50 Jahre nach erster UN-Umweltkonferenz

Quo vadis, Naturschutz?

«Demaskiert die UN-Konferenz» steht auf diesem Transparent zu lesen, das jugendliche Demonstranten vor dem Parlamentsgebäude zeigen, in dem die Umweltkonferenz der Vereinten Nationen begonnen hat. Foto: UPI/dpa
«Demaskiert die UN-Konferenz» steht auf diesem Transparent zu lesen, das jugendliche Demonstranten vor dem Parlamentsgebäude zeigen, in dem die Umweltkonferenz der Vereinten Nationen begonnen hat. Foto: UPI/dpa

STOCKHOLM: 1972 wurde zum ersten Mal auf einer UN-Konferenz in Stockholm über die Umwelt gesprochen. 50 Jahre später soll an selber Stelle der Geist von damals wiederaufleben. Gleichzeitig tobt die globale Klima-, Umwelt- und Nachhaltigkeitskrise. Hat die Menschheit versagt?

Seit mittlerweile fast 200 Wochen demonstriert Greta Thunberg jeden Freitag für mehr Klima- und Umweltschutz - eine lange Zeit, in der aus Sicht von Klimaschützern und -wissenschaftlern politisch viel zu wenig gehandelt worden ist. Noch viel länger ist es jedoch her, dass in Thunbergs Heimatstadt Stockholm erstmals auf einer UN-Konferenz über Umweltthemen gesprochen wurde. 1972 war das, und in den folgenden 50 Jahren wurde viel für die Umwelt getan - und viel zu Vieles versäumt. Die schwedische Hauptstadt lädt nun zur Umweltkonferenz Stockholm+50, auf der die Frage im Raum steht, wie das Tempo beim Kampf gegen die Erderwärmung, das rasante Artensterben und die Vermüllung des Planeten drastisch erhöht werden kann.

Am Donnerstag und Freitag werden dafür mehr als zehn Staats- und Regierungschefs, gut 90 Ministerinnen und Minister sowie zahlreiche Vertreter der Zivilgesellschaft und aus dem Privatsektor in Stockholm erwartet. Aus Deutschland reisen unter anderen Bundesumweltministerin Steffi Lemke und Klimaaktivistin Luisa Neubauer an, auch der US-Klimabeauftragte John Kerry kommt.

Gut sechs Monate sind seit der 26. Weltklimakonferenz von Glasgow (COP26) vergangen, in knapp sechs weiteren Monaten folgt im ägyptischen Scharm el Scheich die nächste. Angesichts von Klima-, Umwelt- und Nachhaltigkeitskrise soll Stockholm+50 auf halbem Weg zwischen COP26 und COP27 eine Möglichkeit bieten, dringend notwendige Maßnahmen zu beschleunigen, um die Welt auf den Kurs der 2015 in Paris vereinbarten Klimaziele zu bringen - also die Erderhitzung möglichst auf 1,5 Grad zu begrenzen im Vergleich zur vorindustriellen Zeit. Das Motto der Konferenz: «Ein gesunder Planet für den Wohlstand aller - unsere Verantwortung, unsere Chance.»

Dabei soll nach dem Wunsch der Veranstalter der Geist von 1972 durch Stockholm wehen. Zugleich sollen 50 Jahre des globalen Einsatzes für die Umwelt gefeiert werden. Damals hatten sich Delegierte aus 122 Ländern in der Stadt zur ersten UN-Konferenz über die Umwelt des Menschen getroffen. Das Treffen gilt als so etwas wie die Geburtsstunde der globalen Umweltpolitik, es sorgte dafür, dass in der Folge in aller Welt Umweltministerien geschaffen und neue globale Umweltschutzabkommen geschlossen wurden. Darunter waren Schritte zur Heilung des Ozonlochs oder die Verbannung von Blei aus dem Benzin.

Der Weltklimarat IPCC hat jedoch unlängst einmal mehr klargemacht, dass das menschliche Handeln gegen den seit Jahrzehnten bekannten Klimawandel bei Weitem nicht ausreicht. Nur eine schnelle und drastische Senkung der Emissionen kann die Erderwärmung nach IPCC-Einschätzung noch auf maximal 1,5 Grad begrenzen.

Und nicht nur die Klimakrise tobt, auch das Artensterben beschleunigt sich, der Mensch lebt weiter nicht nachhaltig und produziert viel zu viel Müll. Man habe es somit mit einer dreifachen planetaren Krise zu tun, sagt die Exekutivdirektorin des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (Unep), Inger Andersen. Diese Krise werde von Jahrzehnten des nicht nachhaltigen Verbrauches von Ressourcen angetrieben, die CO2-Konzentration in der Atmosphäre sei so hoch wie seit über zwei Millionen Jahren nicht mehr. Man habe zudem nicht genug getan, um die am stärksten gefährdeten Gemeinschaften und Länder zu schützen.

«Schauen Sie, die Realität ist, dass wir uns einfach nicht schnell genug bewegt haben», so Andersen. Es gebe aber noch ein Zeitfenster, um die Folgen des Klimawandels abzufedern. «Es liegt an uns, ob wir dem Ruf der Natur folgen oder ihn auf eigene Gefahr ignorieren.»

Ob Stockholm+50 an den globalen Problemen etwas ändern kann? Klimaschützer sind skeptisch. Greta Thunberg machte ihre Einstellung zur Konferenz vor wenigen Tagen in gewohnt klaren Worten deutlich: «Es gibt nichts zu feiern», sagte die Stockholmerin während ihres freitäglichen Protests der Nachrichtenagentur TT. Es sei schwierig, Lösungen für eine Krise zu finden, die komplett ignoriert werde.

Mitstreiter sind mit der jungen Schwedin einer Meinung. «Wir erwarten inhaltlich eigentlich kaum etwas von der Konferenz», sagt David Fopp, einer der führenden Vertreter der Bewegung Scientists for Future in Schweden. Einen Schub verspricht er sich von Protestaktionen, die am Rande der Konferenz in der Stadt stattfinden sollen. Generell brauche es einen massiven Druck von der Straße, um die Politik dazu zu zwingen, «eine neue Epoche der wirklichen Zusammenarbeit und einer neuen Sicht auf die Natur» einzuleiten, sagt der gebürtige Schweizer, der regelmäßig an der Seite Thunbergs in Stockholm protestiert.

Fopp kritisiert ebenso wie andere Umweltfreunde, dass der globale Süden bei UN-Konferenzen viel zu wenig Mitspracherecht bekomme. «Es ist ein Riesenproblem, das wir schon in Glasgow gesehen haben, dass die am stärksten Betroffenen kaum etwas zu sagen haben.» Man müsse endlich denjenigen eine Stimme geben, die die Klima- und Umweltkrise am meisten spürten.

Wie wichtig den schon heute immens betroffenen Ländern der Kampf für Klima und Umwelt ist, zeigt allein ein Blick auf die Rednerliste: Der Großteil der angemeldeten Staatschefs stammt aus Afrika und Südamerika. Fridays for Future Schweden plant am Freitag zudem einen großen Protestmarsch, bei dem vor allem Rednerinnen und Redner aus dem globalen Süden sprechen sollen. Unter anderen wird die führende ugandische Klimaaktivistin Vanessa Nakate in Stockholm dabei sein. «Wir können uns keine weitere Konferenz mit leeren Versprechungen leisten, während das Leben der Menschen in Afrika durch klimabedingte Dürren und Überschwemmungen zerstört wird», fordert sie.

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