weiterhelfen kann, ist Mr John.

Hallo!

– so fängt der Kontakt an. Manchmal geht es noch kürzer mit:

Hi.

Das Mädchen schreibt dann einfach ebenfalls

Hallo

zurück. Man kommt zum gegenseitigen

How are you?

und

I am fine.

Oft schreibt der Mann dann, was das Mädchen aus dem Profil ohnehin schon weiß:

I am Olaf and I come from Norway. I like you. You are beautiful.

Und das Mädchen schreibt Ähnliches zurück. Dann stockt die Kommunikation. Das Ganze hat etwas von pubertärem Schüleraustausch, bei dem man qualvoll über Hobbys und Vorlieben radebrecht, weil der Lehrer in der Schule das als Themen vorgegeben hat.

I like cooking, listen music and walk on the beach,

schreibt sie. Er:

I like watching TV especially football.

Sie beeilt sich zuzugeben, dass auch sie gerne Fernsehen schaut. Wenn es hochkommt, fragt er:

Am I too old for you?

Und sie antwortet charmant:

You are not old but I like old men.

Was die Mädchen nicht lieben, sind lier, also Lügner. Aber was ist ein Lügner? John hat viel gegrübelt, das herauszufinden. Generell meint lier wohl einen, der etwas Falsches vorspiegelt. Das geht vom einfachen I love you bis zu dem Versprechen, Geld zu schi­cken, und es dann doch nicht zu tun. Dies spielt aber erst nach der Anbahnungsphase eine Rolle.

* * *

(Fortsetzung in Ausgabe FA13/2022)

Über den Autor

Wolfgang Rill wurde in Fulda geboren. Heute lebt er zeitweise wieder dort, vorwiegend aber in Thailand. Seit dreißig Jahren schreibt er Geschichten und veranstaltet Schreibrunden für Interessierte. Seine Bücher sind bei Amazon unter „Wolfgang Rill“ bestellbar oder beim Autor erhältlich. „Alle lieben Mr. John“ ist sein siebter Roman.

Kontakt: wrill@t-online.de

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