ALLE LIEBEN MR JOHN

Fortsetzungsroman von Wolfgang Rill – Teil 12

(Fortsetzung von FA18/2022)

In dieser dritten Nacht war Alfred noch weniger zärtlich als in den ersten beiden. Als sie sich steif machte, wurde er sogar etwas grob. Er dachte wohl, Rücksicht sei nicht mehr nötig. Er spreizte mit Kraft ihre Beine und versuchte, sie in den Hintereingang zu vögeln. Sie konnte es mit knapper Not verhindern. Er grunzte enttäuscht und wütend und murmelte Sachen auf Deutsch, die bestimmt nicht höflich waren. Sie weinte leise. Als er wegen all des Biers, das er getrunken hatte, endlich einschlief, hielt sie es nicht mehr aus, stand auf, sammelte behende ihre Siebensachen ein und verließ das Zimmer.

Sie wagte es nicht, Chalang anzurufen, die drei Zimmer weiter schlief. Aber früh am nächsten Morgen am Busbahnhof klingelte ihr eigenes Handy. Chalang hatte sich auf dem Klo eingeschlossen. Klaus hatte an die Tür gewummert, aber sie hatte nicht aufgemacht. Dann hatte sie doch aufgemacht, und er war zuerst pinkeln, dann hatte er sie aufs Bett geschmissen. Zum Glück hatte er aber keinen hochgekriegt, sagt Chalang und kicherte trotz allen Unglücks. Als er ebenfalls vom ganzen Alkohol eingeschlafen war, schloss sie sich wieder auf dem Klo ein. Dort hatte sie auf den nackten Fliesen, nur mit einem großen Handtuch und einem Kissen unter sich ein wenig geschlafen und war erst nachdem es morgens hell wurde verduftet, während Klaus im Bett noch grunzte. Wo hätte sie in der Nacht auch hingekonnt?

Trotz der üblen Stunden im Bad war das schlauer gewesen als die Flucht ihrer neuen Freundin. Phoo war in der Nacht lange durch die Straßen geirrt. Dann hatte sie in der Nähe des Busbahnhofs eine Garküche gefunden, welche die ganze Nacht offen hatte. Die mürrische alte Frau hatte sie bei einer Suppe hinten in der Ecke auf einem Plastikstuhl an einem Plastiktisch den Rest der Nacht sitzen lassen, den Kopf auf die Arme gesunken, einen Arm durch die Schlinge ihrer Reisetasche gesteckt.

Sie trafen sich wieder und beschlossen, dass sie auf keinen Fall in der Verfassung wären, nun die Heimreise anzutreten. Auch Chalang hatte es über achtzig Kilometer weit, allerdings in eine andere Richtung. Sie legten zusammen und mieteten für dreihundert Baht für fünf Stunden ein Zimmer in einem Stundenhotel nahe des Zentrums. Dort schliefen sie bis zum frühen Nachmittag. Dann gemeinsam zum Busbahnhof, Abschied und Heimfahrt jeweils mit dem letzten Bus an diesem Tag.

Mr John schaut sie wieder mit traurigem Dackelblick an. Manchmal hat er diesen Ausdruck, so weltmüde wegen all der Gemeinheit, so leidend und dennoch tapfer, dass man ihn mit dem heiligen Sebastian, an einen Pfahl gefesselt, vergleichen könnte, wäre man Christ und nicht Buddhist. Er nimmt ihre Hand und drückt sie. Machen wir kein Melodrama draus, sagt er. Steigern wir uns nicht rein ins Selbstmitleid. Er gähnt. Ich habe eine gute Idee: Trinken wir ein Glas Rotwein. Lassen wir die Diskretion fahren. Es werden sich sowieso schon viele darüber das Maul zerrissen haben, dass du dauernd zu mir kommst. Gehen wir runter. Sie setzen sich auf ein Bänkchen unten ins Tor, vor sich auf einem wackeligen Holzschemel die zwei Gläser Rotwein, das von Phoo stark mit Wasser verdünnt, und schauen schweigend auf das Leben in der Gasse.

