ALLE LIEBEN MR JOHN

Fortsetzungsroman von Wolfgang Rill – Teil 3

(Fortsetzung von FA09/2022)

Weil Eule so interessiert ist, tut sie besonders uninteressiert, Aber wie zum Teufel kann sie uninteressiert scheinen und trotzdem wahrgenommen werden? Schließlich verfällt sie auf die fachliche Methode. Unter den neidischen Bli­cken einiger Kolleginnen, die sie vom Pausenhof aus beobachten, geht sie forsch auf die beiden Männer zu, die in Johns Gruppenecke sitzen, und hockt sich locker mit der halben Hinterbacke auf einen der Schülertische. John und der junge Engländer – wie heißt er denn überhaupt, das wäre noch rauszukriegen – unterbrechen höflich ihren Small Talk und schauen zu ihr hoch.

Darf ich … ähm … Ich möchte Sie mal unterbrechen …, sagt sie. Aber wenn es gerade nicht …, dann kann ich natürlich später …

Unterbrochen haben Sie ja schon, sagt John auf Thai. Ist uns ein Vergnügen.

No problem, sagt der junge Mann auf Englisch.

In einem Gemisch aus Thai und englischen Brocken bringt die schöne Chanidapa mit der runden Brille nun ihr Anliegen vor: Ob der junge Herr, wie war doch gleich der Name? Peter, ach ja, Khun Peter. Also ob der junge Herr vielleicht wüsste, ob es für Thailand … ähh … Unterrichtsmaterial gebe.

Das laden wir gerade aus, sagt John.

Ja … aber ob es etwas Spezielles gebe. Etwas für Geografie. Ich habe nämlich Geografie studiert und unterrichte es nun. Tin strafft sich und sieht dadurch noch hinreißender aus. Und im Studium, da haben wir so Karten gehabt, die waren englisch beschriftet. Und Folien und so was gab es auch.

Peter, der smarte junge Mann mit dem intelligenten Gesicht, hat längst begriffen, worum es geht. Als zweiter Kulturattaché an der englischen Botschaft in Bangkok ist er schon über ein Jahr in Thailand. Er weiß, er kann es sich aussuchen. Und in diesem Moment hat er es sich ausgesucht. Ein kurzer Blick zu Mr John, der amüsiert die Augenbrauen hochzieht, dann sagt Peter in gut verständlichem Thai: Es ist mir eine Freude. Ich kann bestimmt beim nächsten Mal etwas mitbringen. Aber vielleicht geht es auch schneller. Geben Sie mir doch bitte Ihre Telefonnummer.

Hastig schreibt Tin die Nummer auf einen Block, kritzelt noch dazu: Chanidapa, genannt Eule, reißt das Blatt ab und vergisst es unauffällig auf den Tisch. Dann bedankt sie sich höflich und etwas nervös und stöckelt auf halbhohen schwarzen Schuhen so ruhig und uninteressiert wie möglich aus dem Klassenraum. Dass sie selber bald mal in Europa zu Besuch sein könnte, wagt sie gar nicht zu denken. Aber so ein Prickeln spürt sie doch. Es pri­ckelt ganz schön, das Prickeln.

Er prickelt auch beim zweiten Kulturattaché Peter, das hat John sofort heraus. Und in den folgenden Wochen und Monaten wird aus der Sache eine Affäre, an der er und die ganze Schule ihre Freude haben. Natürlich wird getuschelt und gelästert. Aber nicht bösartig. Eher ein bisschen neidisch, wohlwollend neidisch. Vom zweiten Stock, in dem sie wohnt, kann man bis rüber zum Einkaufszentrum Big C und bis auf den See schauen. In ihrer Seitengasse gibt es alles zu kaufen, was man braucht: einen Kramladen für Stoffe und Seife, einen Gemüseladen, in dem Peter auch sein Bier und Gürkchen in Gläsern bekommt, und zwei Garküchen, eine davon sogar als Barbecue, wo man rohe Fleisch- und Fischbrocken auf einem Blechteller mit Kohlenfeuer darunter grillen kann. Die Gasse riecht dann nach gebratenem Fleisch, vermischt mit Kohlenrauch. Außerdem gibt es noch Läden, die T-Shirts verkaufen, eine kleine Freifläche, auf der man Pflanzen erwerben kann und einen Frisör. Im Kramladen gibt es auch Präservative. Aber Peter kauft nie welche. Chanidapa auch nicht.

* * *

Mr John hat auch Gegner. Die hat er nicht, weil er irgendjemanden aktiv provoziert, eher im Gegenteil. Er ist der friedlichste Korken unter der Sonne. Trotzdem: So richtig eine runterhauen würde ihm zum Beispiel Khun Pim ganz gerne mal. Pim ist der zweite Englischlehrer an der Schule. Er hat das Gebrechen, das viele Englischlehrer in Thailand haben: Er kann kein Englisch. Zumindest beherrscht er es nur rudimentär. Wie seine Schüler auch sagt er in freier Rede: Yesterday I go shopping, but blah sud no have. Mr John hat mal den Fehler gemacht, ihm im Vertrauen zu sagen: Lieber Kollege, ich will nicht kritisieren, nur helfen. Unter uns gesprochen, es müsste heißen: Yesterday I went shopping, but they did not have fresh fish. Pim war sehr betroffen, nein, er war tief im Inneren getroffen, verstört, zerstört. Er verbarg es unter einem maskenhaften Lächeln.

Khun Pims Englischstunden sehen so aus, wie er sie selbst als Schüler erlebt hat und wie es ihm an der Universität in Khon Kaen wieder begegnet ist. Er steht vorne, mit dem Rücken zur Klasse, schreibt zehn Sätze über London als Hauptstadt an die Tafel und darunter in Thaischrift die Bedeutung der Sätze. Er entnimmt sie dem Buch »Happy English for Thai Students«. London is the capital of the United Kingdom. London is a big city. London has many old buildings. … Danach dreht er sich um und prüft, ob die Schüler auch alles mitschreiben und niemand tuschelt. Die Jungen und Mädchen sitzen still, kerzengerade in exakten Reihen in ihren Bänken. Nur in den Minuten, in denen Pim schreibt, blinken in allen Reihen die Bildschirme der Smartphones auf, diese faszinierenden kleinen Leuchtflächen, auf denen das eigentliche Leben stattfindet. Hurtig wird gechattet und gesimst, Bilder und Webadressen werden ausgetauscht und fliegen elektromagnetisch durch den Äther, alles bei abgeschaltetem Ton. Wenn Khun Pim vorne mit dem zehnten Satz beginnt, verschwinden die Telefone in Hosentaschen, unter Schulheften oder in Schulmappen. Erwischt Pim doch mal einen der bösen Buben oder dieser frechen Gören, dann gibt es je nach Laune ein kräftige Kopfnuss, eine Ohrfeige, eins auf die Finger oder mit dem Stock auf den Hintern. Irgendwie muss man sich ja durchsetzen!

(Fortsetzung in Ausgabe FA11/2022)

Über den Autor

Wolfgang Rill wurde in Fulda geboren. Heute lebt er zeitweise wieder dort, vorwiegend aber in Thailand. Seit dreißig Jahren schreibt er Geschichten und veranstaltet Schreibrunden für Interessierte. Seine Bücher sind bei Amazon unter „Wolfgang Rill“ bestellbar oder beim Autor erhältlich. „Alle lieben Mr. John“ ist sein siebter Roman.

Kontakt: wrill@t-online.de

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