50 Jahre nach Attentat: Unruhe bleibt

Der Ort war Schauplatz blutiger Auseinandersetzungen während der jahrzehntelangen Bürgerkriegs in Nordirland. Foto: Larissa Schwedes/dpa
Der Ort war Schauplatz blutiger Auseinandersetzungen während der jahrzehntelangen Bürgerkriegs in Nordirland. Foto: Larissa Schwedes/dpa

DUBLIN: Mit elf überlebte Andy Rowen eines der schwersten Bombenattentate des nordirischen Bürgerkriegs, seine Geschichte inspirierte U2. 50 Jahre später gibt es auf der geteilten Insel noch immer Gewalt.

«Ich erinnere mich daran, wie mein Vater mich ruckartig zur Seite schob, als die erste Bombe hochging», sagt Andy Rowen. Dann brach um ihn herum Chaos aus. Der 61-jährige Rowen war damals elf Jahre alt und mit in Dublin, um beim Warenausliefern zu helfen, als sich sein Leben für immer veränderte, wie er der Deutschen Presse-Agentur erzählt. An diesem Freitag ist das 50 Jahre her.

Innerhalb kurzer Zeit detonieren am Nachmittag des 17. Mai 1974 drei Autobomben ohne jede Vorwarnung im Zentrum der irischen Hauptstadt. Wegen eines Busstreiks sind mehr Menschen zu Fuß unterwegs als sonst. Eine weitere Bombe explodiert um 18.58 Uhr in einem weißen Lieferwagen in Monaghan, einem Ort nahe der Grenze zu Nordirland.

36 Tote und zahlreiche Verletzte

Insgesamt 33 Menschen sterben sofort und etliche werden verletzt. Drei weitere erliegen später noch ihren Verletzungen. Es ist das tödlichste Attentat während des nordirischen Bürgerkriegs: Die «Troubles», wie der Konflikt genannt wird, greifen mit Gewalt auf das Nachbarland über. Die Verantwortung übernimmt - Jahre später - die protestantisch-loyalistische Terrorgruppe Ulster Volunteer Force (UVF).

Zwar hat das Karfreitagsabkommen von 1998 den Bürgerkrieg beendet. Doch 50 Jahre nach den Dublin-Monaghan-Attentaten ist die Situation in Nordirland nach wie vor angespannt. Eine öffentliche «Kreuzigung» eines Mannes - er wurde mit einem Nagel durch jede Hand an einem Zaun befestigt - im Ort Bushmills Anfang Mai hat nach Einschätzung der Polizei einen paramilitärischen Hintergrund. Der «finstere Angriff» sei ein Zeichen, dass der Konflikt weiter schwelt, sagt der Polizist Bobby Singleton der BBC.

Brexit erschwert Friedensprozess

Auch die Folgen des Brexits haben den Friedensprozess wieder verlangsamt. Obwohl mitten durch die grüne Insel die EU-Außengrenze verläuft, gibt es keine Kontrollen. Das ist gewollt: Zu groß ist die Furcht, dass eine «harte Grenze» neue Unruhen erzeugt. Doch das bedeutet auch, dass Importe nach Nordirland aus dem Rest des Vereinigten Königreichs kontrolliert werden mussten. Für die Loyalisten ein Skandal - sie fürchten einen Bruch mit Großbritannien.

In den Fokus von Militanten beider Seiten rückt häufig ein Ort, dessen Name allein die Zerrissenheit des Landes zeigt. Für die Menschen, die eine Wiedervereinigung mit dem EU-Nachbarn Irland wollen - in der Mehrheit Katholiken -, heißt die 85-000-Einwohner Stadt Derry. Die zumeist protestantischen Loyalisten aber, die an der Union mit Großbritannien festhalten wollen, nennen sie nach dem offiziellen Namen Londonderry. Wer sich heraushält, sagt Derry-Londonderry. Daher der Kurzname «Bindestrich-Stadt» (Stroke City).

Dort explodierte im Januar 2019 eine Autobombe. Wenige Monate später wurde die Journalistin Lyra McKee mit Schüssen getötet, als sie über Unruhen berichten wollte. Sie war ein Zufallsopfer. Die Verantwortung übernahm die republikanische Terrorgruppe Neue IRA. 2021 kam es zu Ausschreitungen paramilitärischer Gruppierungen aus dem loyalistischen Spektrum.

Kommt eine Wiedervereinigung?

Oft genug überschattet Gewalt die politische Debatte über eine Wiedervereinigung. Wer sich in Dublin umhört, erfährt schnell, dass sich irische Behörden schon auf den Tag X vorbereiten, auch wenn noch einige Zeit vergehen dürfte. Je nachdem, wen man fragt, wird von 10 bis 30 Jahren ausgegangen. Der irische Ex-Premier Leo Varadkar war zuversichtlich, die Wiedervereinigung noch zu seinen Lebzeiten zu verfolgen. Er ist 45.

Laut Karfreitagsabkommen soll einmal ein Referendum in beiden Teilen Irlands über eine Vereinigung entscheiden. Bisher ist aber völlig offen, wann und unter welchen Bedingungen so eine Befragung angesetzt werden soll.

Derzeit ist die Stimmung zwischen Dublin und London schlecht. Weil Großbritannien per Gesetz - und gegen den Widerstand aller nordirischen Parteien - einen Schlussstrich unter die Aufarbeitung von Verbrechen aus der Zeit des Bürgerkriegs gezogen hat, verklagte Irland den Nachbarn vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR).

Erhebliche Folgen der «Troubles»

Der Konflikt mit mehr als 3500 Toten strahlt noch immer in die Gesellschaft. Etwa 39 Prozent der nordirischen Bevölkerung haben ein konfliktbedingtes Trauma erlitten, weitere 39 Prozent erfüllen die Kriterien für eine psychische Erkrankung, so eine Studie der Ulster University. Die nordirischen Zahlen für Stimmungs-, Angst- und Subtanzstörungen wie Suchterkrankungen gehören zu den höchsten der Welt.

Auch Andy Rowen, der vor 50 Jahren das Attentat überlebte, war lange heroinsüchtig. Erinnerungen seien sehr wichtig, findet er. Gerade hat Rowen ein Gedicht über seine Erfahrungen veröffentlicht: «One Long Lost Day», ein langer verlorener Tag. Die Auswirkungen seines Erlebnisses finden sich auch in Liedern von U2 wieder. In «Bad», dem Song, der die irische Rockband beim Live-Aid-Konzert 1985 endgültig berühmt machte, geht es um Andy, dessen Familie zum Freundeskreis von Sänger Bono gehört.

In der Kunst sind die Bombenanschläge von Dublin und Monaghan nicht vergessen, sie kommen auch in Roddy Doyles Roman «The Dead Republic» von 2010 zur Sprache. Doch auf viele Antworten warten Opfer und Hinterbliebene noch heute. Eine irische Untersuchung kritisierte 2003, die Ermittlungen seien verfrüht eingestellt worden. Die britische Regierung ihrerseits rückte wichtige Dokumente nicht heraus. Eine Anklage gab es nie.

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