* * *

In der Schule laufen die Dinge wie immer. Der Unterricht geht seinen Gang. Ein paar Tage nach Phoos Reise aber gewinnt die thailändische Frauenmannschaft den Ost­asien Volleyball Cup in Kuala Lumpur. Im Sportunterricht sind alle aus dem Häuschen. Es gibt eine junge Frau in der Siegermannschaft, die aus Phung Daet stammt und vor Jahren hier an der Satree School zur Schule gegangen ist. Nes, der Sportlehrer, möchte deswegen im Unterricht ein gemeinsames Gratulations-SMS-Schreiben veranstalten, wenn die Sportlerin zur Feier des Sieges schon nicht selbst in Phung Daet erscheinen kann. Sie wird in Bangkok von Party zu Party gereicht und denkt wohl nicht an ihre alte Heimat irgendwo da oben im Isaan, dem Nordosten Thailands. Nes hat ihre private Telefonnummer herausgekriegt, Eule hat sie ihm genannt, und setzt für seine Schüler im Sportunterricht ein Barbecue auf einer Wiese beim Sportplatz an. Die Doppelstunde Sport in zwei achten Klassen, die er hat, ist dafür leider zu kurz, deswegen spricht er Mr John an, der die Schüler vor Nes ebenfalls für zwei Stunden auf dem Plan hat. John sagt zu, verspricht, Tintenfisch zum Grillen mitzubringen, weil er den selber gern isst. Chanidapa, genannt Eule, ist zusammen mit der Siegerin aufgewachsen. Sie und ihre zwei Klassen machen auch mit. Schade, dass Peter, der Kultur­attaché aus Bangkok, nicht kommen kann, sagt sie. Tin, Pla und Namtip, Johns Schülerinnen der achten Klasse, sind hochbegeistert und versprechen, ihre SMS auf Englisch zu schreiben. Außerdem sind die drei in der ersten Stunde schon mit dem Vorbereiten des Grillrostes und dem Schmü­cken des Platzes mit Girlanden beschäftigt. Die inoffizielle Schulband von Khip hat von der Sache gehört, schwänzt den Unterricht in Mathematik und packt die Instrumente und Verstärker aus. Im Nu ist die halbe Schule bei der Sache dabei. Nur die Kleinen in den Klassen eins bis vier gehen jammernd zu ihrem regulären Unterricht. Aber auch dort entwischt mancher auf die Wiese am Spielfeldrand. Es wird musiziert, es wird getanzt. Nebenan auf dem Volleyballfeld findet ein inoffizielles Turnier von sechs gemischten Mannschaften statt, die sich quer durch die Klassen spontan zusammengestellt haben. Eule pfeift als Schiedsrichterin, denn Khun Nes, der Sportlehrer, muss sich um das Barbecue kümmern. Es duftet nach gebratenem Fleisch und Früchten, zum Trinken werden Cola und Wasser in Plastikbechern gereicht. Frau Anuthida, die Direktorin, steht lächelnd am Spielfeldrand und sieht dem spontanen bunten Treiben zu. Mr John sitzt im Kreis seiner Schüler auf der Wiese, plant mit ihnen, was man der Heldin im fernen Bangkok schreiben könnte, und gähnt nur ganz wenig.

(Fortsetzung in Ausgabe FA20/2022)

Über den Autor

Wolfgang Rill wurde in Fulda geboren. Heute lebt er zeitweise wieder dort, vorwiegend aber in Thailand. Seit dreißig Jahren schreibt er Geschichten und veranstaltet Schreibrunden für Interessierte. Seine Bücher sind bei Amazon unter „Wolfgang Rill“ bestellbar oder beim Autor erhältlich. „Alle lieben Mr. John“ ist sein siebter Roman.

Kontakt: wrill@t-online.de

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